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Spiritualität

Taizé wird zum Studienfach

01.12.2017
Die Universitäten entdecken Taizé: Im Sommersemester hat zum ersten Mal eine theologische Fakultät eine Vorlesung in Taizé ausgeschrieben. Ralph Kunz, Ordinarius für Praktische Theologie in Zürich, bot eine Kompaktwoche in Taizé an. 16 Studierende schrieben sich ein.

Herr Kunz, wie ist dieses Angebot zustande gekommen?
Das Thema unserer Vorlesungen «Seelsorge in der Gemeinschaft – Gemeinschaft in der Seelsorge» passt zu Taizé. Es ist im doppelten Sinn richtig, dieses Thema am Ort des Geschehens zu bedenken. Menschen, Jugendliche erfahren in der Gemeinschaft von Taizé seit Jahrzehnten zu Tausenden Seelsorge. Eine Seelsorge im weiteren Sinn: als Begleitung, als Trost, als Unterstützung im Suchen nach der eigenen Berufung.

Wie haben Sie das Angebot bei den Studierenden eingeführt?
Ich erklärte ihnen, wir bilden nicht nur eine Lerngemeinschaft, sondern sind als Menschen unterwegs auf dem «Pilgerweg des Vertrauens», wie Taizé es ausdrückt. Die Studierenden sollen sich also nicht nur als Mitstreitende (auf lateinisch Kommilitonen) sehen, sondern auch als Schwestern und Brüder, als geschwisterliche Gemeinschaft erleben. Atmosphärisch geht es um eine andere Qualität von Lernen und Studieren.

Hatten Ihre Vorlesungen in Taizé Platz?
Nicht ganz. Unsere Erfahrungen aus der Bibeleinführung am Morgen konnten wegen der Vorlesungen am Nachmittag nicht in den von Taizé angebotenen Gesprächsgruppen vertieft werden, das war etwas schwierig. Jedoch hat die ganze Atmosphäre geholfen, verstärkt miteinander ins Gespräch zu kommen. Als ein Stück gemeinsames Leben ergeben sich andere Formen von Begegnungen. Der Versuch ist geglückt. Die Studierenden erlebten eine phantastische Woche mit viel Nachklang.

Inwieweit haben Sie dann diese Erlebnisse in der Vorlesung vertieft?
In den Vorlesungen hatten wir auch Gäste wie eine Schwester von Granddchamp und vom katholischen St. André-Orden. Ihre Berichte verglichen wir mit protestantischen Aussagen zum Mönchtum, Ordensleben oder gemeinsamen Leben.

Gibt es denn eine positive reformierte Aussage zum monastischen Leben?
Mönchisches Leben ist eine radikale Form des christlichen Lebens, das beschrieb auch Dietrich Bonhoeffer. Da stellt sich natürlich die Frage, ob radikales Leben, verstanden als ein Sich-ganz-Gott-geben, nur im monastischen Leben verwirklicht werden kann. Von reformierter Seite sagen wir: Sich zu geben bedeutet nicht, sich auszuleihen. Unser «monastisches Leben» ist die Welt. Es bedeutet radikale Gnade, offen zu sein, da zu sein und zu geben, ohne damit zu rechnen, dass etwas zurückkommt. Diese Absichtslosigkeit wird auch in Taizé gelebt.

Was bringt die Erfahrung von Taizé für den kirchlichen Alltag?
Es gibt einen Text von Frère Richard mit dem schönen Titel «Kein Geheimnis von Taizé». Stimmt genau! Was ich in Taizé erleben kann, ist die Kraft des gelebten Glaubens, das Zeugnis einer betenden Gemeinschaft und vor allem die Liebe zur weltweiten Kirche Christi. Es ist so erholsam und im besten Sinne des Wortes erbaulich, dass an diesem Ort Gottes Güte wohnen darf. Das tut sie gewiss auch an anderen Orten. Und diese Gewissheit nehmen die Menschen hoffentlich mit nach Hause nach einer Woche oder nach einem längeren Aufenthalt auf dem Hügel, der eine kurze Zeit Berg der Verklärung sein darf. Der «kirchliche Alltag» ist ja Gott sei Dank nicht nur Akkordarbeit im Weinberg des Herrn. Wir bleiben bei aller Plackerei immer verbunden mit der Una Sancta. Wenn ich etwas mitnehme von Taizé – ausser den Salatschüsseln, die meine Frau aus der Töpferei bestellt hat –, dann ist es diese Verbundenheit mit der weltweiten Kirche, die Freude am Gebet und der Wunsch, mit anderen Christen gemeinsam Nachfolge zu wagen.

Esther R. Suter, kirchenbote-online, 1. Dezember 2017


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