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Gesellschaft

Die Tagzeiten – von der stillen Botschaft der eigenen Ruhezeiten im Alltag

«Der Morgen riecht anders als der Abend»

23.10.2017
Jeder Mensch hält mehrmals täglich inne, schenkt sich eine Pause. Diese kann Ausgangspunkt werden für eine stille Zeit.

Wer eine Tageswanderung vor sich hat, wird Ruhepausen einplanen. Das machen wir kaum, wenn wir am Morgen unsern Weg durch den Alltag antreten. Trotzdem haben die meisten Menschen in ihrem oft gehetzten Tageslauf Pausen – ungeplant, unbewusst oder als selbstverständliche Routine. Das kann der tägliche Spaziergang zum Bus sein, ein kurzes Sonnenbaden am Mittag oder die Einschlafphase. 

Ruhe als Seelenhygiene
Ruhepausen im Alltag tun gut, sie sind eine Art Seelenhygiene. Nach einem Todesfall in der Familie konnte ich lange nicht weinen. Dann fiel mir auf, dass ich jeweils auf der wöchentlichen Autofahrt ins Rheintal zum heilsamen Weinen kam. Ich fand heraus, dass ich beim Autofahren unbewusst zur Ruhe kam. Da konnte ich mich nicht mehr ablenken durch verdrängende Aktivitäten. Und plötzlich war der Raum gegeben, den Hinschied eines lieben Menschen in einem grösseren Horizont zu fühlen. 

«Realistischer ist es wohl, bei den bereits im Alltag eingebauten Ruhepausen anzusetzen und diese zu vertiefen.»

Das Wissen um den Wert von Ruhe im Alltag ist das eine, Pausen bewusst zu kultivieren das andere. Denn der moderne Mensch ist vom Erwachen bis zum Schlafen eingespannt in Pflichten und Erwartungen. Um täglich geordnete Ruhepausen einzuschalten, müsste man wie Niklaus von Flüe in die Einsamkeit ziehen oder ins Kloster gehen. Die Einsamkeit wie auch die Stundengebete im Kloster widersprechen aber den heutigen Bedürfnissen nach einer weltverbundenen und zeitgemässen Ruhekultur. 

Das zu Grosse Erbe der Klöster
Seit der Reformation gab es immer wieder Versuche, das Erbe der klösterlichen Stundengebete auch für Gemeinden und Laien fruchtbar zu machen. Immerhin enthält das aktuelle reformierte Gesangbuch unter dem Titel «Gottesdienst im Tageskreis» 100 Seiten mit Gebeten, Texten, Liedern und Liturgien zu den Tageszeiten Morgen, Mittag, Abend und Nacht. Sie nehmen Elemente des Stundengebets auf und lassen viel Freiraum für die Gestaltung der Ruhezeit allein, in der Familie oder in einer Gruppe. 

Bei eigenen Erfahrungen ansetzen
In der Regel nehmen sich Zeitgenossen mit der Gestaltung bewusster Ruhezeiten zu viel vor, sodass die Praxis nicht über längere Zeit durchgehalten werden kann. Realistischer ist es wohl, bei den bereits im Alltag eingebauten Ruhepausen anzusetzen, sich dieser bewusst zu werden und sie «geistlich» zu vertiefen. Ich persönlich beginne und beende meinen Tag auf dem Balkon – ehrlich gesagt wegen der ersten und letzten Zigarette. Doch entdeckte ich dabei, dass dieses Ritual zu meinen stillen Zeiten gehört. Vor dem lasterhaften Rauchen atme ich jeweils tief durch und merke, dass der Morgen anders riecht als der Abend. 

Am Morgen beginnt sich das aufscheinende Licht im feuchten Tau zu spiegeln. Es riecht nach geläuterter Unschuld, nach einem Neuanfang – die alten Traditionen haben den Morgen mit der Weltschöpfung, der Geburt und der Auferstehung in Beziehung gebracht. Diese Entsprechungen helfen mir, jeden Morgen als neue Chance zu nehmen. Gestärkt von der Nachtruhe wende ich mich den schöpferischen und heilenden Kräften des Himmels zu, still im Herzen, teils mit inneren Worten, mit Dank und Bitten. 

Den eigenen Rhythmus finden
Am Abend hängt die Geschichte meines Tages an mir, so wie auch die Luft die nahen und fernen Geschehnisse des Tages in sich trägt. Ich atme ein und aus. Ich halte eine Art Gericht über mich und gehe innerlich nochmals durch den Tag, jetzt mit der Offenheit gegen oben. So kann ich die Ernte des Tages dem Einen übergeben – wie es am Ende des Lebens und der Welt sein wird. Ich bitte um einen seligen Schlaf, der die Schlacken des Tages läutert und im Licht Gottes zu neuem Leben inspiriert.

Diese stillen Zeiten wirken sich aus auf die Nacht wie auch auf ein bewussteres Leben im Alltag. Die stillen Zeiten lassen sich vertiefen, auch dank des religiösen Erbes der Menschheit, das heute allgemein zugänglich ist. Und auch die Kirchen fördern heute die Kultur der stillen Zeiten und damit den persönlichen Weg unter Gottes Obhut. 

 

Text und Foto: Andreas Schwendener  – Kirchenbote SG, November 2017

 


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