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Gesellschaft

WOZ-Redaktor Adrian Riklin macht sich Gedanken zum Beten

So lasset uns beten

21.08.2017
Es soll ja Freidenker geben, die das Gebet für eine antiaufklärerische Handlung halten.

 So wie sie den Glauben an einen Gott an sich schon für den Ausdruck einer Regression betrachten, so sehen sie im Gebet einen Akt der Unmündigkeit – und übersehen dabei vermutlich den religiösen Restcharakter, der auch in der Wissenschaftsgläubigkeit schlummert. 

Fragwürdige Integration
Gewiss: Religionen bergen die Gefahr, zur Disziplinierung missbraucht zu werden – schlimmstenfalls zur Installierung menschenfeindlicher Ideologien. Auch lässt sich darüber streiten, ob eine Einrichtung wie der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag zeitgemäss ist. So ökumenisch, interreligiös, internationalistisch oder pazifistisch die Inhalte zuweilen auch sein mögen, die an diesem Tag verbreitet werden: Die Integration religiöser Inhalte in ein staatliches Ereignis ist fragwürdig. 

Beten als Handlung an sich
Nun aber will ich mich nicht über das Beten lustig machen, wie es atheistisch korrekt scheint. An dieser Stelle geht es ja auch nicht um ein Beten, das von kirchlicher, staatlicher oder gar von beiden Seiten verordnet wird. Sondern um Beten als eine Handlung an sich. Wobei: Ist Beten ein Akt? Oder, in seiner ursprünglichen Form, nicht vielmehr ein höherer oder besser tieferer Zustand der Besinnung? Ein Phänomen, das – tief in der Menschheitsgeschichte verwurzelt – weit über die Erfindung von Religionen hinaus geht? Vielleicht ja sogar einer der kultiviertesten Bewusstseinszustände, die dem menschlichen Wesen möglich sind?

Horizonterweiterung
In diesem Zustand, der nicht mit dem Glauben an ein göttliches Wesen verbunden sein muss, erweitert der Mensch seinen Horizont. Er geht über sich selbst hinaus, aus seiner kleinen Welt in einen grösseren Zusammenhang. Nur schon an einen Menschen zu denken, ist ein wundersames Ereignis. Ja, was geschieht denn eigentlich, wenn ein Mensch an einen anderen denkt? Was, wenn jemand einem anderen Gutes wünscht? Wobei: Handelt es sich dabei überhaupt noch um Denken? Ist die Fähigkeit zu hoffen – was für eine unerhörte menschliche Fähigkeit! – nicht schon eine Vorstufe zum Gebet? Und was, wenn mehrere Menschen – ob gemeinsam in einem Raum oder ohne es zu wissen gleichzeitig in verschiedenen – kollektiv denken, hoffen, wünschen, beten? Was ergeben sich daraus für Veränderungen, direkt oder auch indirekt, in der sogenannten Wirklichkeit? Was entfalten sich daraus für Kräfte? 

Das hat nichts mit Hörigkeit zu tun
Man muss weder gottesgläubig noch esoterisch sein, um ahnen zu können: Beten ist wunderbar. Mit Hörigkeit hat das nichts zu tun. Eher mit Hellhörigkeit. Und: mit einem Zustand, der vom Denken befreit ist. Und manchmal vielleicht auch mit dem, wofür Freidenker so missionarisch kämpfen: mit einer speziellen Art von freiem Denken. 

So lasset uns beten: frei und ungezwungen. 

Füreinander – und gegen den Strom. 

 

Text: Adrian Riklin, Redaktor bei der WOZ Die Wochenzeitung | Bild: Daniel Stiefel  – Kirchenbote SG, September 2017

 


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