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Politik

Wenn Calvin nicht hätte fliehen können

18.09.2017
Ohne die Reformation wären die Bauern in der Schweiz vielleicht noch lange Leibeigene geblieben, und der Staat wäre weniger säkular.

Ohne Reformation gäbe es dieses Jahr keine Flut an Ausstellungen und Gedenkanlässen. In Zürich und Wildhaus wäre Huldrych Zwingli ein Unbekannter. Dasselbe gilt für die Ostschweizer Reformatoren Vadian und Kessler. Genf, wohin der französische Jurist und Humanist Johannes Calvin vor der Protestantenverfolgung des Königs flüchtete, wäre nicht zu dem Ort geworden, welcher der Reformation neue Energie verlieh. Der Eidgenossenschaft wäre vielleicht die Zerreissprobe erspart geblieben, wie sie etwa in der politischen Spaltung Appenzells in katholisch Innerrhoden und reformiert Ausserrhoden bis heute sichtbar ist. Und vielleicht hätte kein sogenannter «Kulturkampf» stattgefunden, in dem der Nationalstaat des 19. Jahrhunderts die Verstrickung der geistlichen und weltlichen Bereiche weitgehend auflöste und sich von der Kirche emanzipierte.

Alle sind frei, steht in der Heiligen Schrift
Stichwort «Kampf»: In der Reformation wurde für die Freiheit gekämpft. In den Bauernkriegen 1525 entstand eine Aufstandsbewegung des «gemeinen Mannes». Sie erfasste innert kurzer Zeit Teile der Schweiz, Süd- und Mitteldeutschlands. Die Bauern forderten das Recht der freien Pfarrerwahl durch die Gemeinde. Zudem sollten die Abgaben an die Herrschaft nicht willkürlich erhöht werden dürfen. Die revolutionärste Forderung war die Abschaffung der Leibeigenschaft. Die Bauern beriefen sich in ihren Protesten auf die Bibel: Es sei der falsche Brauch entstanden, «uns für Eigenleute» zu halten. Es stehe in der Heiligen Schrift, dass alle «frei seien».

Ostschweizer wehrten sich heftig
Die Bauern erhoben sich auch in der Schweiz, besonders heftig in der Ostschweiz. Hier regierte der Abt von St. Gallen als Fürst straff über eines der grössten Territorien der Eidgenossenschaft. An einer Landsgemeinde im sanktgallischen Lömmenschwil am 1. Mai 1525 versammelten sich seine Untertanen mit Forderungen nach mehr Rechten und Freiheit. Eidgenössische Orte mussten friedenssichernd eingreifen. Was hatten die Bauern in Deutschland und der Eidgenossenschaft mit ihren Reformations-Revolten erreicht? Sie drangen mit ihren Forderungen nicht durch. Bis zu den Menschenrechten und der Kultusfreiheit dauerte es noch Jahrhunderte, und es brauchte noch weitere gesellschaftliche und politische Umbrüche. Aber ich bin überzeugt, dass wir ohne die Reformation noch nicht da wären, wo wir sind.

Text: Stefan Sonderegger, Stadtarchivar der Ortsbürgergemeinde St. Gallen, Titularprofessor Universität Zürich  – Kirchenbote SG, Oktober 2017

 


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