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Gesellschaft

Fünfter St. Galler Demenzkongress 2017

«Menschen mit Demenz sind uns weit voraus»

21.11.2017
Der Zeitfaktor und die Angehörigen waren zentrale Gesprächselemente des fünften St. Galler Demenz-Kongresses. Mitunter waren sie auch die Antwort auf die Leitfrage: «Personzentriert pflegen – und wie?»

Frau Burkhard ist demenziell erkrankt. Ihre Tochter Jaqueline kümmert sich rührend um sie, allerdings zeitlich nur bedingt, da sie berufstätig ist. Folglich beauftragt sie Frau Dupont mit der Betreuung ihrer Mutter. Die Pflegefachfrau spricht viel mit Frau Burkhard, macht mit ihr ausgiebige Spaziergänge und hilft ihr bei Alltagsdingen. «Ich versuche, ihr auf Augenhöhe zu begegnen, nicht ihre Defizite zu betrachten», so Dupont. Jaqueline anerkennt die wertvolle Beziehung zwischen der Pflegenden und ihrer Mutter. «Hier funktioniert die Zusammenarbeit», so Nina Wolf und Yelena Wysling, Doktorandinnen der Uni Zürich. Doch so harmonisch dieser Fall klingen mag, die Praxis hält etliche Herausforderungen bereit.

Menschen mit Demenz haben ein ausgeprägtes Gespür
«Oft versuchen wir den Menschen darauf zu reduzieren, was ihn dement machte», sagt Giovanni Maio. Er ist Internist, Fachautor, Philosoph und an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg tätig. Dabei sei Demenz nur eine zugeschüttete Erinnerung. Die Persönlichkeit hätten sich Menschen mit Demenz bewahrt. «Sie stecken voller Erinnerungen, sie können diese nur nicht mehr richtig abrufen», führt er aus. Diese Menschen müssten ihre Geschichten erzählen können und bräuchten Bezugspersonen, die ihnen losgelöst zuhören. Ohne dabei eine Verbindung zum früheren Leben herstellen zu wollen.

«Demenziell erkrankte Menschen sind viel sensibler als wir. Sie spüren vorgespieltes Interesse, die Ungeduld, die Langeweile des Gegenübers.» Und sie würden auch spüren, wenn die Pflegefachperson gedanklich schon beim nächsten Patienten sei. «Menschen mit Demenz sind uns da weit voraus.» Maio legt den Pflegefachpersonen ans Herz, sich Zeit für die Betroffenen zu nehmen. Doch er wisse, genau hier läge der grosse Widerspruch in der Pflege, weil jede Minute administrativ gerechtfertigt werden müsse. Mit einem tosenden Applaus bestätigten die rund 1000 Teilnehmenden diese Diskrepanz.

Für Gespräche Zeit einplanen
Auch in einer der vier Sessionen, die nachmittags stattfanden, wurde der Zeitfaktor intensiv diskutiert. «Theoretisch klingt das alles schön und gut, doch wir haben in der Gerontopsychiatrie oft keine Zeit für persönliche Gespräche und Geschichten.» Manuela Pretto vom Unispital in Basel versteht den Einwand einer Teilnehmerin.

Personenzentriert pflegen heisst, den Betroffenen nichts vorgaukeln.

Die Zeit sei definitiv ein Problem. Aber Pflegefachpersonen sollten lernen, Abstriche zu machen – lieber ein Gespräch zu priorisieren anstelle von täglich Füsse zu waschen, sagt Pretto. Die Ärztin Irene Bopp-Kistler vom Stadtspital Waid rät aus eigener Erfahrung, im Team offen zu kommunizieren und die Zeit gut zu koordinieren. Auch  Thomas Beer, Dozent für Pflege und Pflegewissenschaft, legt den Teilnehmenden nahe, die komplexe Lebenswelt der demenziell erkrankten Menschen zu berücksichtigen und durch eine personzentrierte Handlung die soziale Auflösung zu vermeiden versuchen. Dazu gehöre, ihnen Selbstbestimmung zu gewähren, Würde und Menschlichkeit zu zeigen, den Betroffenen wahrzunehmen. Für den wissenschaftlichen Leiter von Demenz Support Stuttgart, Peter Wissmann, bedeutet personzentriert pflegen: Den Betroffenen nichts vorgaukeln, ihnen keine Scheinwelt aufbauen und nur dann zu lügen, wenn ihnen wirklich eine Gefahr drohe.

Angehörige emotional unterstützen
Ein weiteres Thema waren die Angehörigen. Sie spielen bei der Pflege von Menschen mit Demenz eine ganz zentrale Rolle. In Studien habe sich klar gezeigt, worin die Bedürfnisse der Angehörigen lägen, erläutert Melanie Burgstaller, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Angewandte Pflegewissenschaft der FHS St.Gallen. «Sie wünschen sich eine persönliche und würdevolle Pflege für die Betroffenen, wollen miteinbezogen werden in die Pflege, erhoffen sich psychosoziale Unterstützung und Klarheit sowie Kontrolle.» Laut Befragungen sei aber festzustellen, dass die Pflegefachpersonen diesen Bedürfnissen nicht immer gerecht würden. Sie seien oft mehr am körperlichen Befinden interessiert statt am psychosozialen.

Angebotslücken
Das zeigte sich auch in der Erhebung von Michaela Simonik von der Psychiatrischen Klinik Wil. Es bestünden deutliche Angebotslücken, sei es in der proaktiven Informationsvermittlung, bei der Unterstützung emotionaler Herausforderungen oder im Umgang generell mit der Krankheit. «Uns hat das nicht überrascht, die Ergebnisse stellen aber eine gute Basis dar für die Weiterentwicklung des Betreuungsangebots.» Das klingt theoretisch schlüssig, der Praxisalltag ist eine andere Geschichte. Entsprechend kam die Frage aus dem Publikum, wie man denn die Angehörigen konkret einbeziehen könne. «Jede Situation ist anders. Wichtig ist, mit dem Herz zu agieren und das Argument 'keine Zeit' nicht gelten zu lassen. Denn diese paar Minuten, in denen man sich um die Angehörigen in einem Gespräch kümmert, sind gut investiert», so Manuela Pretto.

Einfach zuhören
Besser hätte man die vielen Referate und Sessionen wohl nicht zusammenfassen können als es am Schluss «Mein Name ist Nase» tat. Der Musiker und Alterspfleger übersetzt Erzählungen aus dem Pflegealltag in Rap-Songs. Entstanden ist die CD «Reminitenz» mit zehn Songs, die von älteren Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung handeln. Darunter das Lied «Tanz aus der Reihe» mit folgendem Refrain: «Ich bin mal ganz laut und mal leise – ich bin ganz anders als du, doch hör mir doch einfach mal zu.» Die Teilnehmenden des 5. Demenz-Kongresses haben aufmerksam zugehört, sich über Vergessen, Würde, Menschlichkeit und Personzentrierung Gedanken gemacht. Sie werden viele Worte von den Referenten bestimmt nicht vergessen.

 

Text und Bilder: Basil Höneisen, Kommunikationsbeauftragter FHSG  – Kirchenbote SG, 21. November 2017

 


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