Logo
Gesellschaft

«Gefragt ist der mündige Mensch»

«Wir leben in einer Aufmerksamkeitsfalle», schreibt der ehemalige Chefredaktor der Basellandschaftlichen Zeitung in seinem neuen Buch. Täglich produzieren die Medien Schlagzeilen, die eigentlich unbedeutend sind. Trotzdem sind wir süchtig nach ihnen.

Matthias Zehnder, heute prägen Populisten wie Donald Trump oder Christoph Blocher die Politik. Worauf basiert ihr Erfolg?
Sie versprechen das Blaue vom Himmel, so simpel, dass es jeder versteht. Und sie betreiben eine ruchlose Politik. Ihre gestrigen Versprechen interessieren sie heute nicht mehr. Mit seinen nationalistischen Tönen hat Donald Trump zudem den Nerv der Zeit getroffen.

Welche Rolle spielen dabei die Medien?
Donald Trump hat unter anderem deshalb die Wahlen gewonnen, weil er mit seinen Auftritten und unflätigen Twitterbotschaften in den Medien extrem präsent war. In den Vorwahlen der Republikaner hatte er in den TV-Netzwerken mehr Sendezeit als alle seine 16 Gegenkandidaten zusammen. Populistische Politiker, die es verstehen, in der Volksseele zu wühlen, erzielen eine hohe Quote. Gerade in jenen Ländern, in denen die Medien ganz von der Quote und Werbeeinnahmen abhängen, haben sie gute Karten.

Das bedeutet, wer in der Politik Karriere machen will, muss in den Medien permanent präsent sein.
Die Schlussfolgerung ist zu einfach. Wer eine hohe Quote erzielt, wird nicht automatisch Präsident. Aber die Medienpräsenz ist ein wesentlicher Faktor.

Quote erreicht man, indem man Aufmerksamkeit erregt.
Ja. Heute richten sich die Medien nach den Mechanismen des Boulevards. Entscheidend ist nicht, wie relevant ein Thema ist, sondern welches Aufsehen die Schlagzeilen erregen und wie oft man einschaltet oder den Beitrag im Web anklickt. Das Aufmerksamkeitsprinzip ist die Motivation, das die Medienschaffenden antreibt.

Mit Aussagen wie «shitholes» über afrikanische Länder oder «grab them by the pussy» über Frauen erregt der US-Präsident Aufsehen. Zählt das Argument Anstand in den Medien nicht mehr?
Doch – bloss umgekehrt, als man erwarten würde. Wer Regeln verletzt, Tabus bricht, Grenzen verletzt, kann sich der Aufmerksamkeit sicher sein. In einer atemlos nach Aufmerksamkeit hechelnden Medienwelt ist das Klickpotenzial einer Schlagzeile viel wichtiger als deren Relevanz. In der Aufmerksamkeitsökonomie gewinnt der Unanständige. Dies auch deshalb, weil die Aufmerksamkeitsmechanismen uralten Gesetzen folgen, die tief in uns quasi verdrahtet sind.

In Ihrem Buch erklären Sie, dass sich die Gesellschaft in der Aufmerksamkeitsfalle befinde. Täglich liefern die Medien neue Schlagzeilen, die uns in den Bann ziehen und unser Leben beeinflussen.
Die Medien agieren als Multiplikator, indem sie mit ihren Geschichten Aufmerksamkeit erregen und die Gesellschaft prägen. Aber dieser Prozess ist kurzfristiger. Die Reize nutzen sich mit der Zeit ab, es braucht immer wieder neue, stärkere Reize. Auf Dauer werden sich jene Medien behaupten, die Inhalte publizieren, die langfristig wichtig und nützlich sind.

Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Glaubwürdigkeit?
Ja.

Haben die Medien in den letzten Jahren an Glaubwürdigkeit verloren, gerade im Hinblick auf die vielen Fake News im Web?
Zunächst muss man wissen, was Fake News sind. Nicht jede falsche Nachricht ist eine Fake News. Ein Wetterbericht ist keine Fake News, selbst wenn er falsch liegt. Bei Fake News handelt es sich um bewusst gefälschte Nachrichten. Die Verfasser wissen genau, was richtig wäre.

Wie kann man zwischen wahren und falschen Meldungen unterscheiden?
Oftmals ahnt man, dass etwas nicht stimmt. Etwa wenn es heisst, der Papst habe Donald Trump unterstützt. In seriösen Medien wird man dann rasch die richtigen Hinweise finden.

Wie viele News im Web sind «fake»?
Im Netz ist der Prozentsatz der Fake News auf Englisch deutlich höher als auf Deutsch. Im angelsächsischen Raum lässt sich damit über Werbung Geld verdienen. Es existieren eigentliche Fake-News-Fabriken. Auf Deutsch ist der Anteil der Fake News weniger hoch. Oft stammen sie aus der politisch extremen Ecke. Man behauptet etwa, Caritas statte die Asylbewerber mit iPhones und Luxuskleidern aus.

Haben Fake News in Deutschland den Aufstieg der AfD gefördert?
Es gibt nicht den einen Grund. Aber an den politischen Rändern glaubt man eher an Verschwörungstheorien. Und da Fake News rasch gestreut werden, setzen sich die falschen Informationen fest. Umgekehrt bezeichnet die AfD die Medien als Lügenpresse, weil sie nicht ihr Weltbild verbreiten. Und Donald Trump nennt CNN «fake news».

