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Religionen

Sein Leben, seine Anliegen und sein Wirken

Wer am Sonntag, 2. Januar 1519, den Hauptgottesdienst im Grossmünster in Zürich besuchte, erlebte — ohne es zu wissen — ein Epoche machendes Ereignis. Huldrych Zwingli, der neue Leutpriester, am Neujahrstag 35 Jahre alt geworden, stellte sich als Prediger vor. Mit seinen Vorgesetzten hatte er sich abgesprochen, mit einer alten Tradition zu brechen.

Predigttext war nicht mehr die herkömmliche Perikope, der überall für den jeweiligen Sonntag vorgeschriebene Bibelabschnitt. Zwingli wollte, dass die Gemeinde die Heilige Schrift nicht nur selektiv, sondern in ihrer Ganzheit kennenlernte. «Wir haben hier einen unfehlbaren und unparteiischen Richter», sagte er später dazu, «nämlich die göttliche Schrift, die weder lügen noch betrügen kann. Das Wort Gottes soll über die Menschen urteilen und nicht die Menschen über das Wort Gottes.»

Vielseitig gebildet
Zwingli war ein guter Redner und vielseitig gebildet. Als Student hatte er in Basel, Wien und möglicherweise auch in Paris gelebt und als Feldprediger der Eidgenossen Oberitalien bereist. Mit dem Humanisten Erasmus von Rotterdam stand er in persönlichem Kontakt. Autodidaktisch hatte er sich das Griechische angeeignet (später auch das Hebräische), die Briefe des Apostels Paulus in der Ursprache abgeschrieben und teilweise auswendig gelernt.

Stück um Stück gepredigt 
In seinen Predigten im Grossmünster fing er vorn im Neuen Testament mit dem Matthäusevangelium an, zunächst mit dem Stammbaum Jesu. Stück um Stück predigte er in der Folge über das erste der vier Evangelien weiter. Diesem entnahm er auch seinen Wahlspruch, den er auf das Titelblatt der meisten seiner Bücher setzte: «Kommt her zu mir alle, die sich abarbeiten und eine Last tragen müssen, ich will euch Ruhe geben.» (Mt 11,28) 

«Der Rat nahm juristisch das Kirchenwesen selbst in die Hand. Reformation bedeutete hier Emanzipation vom Bischof.»

Zwinglis Predigten stiessen auf ein grosses Echo. Der Buchdrucker Christoph Froschauer (1490–1564) schrieb in seinem Rechtfertigungsschreiben an den Rat, die Zürcher könnten auf ihren neuen Leutpriester stolz sein. Wie sehr man mit diesem zufrieden war, geht daraus hervor, dass er bereits nach zwei Jahren zum Chorherrn des altehrwürdigen Stifts befördert wurde.

Wurstessen wurde Stadtgespräch
Die reformatorischen Ereignisse folgten in den 1520er-Jahren Schlag auf Schlag. Stadtgespräch wurde das «Wurstessen» in der Fastenzeit 1522 im Haus Christoph Froschauers. Dieser rechtfertigte sich damit: Seine Gesellen hätten schwer gearbeitet, deshalb habe er ihnen auch in der Fastenzeit etwas Anständiges zu essen geben müssen. Zwingli verteidigte diese Übertretung der kirchlichen Gebote mit seiner Schrift «Von erkiesen vnd fryheit der spysen [von der freien Wahl der Speisen]».

Diskussion über Glaubensfragen 
Als der für Zürich zuständige Bischof von Konstanz sich bei den Stadtbehörden über Zwingli beschwerte, luden diese im Januar 1523 zur «Ersten Zürcher Disputation» ein. 600 Personen versammelten sich im Rathaus, um über Glaubensfragen zu verhandeln. Es war dies ein so noch nie dagewesenes Ereignis und stellte die Autorität der kirchlichen Hierarchie infrage. Der Rat beschloss nach der Disputation eigenmächtig: Zwingli dürfe weiter so predigen wie bis anhin und «die recht göttlich gschrift» verkünden. Grundsätzlich befahl der Rat: «Es sollen auch die übrigen unserer Leutpriester, Seelsorger und Prädikanten in unserer Stadt und in unseren Landschaften und Herrschaften nichts anderes behandeln und predigen, als was sie mit dem heiligen Evangelium oder sonst mit der rechten göttlichen Schrift belegen können.»

Endgültiger Durchbruch 
Jedenfalls in der Rückschau ist dieser Ratserlass der endgültige Durchbruch der Zürcher Reformation. Eine ihrer ersten Folgen war, dass der Rat zwei Wochen später einen erst 1506 geschlossenen Vertrag mit dem Bischof von Konstanz aufkündigte, gemäss dem fehlbare Landgeistliche der Gerichtsbarkeit des Bischofs unterstanden. Der Rat nahm juristisch das Kirchenwesen selbst in die Hand. Reformation bedeutete hier Emanzipation vom Bischof.

