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Spiritualität

Pfarrer Stockmayer setzte Impulse im Thurgau

Ende Juni wird das Altersheim im Schloss Hauptwil aus finanziellen Gründen geschlossen. Genau hundert Jahre nach dem Tod von Pfarrer Otto Stockmayer. Dieser leitete während fast vier Jahrzehnten im Thurgauer Schloss ein geistliches Zentrum für Ratsuchende und Kranke und wirkte weit über die Landesgrenzen hinaus.

Von 1878 bis zu seinem Tod empfing Otto Stockmayer im Schloss Hauptwil im Thurgau hunderte von Menschen in Lebenskrisen, Erschöpfte und Kranke – das Haus wurde zu einer Art Vorläufer der heutigen Burnout-Kliniken. Das Haus wurde bekannt, weil viele durch den Dienst Stockmayers und seiner Mitarbeiter Stärkung und Heilung empfingen. Er vertrat konsequent die Lehre der Krankenheilung und galt denn auch als einer der wichtigsten Exponenten der deutschen Heiligungsbewegung, die im weiteren Sinn als christliche Erweckungsbewegung der Neuzeit gilt.

Internationale Predigttätigkeit
In den Wintermonaten, wenn nur wenige Gäste im Haus waren, war Stockmayer oft auf Reisen in Deutschland, in der Schweiz, in Frankreich und England. Als Redner sprach er an Versammlungen und auf grossen Konferenzen. Er verkündigte und wirkte für eine Erneuerung und Wiederherstellung der Kirche Christi im Blick auf dessen zweites Kommen. «Und er war durch und durch echt. Was er lehrte, hatte er selber erlebt und erlitten», sagt der ehemalige Frauenfelder Pfarrer und Stockmayer-Kenner Ernst Gysel.

Otto Stockmayer wuchs als siebtes Kind in Süddeutschland auf. Auf Wunsch seines Vaters studierte er dort Theologie. Er sagte später, er sei in diesen Jahren am weitesten von Gott entfernt gewesen. Nach dem Studium arbeitete er zuerst als Hauslehrer in der welschen Schweiz. Dort erlebte er eine radikale Hinwendung zu Gott. In der «église libre» des Waadtlandes fand er ein Wirkungsfeld, das seiner neuen Gesinnung entsprach. Er wirkte als Verkündiger des Evangeliums in Tavannes im Berner Jura, dann in Genf, wo er Henriette Glardon heiratete, und anschliessend in Auberson.

Innere Kämpfe und Gottvertrauen
In Auberson verspürte Stockmayer einen «ungestillten Durst» nach Gott und eine «Sehnsucht nach einem Durchbruch des Reiches Gottes». Im Jahre 1874 fand er auf einer Konferenz in Oxford in England eine persönliche Antwort. Nach langen, inneren Kämpfen entdeckte er, dass es einfach darum ging, Gott zu vertrauen, auch wenn man nichts fühlt.

Von 1878 an wurde das Schloss Hauptwil Zentrum seiner Tätigkeit. Der damalige Schlossbesitzer, der mit Stockmayer freundschaftlich verbunden war, stellte ihm das herrschaftliche Anwesen für seinen Dienst zur Verfügung. Das Haus füllte sich bald mit Gästen. Es kamen Mitarbeiter aus Gemeinden und Werken, Pfarrer, Missionare, Diakonissen, Schriftsteller, Adlige aus Deutschland und aus anderen Ländern, aber auch ganz einfache Leute. Dazu Ernst Gysel: «Sie alle suchten Hilfe für Seele und Leib und liessen sich auf neue Wege weisen.»

Zukunft des Schlosses ungewiss
Neue Wege müssen heute auch für das Schloss gesucht werden. Nachdem das Anwesen in den letzten Jahrzehnten als Altersheim diente, ist die Zukunft ungewiss: Das Heim wird Ende Juni aus finanziellen Gründen geschlossen. Der frühere Ort der geistlichen Kraft wartet einmal mehr auf einen wichtigen Impuls – vor allem auf einen Investor.

Otto Stockmayer wirkte bis zu seinem Tod vor hundert Jahren nicht nur im thurgauischen Hauptwil, sondern insbesondere auch in Deutschland – zum Beispiel auf Konferenzen des Gnadauer Verbandes, einem Dachverband von verschiedenen evangelisch-lutherischen und evangelisch freikirchlichen Werken. Deshalb haben sich vor allem deutsche Theologen mit dem Schaffen des bedeutendsten Vertreters der Heiligungsbewegung und des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbands beschäftigt.

Die Reformation überbieten
Thorsten Dietz, Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Tabor und Träger des Martin-Luther-Preises für den akademischen Nachwuchs, führt aus, dass die Heiligungsbewegung den Anspruch hatte, die Reformation zu überbieten. Stockmayer sei jedoch auch selbstkritisch gewesen. Als Heiligung habe er «eine beständige Vertiefung des Glaubensweges» verstanden.

Dietz führt in einem Aufsatz über Stockmayer aus, dass die Heiligungsbewegung von jeder theologischen Generation neu bestimmt werden müsse – gerade auch im Blick auf Elemente mystischer Tradition und reformatorischer Theologie. Die Heiligungsbewegung sei mit Motiven des älteren Protestantismus verbunden.

Dietz kommt zum Schluss, dass sich die Verkündigung und das Erbe der frühen Gemeinschaftsbewegung «weder durch Verklärung und Harmonisierung noch durch Verdrängung und Verschweigen» angemessen würdigen lassen. Von ihrer Geschichte her seien die Erben der traditionellen Heiligungsbewegung befähigt, «einen aufgeschlossenen Umgang mit der mystischen und spirituellen Dimension zu entwickeln».

Roman Salzmann, 20. Juni 2017


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