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Gesellschaft

«Ich bin frei, wenn ich mich im Griff habe»

Jürg S.* hockt im Knast. Vier Jahre. Das gilt als Inbegriff der Unfreiheit. Doch der 24-Jährige sieht es anders. «Freiheit heisst für mich: mein Leben in den Griff kriegen.» Ob er das hinter Gefängnismauern schaffe oder draussen, spiele keine Rolle. Vielleicht helfe ihm die Abschirmung dabei sogar, findet er.

Der junge Mann aus der Nordwestschweiz war eigentlich gut unterwegs. Sein Leben lief leicht dahin. Er hatte die Berufsmatura geschafft. Mit einer Ehrenrunde zwar, aber immerhin. Dann hing er ein Jahr rum, wusste nicht gleich so recht beruflich wohin, plante eine höhere Ausbildung und geriet an falsche Freunde. «Vielleicht hatte ich zu viel Freiheit.» Er schweigt einen Moment. Geld war da, die Wohnung bei den Eltern auch, aber eben kein richtiges Ziel. Dafür der Alkohol. Der verdammte Alkohol. Lustig sei es ja gewesen. Er fühlte sich frei. 

«In Wahrheit war ich gefangen.»

Bis zu jenem schrecklichen Abend, als er im Ausgang einem Fremden wegen einer Nichtigkeit eine Flasche über den Kopf zog. Der Mann trug schwerste Verletzungen davon. Jürg kann sich nicht mehr erinnern, so voll war er. Aber er ist immer noch schockiert, dass er das war. Dass er in seiner «Freiheit» zu so etwas fähig war. «In Wahrheit war ich gefangen.» Darum fühle er sich jetzt freier, nach dem Beginn einer Lehre, hier, im Knast. Halbwegs frei sei er aber erst, wenn er die Gutmachung zahlen könne. Und wenn er sein Leben in den Griff kriege. Ohne Alkohol. «Daran denke ich jeden Tag.» 

 

* Name anonymisiert

 

Text | Foto: Reinhold Meier, Wangs  – Kirchenbote SG, April 2018

 


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