Das öffentliche Leben
Schritt um Schritt wurden das kirchliche und das öffentliche Leben reformiert. Bereits 1520 war eine neue Sozialgesetzgebung eingeführt worden. Im Sommer 1524 wurden die Kirchen von den Bildern «gereinigt». Nach der Auffassung Zwinglis und seiner Freunde durfte das Göttliche nicht verdinglicht werden. An Ostern 1525 wurde zum ersten Mal eine evangelische Abendmahlsfeier abgehalten: Anstelle des Altars stand vorne in der Kirche ein schlichter Holztisch, mit Leinwand bedeckt. Die Abendmahlsgefässe waren aus Holz. Die Pfarrer trugen keine Messgewänder mehr, und die Gemeindeglieder reichten sich das Brot und den Wein selbst vom einen zum nächsten weiter. Noch in den späten 1520er-Jahren wurde die ganze Bibel von den Zürcher Gelehrten neu ins Deutsche übersetzt. Die erste Vollbibel der Reforma-tion erschien in Zürich 1531.

Grosse Ausstrahlung
Zwingli war erfolgreich. Was in Zürich begann, wurde vielerorts in der Eidgenossenschaft (und teilweise auch in Süddeutschland) aufgenommen und weitergeführt, zunächst in St.Gallen, dann in Bern, Schaffhausen und Basel. In den Landständen Appenzell, Glarus und in den Drei Bünden sowie im Thurgau, im Rheintal und in der Fürstabtei St.Gallen konnte sich die Reformation ebenfalls grösstenteils durchsetzen. Die Innerschweizer Kantone (Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern und Zug) wollten aber nichts von einer Reformation wissen. Zu wichtig war für sie unter anderem, dass die oft arbeitslosen Bauernsöhne Geld in fremden Kriegsdiensten, besonders beim Papst und dem König von Frankreich, verdienen konnten. Die Eidgenossenschaft wurde in einen bitteren Bürgerkrieg verwickelt, in dem Zwingli am 11. Oktober 1531 in Kappel starb. (Er selbst hatte diesen Waffengang befürwortet.) 

Von seinem Nachfolger Heinrich Bullinger (1504–1575) konnte sein Lebenswerk aber weitgehend gerettet werden. Zürich wurde zum Zufluchtsort evangelischer Glaubensflüchtlinge, besonders auch aus Norditalien, die die Seidenindustrie nach Zürich brachten.

 

Text: Frank Jehle, St.Gallen | Bilder: © Zentralbibliothek Zürich  – Kirchenbote SG, Januar 2018

 

«Den Finger auf wunde Stellen legen» – Zwingli als Sozialkritiker

Hervorgehoben seien hier seine Schriften «Von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit» von 1523 und «Wer Ursache zum Aufruhr gibt» von 1524, die als die «bedeutend- ste sozialkritische Schrift des Reformators» bezeichnet wurde. In ätzender Schärfe heisst es hier, nicht nur die «hohen Bischöfe» seien die wahren Aufrührer und auch nicht nur «der Rest der kläffenden Priester, Mönche, Nonnen und – allen voran – der Äbte», sondern viel mehr «die Fürsten, Mächtigen und Reichen dieser Welt».

«Was ihr miteinander [...] zum Nachteil Gottes und der armen Menschen ins Werk gesetzt habt, das nennt ihr gut. Das, wonach euch gelüstet, das dünkt euch recht. [...] Ihr reisst den Menschen die Kleider vom Leib wie Disteln und Dornen. Es stehen das Gericht und das Recht, ja die Person des Richters selbst in eurer Gewalt. Vollzieht er, was euch gefällt, so ist er ein guter Richter. [...] Ihr wisst genau, dass niemand der Hand Gottes entfliehen kann, ebenso, dass Gott nicht schläft; er kommt, wenn für ihn die Zeit gekommen ist.»

In seiner Schrift «Der Hirt» von 1524 entwirft Zwingli, was heute das kirchliche «Wächteramt» genannt wird: Der Hirt bzw. der Pfarrer dürfe «auch dem König, Fürsten oder Oberen nichts durchgehen lassen». Er müsse im Gegenteil «jedem seinen Irrtum anzeigen», sobald er sehe, dass jener vom Weg abkomme. Er müsse tun, «was niemand wagt: Den Finger auf wunde Stellen legen und Schlimmes verhüten, keinen schonen, vor Fürsten, Volk und Geistliche treten, sich weder durch Grös-- se, Einfluss und Zahl noch durch irgendwelche Schreckmittel beeindrucken lassen, sofort zugegen sein, wenn Gott ruft, und nicht nachlassen, bis sie sich ändern.»


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