Propaganda und Falschinformationen gab es schon immer. Was ist heute anders?
Mit Desinformation machte man schon immer Politik. Ein wesentlicher Unterschied ist, mit welchem Tempo Fake News über das Internet verbreitet werden. Sie werden rasend geteilt, ohne dass man sie kontrollieren kann. Hinzu kommt, dass sich viele im Netz in einer Blase bewegen. Sie haben nur mit den Meldungen und Menschen Kontakt, die ihrer Meinung entsprechen. Das führt dazu, dass man extremer wird und alles andere als Fälschung ablehnt.

Das Weltbild wird schwarz und weiss?
Vor allem dort, wo politisch polare Verhältnisse herrschen wie in Amerika. In den USA gibt es eine blaue und eine rote Welt, die Welt der Demokraten und der Republikaner. Beide haben ihre eigenen Medien. Die Republikaner schauen Fox News, die Demokraten CNN. Beide Sender verbreiten unterschiedliche Nachrichten, die den jeweiligen Weltbildern entsprechen.

Was lässt sich gegen diese Entwicklung unternehmen?
Eine demokratische Gesellschaft braucht öffentlich-rechtliche Medien, die gegenüber der Allgemeinheit verpflichtet sind und ausgewogen informieren. Deshalb sollte man zu diesen Sorge tragen.

Sie sprechen die No-Billag-Initiative an.
Ja, gerade die Schweiz als Land mit vier Landessprachen und zahlreichen Minderheiten braucht eine SRG, die mit Gebühren finanziert wird. Ohne die Gebühren gäbe es kein rätoromanisches und Tessiner Fernsehen mehr und vermutlich nur wenige Sendungen in der Westschweiz. Sparten wie Religion und Kultur würden ganz gestrichen.

Wie kann sich der Einzelne der Aufmerksamkeitsfalle entziehen?
Durch gezielte Verlangsamung: Statt täglich 700 Nachrichten im Internet zu lesen, wäre es besser, sich anhand eines Buchs gründlich über eine Thematik zu informieren. Wir sollten uns nicht von den medialen Impulswellen bestimmen lassen, sondern den Verstand einschalten und kritisch darüber nachdenken, ob die Geschichte stimmt. Gefragt ist der mündige Mensch.

«Bad news are good news» lautet das Credo im Mediengeschäft. Deshalb dominieren die schlechten Nachrichten die Medien und unsere Gemütslage. Braucht die Welt mehr gute und aufbauende Nachrichten?
Ja, unbedingt. Die schlechten Nachrichten verzerren unser Weltbild. Das beste Beispiel dafür sind Flugzeugabstürze. Da die Medien über jeden Absturz auf dieser Welt berichten, haben wir das Gefühl, Fliegen sei gefährlich. Statistisch gesehen ist die Autofahrt zum Flughafen viel gefährlicher als der Flug danach. Die negativen Schlagzeilen prägen heute unsere Gesellschaft. Ich denke, die Leute haben ein starkes Bedürfnis nach guten Nachrichten.

Kennen Sie ein Beispiel aus der jüngsten Zeit?
Spielt der FC Basel, wird jede kleine Schlägerei unter Jugendlichen rund um das Fussballspiel von den Medien rapportiert. Die Leute bekommen das Gefühl von einer gewalttätigen Jugend. Über Neujahr kamen 20’000 Jugendliche zum Taizé-Treffen nach Basel und feierten friedlich. Es gab keine Schlägereien, keine Sachbeschädigungen, keine Abfallberge. Das ist doch eine gute Nachricht, die man leider kaum lesen konnte.

Interview: Tilmann Zuber, kirchenbote-online, 17. Januar 2018

Matthias Zehnder ist freier Publizist, Medienwissenschaftler und Medienbeauftragter der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt. Zuvor war er Chefredaktor der bz Basel/Basellandschaftlichen Zeitung und der Coopzeitung.
Buchtipp: Matthias Zehnder, Die Aufmerksamkeitsfalle: Wie die Medien zu Populismus führen, Verlag Zytglogge


KIRCHENBOTE E-PAPER

Alle Kirchenboten ab 2002 zum Lesen, Suchen und Herunterladen...


Tenöre gesucht– Luther Oratorium in St. Gallen!  | Artikel

Ein Pop-Oratorium über den Reformator Martin Luther wird am 3. November erstmals in der Schweiz aufgeführt. Für das Projekt in St. Gallen wurden  Sängerinnen und Sänger gesucht, wie der Website des Trägervereins zu entnehmen ist.

Zur grossen Freude der Organisatoren ist der 300-köpfige Projektchor zum Luther-Pop-Oratorium bereits praktisch voll besetzt, und er soll auch noch grosszügig «überfüllt» werden.Was aber noch fehlt, sind 25 weitere Männerstimmen – vorzugsweise Tenöre (oder Tenösen)! Wer hat noch nicht, wer will nochmal? «Wir freuen uns über jede weitere Anmeldung!», schreibt Andreas Hausammann.

www.luther-oratorium.ch

Mitmachen kann man unabhängig von kirchlicher Zugehörigkeit. Eine Anmeldung ist nur online möglich!


Zwitschern Sie mit!  | Artikel

Seit Ende September lädt der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) die Bevölkerung ein, über den Glauben nachzudenken. Dies geschieht mit einer Plakatkampagne oder mit den zwölf theologischen Kurzbotschaften, den Glaubenstweets. Lassen Sie sich vom Gezwitscher inspirieren!


Bike und Bibel  | Artikel

Die St.Galler Kantonalkirche nahm 2003 einen Trend vorweg. Als der Begriff E-Bike noch in den Sternen stand, setzte sie aufs Fahrrad und eröffnete den Bibel-Veloweg. Zeit also, ihn wieder in Erinnerung zu rufen und sich auf das Velo zu schwingen, eine Tour zu unternehmen. Mehr erfahren Sie hier.

Der Flyer und die Velokarte dazu