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Religionen

Zehn Jahre «Runder Tisch der Religionen»

Kein Platz für Polemik

21.06.2017
Nach zehn Jahren Einsatz tritt Lilo Roost Vischer als Koordinatorin in Religionsfragen in Basel ab. Mit dem «Runden Tisch der Religionen beider Basel» hat sie ein Gremium geschaffen, das offen und kritisch heikle Themen anspricht und schweizweit einmalig ist.

In den Kantonen Basel-Stadt und Baselland gibt es mehr als 220 religiöse Gruppierungen. Rund 46 Prozent der Basler Wohnbevölkerung sind konfessionslos. Die Katholiken und die Reformierten liegen mit 17,4 und 16,9 Prozent etwa gleich auf. Und mit 8,6 Prozent liegt der Anteil der muslimischen Glaubensgemeinschaften im Kanton Basel-Stadt in der Schweiz am höchsten. Das zeigen die neusten Zahlen aus dem Jahr 2015.

So viele verschiedene Religionen und Konfessionen, das verlangt nach einer Koordination. Eine halbe Stelle ist im Stadtkanton für die Koordination in Religionsfragen reserviert. Wenig, scheint es. Doch mit diesem Pensum hat Lilo Roost Vischer mit dem «Runden Tisch der Religionen beider Basel» bereits vor zehn Jahren eine Institution geschaffen, die schweizweit einmalig ist und zum Frieden zwischen den Religionsgemeinschaften am Rheinknie beiträgt.

Eine Aussage von Lilo Roost Vischer erstaunt auf den ersten Blick: «Am Runden Tisch reden wir im Grunde genommen nicht über Religion im eigentlichen Sinne, also über Glaubensfragen. Das ist nicht die Aufgabe des Staates». Über was denn? «Am Runden Tisch setzen wir uns für ein friedliches Zusammenleben ein und diskutieren die Rahmenbedingen, die es dazu braucht», lautet die Antwort der Koordinatorin. So diskutierte man beispielsweise an der ersten Sitzung des Runden Tisches im April 2007 die Handreichung «Umgang mit religiösen Fragen an der Schule». Eine Broschüre des Erziehungsdepartements, die insbesondere im Kanton Basel-Stadt gute Dienste leistete und bereits zweimal aktualisiert wurde.

Je brisanter desto medialer
Lilo Roost Vischer wählt ihre Worte mit Bedacht. Das hat seinen Grund und der liegt unter anderem bei den Medien. «Bildung und Religion sind Themen, über die Journalisten gerne berichten, weil sie Brisanz aufweisen», sagte Hans-Georg Signer, ehemaliger Leiter Bildung beim Erziehungsdepartement Basel-Stadt, am Jubiläumsanlass «10 Jahre Runder Tisch der Religionen» in der Offenen Kirche Elisabethen. Lilo Roost Vischer kann das bestätigen. «Während über unsere Anlässe kaum berichtet wurde, stand Religion dann im Fokus der Medien, wenn es um Skandale oder Radikalisierung ging.» Diese Art der Berichterstattung wertet die Koordinatorin als wenig hilfreich. Denn wenn am Runden Tisch etwas keinen Platz hatte, dann war es das Polemisieren.

Am Runden Tisch sitzen 13 Religionsgemeinschaften und zwei Dachverbände zusammen – auch kurdische Aleviten mit türkischen Sunniten. Die in zehn Jahren entstandene Vertrauensbasis mache es möglich, vorhandene Probleme «offen und kritisch» anzusprechen, betont Lilo Roost Vischer. Seien es Fragen der Bestattung oder der Radikalisierung. Der Runde Tisch nahm an verschiedenen «Solidaritätskundgebungen gegen Terror» teil und bezog klar Stellung. In gleicher Klarheit sagt Lilo Roost Vischer: «Wir nehmen das Thema  ernst und diskutieren regelmässig über Radikalität im Glauben sowie Eigenverantwortung und Selbstkontrolle der Religionsgemeinschaften.» Die Koordinatorin spricht bewusst von «mit Religion begründeter Radikalisierung» und nicht von «religiöser Radikalisierung». Für Vischer gibt es da einen entscheidenden Unterschied.

Wissen über Religion fördern – auch an Schulen
Lilo Roost Vischer stellt fest, dass die Medien zwar verbreitet über Religion berichten, dass das Wissen darüber bei vielen aber kaum noch vorhanden ist. Deshalb setzt sich Vischer für den Religionsunterricht an den Schulen ein. «Der konfessionelle Unterricht muss freiwillig bleiben. Gleichzeitig soll der Pflichtunterricht aber das Grundlagenwissen über die Religionen vermitteln, das ist dem Runden Tisch ein grosses Anliegen.»

Ein Projekt im Schulbereich, das der Runde Tisch mit dem Interreligiösen Forum Basel initiiert hat, heisst «Visit a religion!» Wenn Religionsklassen oder Jugendgruppen eine Religionsgemeinschaft kennenlernen möchten, ist dies über «Visit a religion!» möglich. Lilo Roost Vischer: «Wir übernehmen die Unkosten, die den besuchten Religionsgemeinschaften entstehen, sodass kein finanzieller Aufwand einem Besuch im Wege steht. Und die Religionsgemeinschaften mit ihren zum Teil knappen Ressourcen werden so für ihren Aufwand entschädigt.»

Dass der Runde Tisch der Religionen sich nach zehn Jahren und 53 Sitzungen lebendiger denn je zeigt, ist für Lilo Roost Vischer Genugtuung und Entschädigung für den Gegenwind, der ihr zuweilen entgegen blies. Dankbar ist sie auch über die ausgezeichnete Kooperation mit dem Kanton Basel-Landschaft, vertreten durch den Integrationsbeauftragten Martin Bürgin. Trotz ihrem 50-Prozent-Pensum war die scheidende Koordinatorin für eines nie zu haben: für halbe Sachen.

Franz Osswald / Kirchenbote / 21. Juni 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


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