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Leben & Glauben

Interview mit dem Philosophen und Theologen Harald Seubert zum freien Willen im Christentum

Führte der Sündenfall zum Freiheitsverlust?

20.03.2018
Für den Theologen und Philosophen Harald Seubert hängt die Frage der Freiheit eng mit der Frage nach Gott zusammen.

Was haben denn die Menschen früher gedacht, ob sie frei sind in ihren Entscheidungen?
Die Griechen gingen davon aus, dass das Schicksal über sie verhängt ist und sie ihm nicht entrinnen können. Dadurch werden sie schuldig, auch wenn sie es nicht wissen. Bei allen grossen Innovationen dieser Kultur zeigt sich also eine bleibende Furcht. Und in Rom ist die Freiheit ein rein politischer Begriff. Als römischer Bürger ist man frei und hat mehr Rechte als andere. Doch sonst bleibt man in Unfreiheit und Bindungen gehalten. Die hebräische Bibel und das antike Judentum zeigen uns eine tiefe Freiheit, die aber nur möglich ist, wenn sich der Mensch als Ebenbild Gottes verhält und sein Gesetz tut. 

Fraglich ist auch, ob Freiheit eine Eigenschaft des Menschen ist oder eine Verpflichtung.»

Und was denken zeitgenössische Philosophen darüber? 
Es gibt eine Diskussion, ob Freiheit mit den offensichtlichen Zwängen übereinstimmt oder nicht. Das wird sehr differenziert diskutiert. Fraglich ist auch, ob Freiheit eigentlich eine Eigenschaft des Menschen ist oder eine Verpflichtung, wie Kant sagte. Auch wird das Freiheitsproblem politisch reflektiert und erklärt, dass Freiheit immer nur bedingte Freiheit ist. Eine absolute Freiheit würde totalitär. Heidegger spricht deshalb vom Menschen als «geworfenem Entwurf», worin sehr schön Freiheit und Bedingtheit zusammengedacht werden. 

Die Reformatoren haben seinerzeit intensiv darüber diskutiert, ob der Mensch einen freien Willen hat oder nicht. Welches waren ihre wichtigsten Argumente dafür und dagegen? 
Für Erasmus von Rotterdam, den Humanisten, der mit Luthers Reformation Sympathien hatte, war der freie Wille mit der Schöpfung mitgegeben. Menschliche Würde hängt für ihn eng mit der Freiheit zusammen. Luther war dagegen ganz entschieden anderer An-sicht. Die Allmacht und Allwissenheit Gottes strecke die Freiheit «wie ein Blitz nieder», erklärte er. Mit viel Menschen- und Bibelkenntnis zeigte er, dass der Mensch nur zum Bösen frei ist. Das Gute kann er nur aus der Gnade Gottes erfassen und tun. 

«Das reformatorische Problem ist nach wie vor aktuell: Wie steht menschliche Freiheit im Verhältnis zur Allwissenheit und Allmacht Gottes?»

Warum ist dieses Thema überhaupt so entscheidend für die christliche Theologie?
Die Frage nach der Freiheit hängt eng mit der Frage nach Gott zusammen, aber auch mit der Frage nach dem Wesen des Menschen. So ist es für die christliche Theologie eine problematische Fragestellung, ob der Mensch beim Sündenfall die Freiheit gänzlich verloren hat oder ob sie nur korrumpiert und eingeschränkt wurde. Das reformatorische Problem ist nach wie vor aktuell: Wie steht menschliche Freiheit im Verhältnis zur Allwissenheit und Allmacht Gottes? Man kommt hier freilich an die Grenzen des für Menschen Erkennbaren und sollte Lösungsversuche dieses Dilemmas immer wieder an den Aussagen der Bibel prüfen. 

Und warum ist das Thema entscheidend für unser alltägliches Leben als Christen, in Bezug etwa auf den Glauben oder unser moralisches Handeln?
Es ist zum einen ein grosser Unterschied, ob ich aus Freiheit meinen Glauben und meine Lebensform wähle oder aus purer Furcht. Und zum andern könnten wir gar nicht handeln, weder moralisch noch unmoralisch, wenn wir nicht frei wären. Freiheit hängt insofern auch eng mit Verantwortung zusammen.

 

Text: Marcel Wildi | Foto: Rolf Meier  – Kirchenbote SG, April 2018

 


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