Logo
Gesellschaft

So lasset uns beten

Es soll ja Freidenker geben, die das Gebet für eine antiaufklärerische Handlung halten.

 So wie sie den Glauben an einen Gott an sich schon für den Ausdruck einer Regression betrachten, so sehen sie im Gebet einen Akt der Unmündigkeit – und übersehen dabei vermutlich den religiösen Restcharakter, der auch in der Wissenschaftsgläubigkeit schlummert. 

Fragwürdige Integration
Gewiss: Religionen bergen die Gefahr, zur Disziplinierung missbraucht zu werden – schlimmstenfalls zur Installierung menschenfeindlicher Ideologien. Auch lässt sich darüber streiten, ob eine Einrichtung wie der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag zeitgemäss ist. So ökumenisch, interreligiös, internationalistisch oder pazifistisch die Inhalte zuweilen auch sein mögen, die an diesem Tag verbreitet werden: Die Integration religiöser Inhalte in ein staatliches Ereignis ist fragwürdig. 

Beten als Handlung an sich
Nun aber will ich mich nicht über das Beten lustig machen, wie es atheistisch korrekt scheint. An dieser Stelle geht es ja auch nicht um ein Beten, das von kirchlicher, staatlicher oder gar von beiden Seiten verordnet wird. Sondern um Beten als eine Handlung an sich. Wobei: Ist Beten ein Akt? Oder, in seiner ursprünglichen Form, nicht vielmehr ein höherer oder besser tieferer Zustand der Besinnung? Ein Phänomen, das – tief in der Menschheitsgeschichte verwurzelt – weit über die Erfindung von Religionen hinaus geht? Vielleicht ja sogar einer der kultiviertesten Bewusstseinszustände, die dem menschlichen Wesen möglich sind?

Horizonterweiterung
In diesem Zustand, der nicht mit dem Glauben an ein göttliches Wesen verbunden sein muss, erweitert der Mensch seinen Horizont. Er geht über sich selbst hinaus, aus seiner kleinen Welt in einen grösseren Zusammenhang. Nur schon an einen Menschen zu denken, ist ein wundersames Ereignis. Ja, was geschieht denn eigentlich, wenn ein Mensch an einen anderen denkt? Was, wenn jemand einem anderen Gutes wünscht? Wobei: Handelt es sich dabei überhaupt noch um Denken? Ist die Fähigkeit zu hoffen – was für eine unerhörte menschliche Fähigkeit! – nicht schon eine Vorstufe zum Gebet? Und was, wenn mehrere Menschen – ob gemeinsam in einem Raum oder ohne es zu wissen gleichzeitig in verschiedenen – kollektiv denken, hoffen, wünschen, beten? Was ergeben sich daraus für Veränderungen, direkt oder auch indirekt, in der sogenannten Wirklichkeit? Was entfalten sich daraus für Kräfte? 

Das hat nichts mit Hörigkeit zu tun
Man muss weder gottesgläubig noch esoterisch sein, um ahnen zu können: Beten ist wunderbar. Mit Hörigkeit hat das nichts zu tun. Eher mit Hellhörigkeit. Und: mit einem Zustand, der vom Denken befreit ist. Und manchmal vielleicht auch mit dem, wofür Freidenker so missionarisch kämpfen: mit einer speziellen Art von freiem Denken. 

So lasset uns beten: frei und ungezwungen. 

Füreinander – und gegen den Strom. 

 

Text: Adrian Riklin, Redaktor bei der WOZ Die Wochenzeitung | Bild: Daniel Stiefel  – Kirchenbote SG, September 2017

 


KIRCHENBOTE E-PAPER

Alle Kirchenboten ab 2002 zum Lesen, Suchen und Herunterladen...


Freiwilligenarbeit macht das Leben bunt!  | Artikel

Freiwilligenarbeit macht das Leben bunt – Engagiere dich! Einblick in die Vielfalt der freiwilligen Engagements in der Kirche. Ein Video der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen und des Bistums St.Gallen. 


St. Galler Singtag 2019  | Artikel

«Suche Frieden» ist ein Lied zur Jahreslosung von Matthias E. Gahr, das wir als Spurgruppe Repertoire sofort in unser Herz schlossen. Es wird eines der diesjährigen Singtaglieder sein, die  am 27. Oktober mit allen Interessierten in der St.Galler Lokremise geteilt werden. Weil dann aber das Jahr schon zu weit fortgeschritten ist, um noch ein Lied zur Jahreslosung zu lancieren, hat die Spurgruppe «Suche Frieden» bereits jetzt aufgenommen – diesmal sogar mit Video: Der fantastische Saxofonist ist Peter Lenzin, und er wird uns dieses Jahr auch mit seinem Spiel beim Singtag beehren!

Noten, Demo zum üben und den Flyer finden Sie unter der Agenda.

 


Uraufführung von Peter Roths Requiem  | Artikel

Im Auftrag der St. Galler Kantonalkirche hat der Musiker und Komponist Peter Roth ein Requiem geschaffen. Die Uraufführungen in St. Gallen und in Alt St. Johann zogen über 1500 Interessierte in Bann. Wer keinen Stuhl mehr ergattern konnte, dem bietet sich nochmals die Gelegenheit «Wisst ihr denn nicht?» zu erleben, und zwar am: 

Sonntag, 23. Juni 2019, 17 Uhr, Lukaskirche, Luzern