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Religionen

Podium «Islam.Zukunft.Schweiz»

Tiefer Graben innerhalb des Islams

17.11.2017
Trotz Drohungen veranstaltete die Offene Kirche Elisabethen in Basel unter grossen Sicherheitsvorkehrungen ein Podium zum Islam mit der deutsch-türkischen Anwältin und Aktivistin Seyran Ates statt. Die Diskussion zeigte, wie tief der Graben innerhalb des Islams ist.

Die Offene Kirche Elisabethen in Basel lud kürzlich zum Podium über den Islam. Das Ziel der Veranstaltung: Muslime verschiedener Ausrichtungen sollten miteinander ins Gespräch kommen. Als die Organisatoren bekannt gaben, dass sie die deutsch-türkische Anwältin und Menschenrechtsaktivistin Seyran Ates eingeladen hatten, erhielten sie Drohungen.

Ates polarisiert die Muslime. Seit Jahren braucht sie Personenschutz. 1984 überlebte sie ein Attentat. Im Juni gründete sie in Berlin eine offene Moschee für alle und erhielt prompt Morddrohungen. Die Basler Polizei befürchtete, dass Bewaffnete in die Elisabethenkirche eindringen. Die Veranstalter und rund 250 Interessierte liessen sich jedoch nicht einschüchtern und nahmen die erheblichen Sicherheitsvorkehrungen beim Einlass in Kauf.

Absperrungen und Polizeikontrolle
Die Polizei hatte die Zugänge bis auf jenen beim Hauptportal der Kirche abgesperrt und kontrollierte das Gelände. Rucksäcke mussten die Besucher abgeben. Omnipräsent waren die Herren der Bundespolizei im Alltagslook und Kurzhaarschnitt. Abgesehen davon, dass eine Frau ihr abgestelltes Fahrrad neben der Kirche nur unter Polizeischutz abholen durfte, verlief der Abend ruhig.

Gut schweizerisch verlief auch das Gespräch meist in ruhigen Bahnen. Neben Seyran Ates diskutierte Kerem Adigüzel. Er ist gläubiger Muslim und bezeichnet sich als «stolzen Schweizer». Was Ates in Berlin verwirklichte, schwebt ihm für die Schweiz vor: eine Moschee, in der alle willkommen sind. Die unterschiedliche Koranauslegung stellt für ihn kein Problem dar. Ebenfalls nicht für die Autorin Jasmin El Sonbati, die einen liberalen Islam vertritt.

Muris Begovic und Yavuz Selim Tasoglu schlossen sich dieser Meinung an. Begovic ist Imam in der bosnischen Moschee Schlieren und Sprecher der Vereinigung der Islamischen Organisationen Zürich Vioz. Sie vertritt gemäss eigenen Angaben 80 Prozent der muslimischen Gemeinschaften. Tasoglu ist Mitglied der Basler Muslim Kommission. Einigkeit herrschte unter den fünf Gästen auch darüber, dass die Gesetze eines Landes eingehalten werden müssen und über jenen des Korans stehen.

Selbst als Moderator Frank Lorenz, Co-Leiter der Offenen Kirche Elisabethen, die Frage nach konkret vorhandenen Schwierigkeiten stellte, sah El Sonbati «keine Probleme» und Adigüzel wich auf das Erbrecht aus.

Schluss mit dem «Geplätscher»
Dies war für Seyran Ates zu viel Harmonie. Sie meinte, mit dem «Geplätscher» sei es nun genug: «Hier halten sich viele Sicherheitsbeamte auf. Ich habe eine liberale Moschee gegründet. Dass Männer und Frauen in einer Moschee zusammen beten, ist nicht neu. Aber viele akzeptieren das offenbar nicht. Ich kann mich nicht mehr frei bewegen, werde mit dem Tod bedroht.»

Die Diskussion nahm Fahrt auf, als eine Kopftuch tragende Frau aus dem Publikum das Wort ergriff. «Frau Ates, Sie tun Dinge, die nicht im Koran stehen und nennen es Islam. Ich habe kein Problem, wenn Sie das als neue Religion betrachten, aber nennen Sie es nicht Islam.»

Nicht «die einzige Wahrheit»
Die Reaktionen blieben nicht aus. Ates: «Es steht nirgends im Koran, dass Frauen und Männer nicht zusammen beten dürfen.» Und Jasmin El Sonbati doppelte nach: «Im Islam gibt es eine grosse Vielfalt. In Ägypten, wo meine Wurzeln liegen, fühlten sich auch Frauen ohne Kopftuch als stolze Musliminnen. Niemand hat das Recht, ‚den Islam’ für sich zu beanspruchen.» Ates fügte bei, dass sie von ihrem eigenen Koranverständnis nie behaupten würde, das sei «die einzige Wahrheit».

Als Jasmin El Sonbati Muris Begovic fragte, ob sie in seiner Moschee mit Männern zusammen beten dürfe, antwortete er: «Das ist für mich kein Problem, wenn es dabei nicht darum geht, mich eines Besseren zu belehren.» Es sei notwendig, miteinander zu reden, nicht einander zu belehren, betonte Kerem Adigüzel: «Wir reden zu wenig miteinander, wir haben keine wirkliche gemeinsame Gesprächskultur.»

Ein Versprechen für die Zukunft? «Was für einen Islam wünschen Sie sich fürs Jahr 2065?», fragte Frank Lorenz die Teilnehmenden zum Abschluss. «Dass niemand mehr mit dem Ruf ‚Allahu akbar’ unschuldige Menschen tötet», antwortete Seyran Ates.

Franz Osswald, Karin Müller, kirchenbote-online, 17. November 2017


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