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Gesellschaft

Die Hirnforschung, das Ich und der freie Wille

Quer denken: Ein Interview mit dem Mediziner Joachim Bauer

Warum ist Freiheit und Entscheidungsfreiheit so wichtig für uns Menschen?
Menschen sind die einzigen Lebewesen, die über sich selbst nachdenken können. Nur wir können Vergangenheit und Zukunft reflektieren und einen Plan für das eigene Leben entwerfen. Nicht alle Menschen nutzen dieses Potenzial. Wir sind aber dazu gemacht, dieses Potenzial zu nutzen. Die Konsumgesellschaft versucht, uns dieses Potenzial wegzunehmen und uns zu Reiz-Reaktions-Maschinen zu machen.

«Einige Hirnforscher versuchten, die Existenz des freien Willens zu verneinen.» 

Mit dem Aufkommen der Hirnforschung hat die Frage nach dem freien Willen eine ganz neue Dimension bekommen. Warum?
In der Biologie und Medizin gibt es zwei Arten von Forschern: Die einen betrachten den Menschen wie ein vorprogrammiertes physikalisch-chemisches Objekt, also wie einen Apparat. Apparate haben keine Freiheit. Die anderen haben demgegenüber erkannt, dass der Mensch mehr ist als eine Maschine und dass Menschen etwas haben, was einer Maschine fehlt: ein subjektives Erleben, die Fähigkeit, zwischen Wahlmöglichkeiten abzuwägen, und Freiheitsgrade beim Handeln.

Ihr neustes Buch trägt den Titel «Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens». Wieso «Wiederentdeckung»?
Einige Hirnforscher versuchten vor einigen Jahren, die Existenz des freien Willens zu verneinen. Man dürfe, so sagten sie, daher auch keinen Verbrecher bestrafen, denn nicht er, sondern sein Gehirn habe so gehandelt. Diesem Unsinn wollte ich mit meinem Buch widersprechen. Menschen können innehalten und über die Folgen ihres Tuns nachdenken, hier liegt der Kern dessen, was der freie Wille ist.

Wodurch wird denn mein Ich, meine Persönlichkeit überhaupt bestimmt: durch meine Gene, die Erziehung, die Gesellschaft, meine Erfahrungen, die biologische Funktionsweise meines Gehirns, durch Gott?
Durch alles zusammen, wobei ich den lieben Gott an dieser Stelle weglassen würde, denn wir wissen – auch wenn wir Gläubige sind – nichts über seine Arbeitsweise und seinen Plan. Ich sehe es übrigens so, wie Papst Benedikt XVI. es in einer Enzyklika formulierte: Deus caritas est (Gott ist Liebe).

«Unser Selbst verändert sich fortlaufend durch den zwischenmenschlichen Austausch.» 

Man schätzt, dass wir etwa 95% unserer Entscheidungen unbewusst treffen. Ist das nun eher eine Einschränkung unserer Willensfreiheit oder eher eine Entlastung für unser Gehirn im Alltag? Oder beides?
Beides ist richtig. Zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein gibt es Türen, die teils offen stehen, teils geöffnet werden können. Das Unbewusste hilft uns und erspart uns, über alles und jedes bewusst neu nachdenken zu müssen.

Zum Schluss ganz konkret: Warum reicht in den meisten Fällen der Wille allein nicht aus, um von einer Sucht oder einem Zwang loszukommen? Und welches wären bessere Möglichkeiten, mit einer Sucht brechen zu können?
Der Ort des Willens in einem Menschen ist sein «Selbst». Das «Selbst» des Menschen ist jedoch keine Festung aus Stahl und Beton, sondern ein «soziales Selbst»: Unser Selbst verändert sich fortlaufend durch den zwischenmenschlichen Austausch, den wir mit anderen haben. Daher brauchen wir, um uns verändern zu können, den Dialog mit anderen Menschen.

 

Der Vielseitige
Joachim Bauer, geboren 1951, ist Arzt, Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Autor von Sachbüchern, wohnhaft in Berlin. «Cicero», das Magazin für politische Kultur, zählt ihn zu den einflussreichsten deutschsprachigen Intellektuellen. Er befasst sich insbesondere mit dem Zusammenspiel von Geist, Seele und Leib des Menschen und wie dieses hilfreich zu einem gesunden Leben und zur Heilung eines psychisch kranken Menschen beitragen kann

 

Text: Marcel Wildi | Fotos: pixabay  – Kirchenbote SG, April 2018

 

Die Bedeutung der Hirnforschung

Zur uralten philosophischen Frage, ob die Materie den Geist prägt oder der Geist die Materie, leistet die Neurowissenschaft
einen neuen wichtigen Beitrag.

1979 wies Benjamin Libet in einem Experiment mit Hirnstrommessungen nach, dass das Hirn eine Handlung bereits plant und einleitet, bevor wir uns als Person dieser Handlung bewusst sind. Differenziertere Versuchsanordnungen zeigten später, dass es aber innerhalb dieses Zeitraums immer noch die Möglichkeit gibt, sich auch anders zu entscheiden. Man nennt diese Zeitspanne von 200 Millisekunden deshalb Bereitschaftspotenzial. Manche Wissenschaftler folgerten aus Libets Experiment, dass das Gehirn (also die Materie) und nicht das Ich (also der Geist) über eine Tat entscheidet, und ein Mensch deshalb nicht für seine Handlungen, auch nicht für seine Verbrechen, zur Verantwortung gezogen werden könne. Andere, wie Joachim Bauer, interpretieren diesen Umstand umgekehrt. Für sie hat sehr wohl das «Ich» oder das «Selbst» als nichtmaterielle Grösse den entscheidenden Einfluss auf die ausführende Tätigkeit des Gehirns. J. Bauer: «Unser Gehirn macht tatsächlich aus Psychologie
Biologie.»

 

Text: Marcel Wildi – Kirchenbote SG, April 2018


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