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Gesellschaft

Hier stehe ich – und könnte anders!

«Nicht Geschenke und Souvenirs wie Quietschenten oder Playmobilfiguren machen ein Jubiläum aus – vielmehr liegt der Ball bei uns», sagt Kirchenratspräsident Martin Schmidt.

Vor 500 Jahren hat Martin Luther der Überlieferung nach seine Thesen an die Tür der Schlosskirche geschlagen. Daraus ist die wohl grösste Erneuerungsbewegung der Kirche entstanden – schmerzhafte Trennungen inklusive. Dann steht man fünf Jahrhunderte später in Wittenberg und betrachtet den «Lutherkult» samt Quietsch-Ente, Playmobilfigur und Luther-socken mit der Aufschrift «Hier stehe ich und kann nicht anders» und fragt sich: «War es das, was er wollte?»

«Stell Dir vor, es ist Reformation und nichts bleibt.»

Auch in die Schweiz sind die Feierlichkeiten übergeschwappt. Einige können es schon fast nicht mehr hören – Sätze wie: Was wollen wir feiern? Wir sind die 500-Jahr-Generation. Allein die Bibel und Kirche der Freiheit. Das Reformationsjubiläum ist Medienthema und eine grosse Chance für die Kirche.

Immerhin, einiges haben wir gelernt: Wir feiern gemeinsam mit Katholiken, Freikirchen und dem säkularen Staat. Wir feiern mit Bruder Klaus und mit Huldrych Zwingli; die Stimmung ist grundsätzlich gut. Aber die Dynamik macht uns ein bisschen unsicher: Stell dir vor, es ist Reformation und nichts bleibt.

Sind wir frei, frisch, quer und selbstkritisch?
«Neu glauben, frei denken, quer handeln», lautet der Slogan des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) zum Jubiläum. Doch sind wir noch frei und frisch, quer und selbstkritisch, neu und engagiert? Sind wir reformatorisch und mutig, wenn es um die Veränderungen in der Kirche, in der Gesellschaft geht? Sind wir eine Kirche der Freiheit? Haben wir wirklich erreicht, was wir wollen?

Wie kommen wir vom Feiern ins Nachdenken?
Das Lutherjahr ist in Deutschland am Abklingen. Auch der Schweizerische Evangelische Kirchenbund schliesst seine Feierlichkeiten dieses Jahr ab. Und viele fragen sich nun: War es das? Was hat das mit mir zu tun, was kommt bei uns im Kanton an, in unserer Kirchgemeinde? Wie kommen wir vom Feiern ins Nachdenken, in eine Besinnung über das, was unsere Kirche und unseren Glauben ausmacht, ja erneuert? Wo spüren wir die Freiheit eines Christenmenschen in einer zunehmend säkularen und 

individualisierten Gesellschaft?

«Jetzt ist der Ball bei uns. Von da aus kann Reformation weitergehen.»

Trotzdem oder gerade weil diese Fragen noch nicht geklärt sind, freue ich mich, dass es jetzt bei uns in St. Gallen losgeht – lokal, vor Ort, da, wo Reformation entstanden ist und entsteht. Ein Jahr lang denken wir an und über die Reformation – an über 100 Veranstaltungen quer durch den ganzen Kanton, quer durch alle Kirchgemeinden. Jetzt ist der Ball bei uns. Von da aus kann Reformation weitergehen.

Vertane Chance
Dazu wünsche ich uns allen gutes Gelingen und ein «nachdenkliches» Reformationsjubiläum. Ich wünsche mir, dass nicht nur durch die an vielen Orten gebrauten Reformationsbiere eine gute Stimmung entsteht. Ich wünsche uns, dass wir hinterher sagen können: Es hat sich gelohnt und es ist etwas entstanden. Wir könnten auch anders – aber es wäre eine vertane Chance. 

 

Text: Pfr. Martin Schmidt, Kirchenratspräsident | Foto: Patrick Marchlewitz    – Kirchenbote SG, Oktober 2017

 

Darauf freue ich mich!

Martin Schmidt: «Auf zwei Sachen freue ich mich besonders: Wir beginnen gemeinsam am 5. November 2017 in St. Gallen mit einem Festgottesdienst, bunten und vielseitigen Workshops und einem Schlussevent, der die Dynamik in die Regionen trägt. 

Und dann freut mich, dass alle mitfeiern und dass es gelungen ist, die Kirchgemeinden und viele motivierte Menschen mit ins Boot zu holen.» 


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Noten, Demo zum üben und den Flyer finden Sie unter der Agenda.


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