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Gesellschaft

Wie die Heilsarmee Verwandte wieder zusammenbringt – die ehemalige Rheintaler Gemeindeleiterin Regula Kurilin erzählt

Wenn ein Teil der Familie fehlt

23.05.2018
Schon lange bevor in Fernsehsendungen wie «Julia Leischick sucht: Bitte melde dich», «Vermisst» oder auch «Happy Day» Familienangehörige gesucht wurden, haben die Heilsarmee, das Schweizerische Rote Kreuz und andere Organisationen diese Dienstleistung angeboten.

Sie entspricht offenbar einem grossen Bedürfnis. Denn zur Realität von Familien gehört es auch dazu, dass – aus den unterschiedlichsten Gründen – eine Generation oder eine einzelne wichtige Bezugsperson fehlt.

«Für Menschen, die ein Familienmitglied vermissen, ist das Leben wie ein Puzzle, in dem ein Stück fehlt.»

Die Heilsarmee ist bekannt für ihr Motto «Suppe, Seife, Seelenheil», ihre Topfkollekten, die Brockenhäuser, ihre Wohnheime und Sozialberatungsstellen. Kaum jemand aber weiss, dass die Heilsarmee seit mehr als hundert Jahren vermisste Familienmitglieder sucht. Regula Kurilin leitet diesen Arbeitszweig. 

Frau Kurilin, warum betreibt die Heilsarmee einen Personensuchdienst?
Den internationalen Personensuchdienst der Heilsarmee gibt es seit 1885. Für Menschen, die ein Familienmitglied vermissen, ist das Leben wie ein Puzzle, in dem ein Stück fehlt: Das «Bild» ist fühlbar unvollständig.

«Familie ist Identität, gewissermassen ‹innere Heimat›.» 

Wer wird denn von wem am häufigsten gesucht?
Aktuell habe ich sehr viele Anfragen von Söhnen und Töchtern, die nach einem leiblichen Elternteil suchen, meist dem Vater. Sie widerspiegeln den Bruch von Familien und die emotionalen Schäden, die so etwas hinterlassen kann.

Wie hoch ist Ihre Erfolgsquote?
Statistisch gesehen ist rund ein Drittel aller Suchbemühungen von Erfolg gekrönt. Das hängt aber sehr von der Komplexität der Suche ab. Gute Voraussetzungen, jemanden zu finden, haben wir, wenn wir Vor- und Nachnamen, das Geburtsdatum und einen ehemaligen Wohnort kennen. Wir fragen ja viel bei Ämtern und Behörden nach. Nicht immer ist aber so viel bekannt.

 Ihre längste Suche?
Die dauerte etwa vier Jahre.

Und die emotionalste?
Da war eine Mutter, die ihre Tochter suchte, die bei Verwandten aufwuchs. Sie wollte ihr mitteilen, warum sie nicht zu Hause aufwachsen konnte beziehungsweise durfte. Die gefundene Tochter kannte den Grund eben nicht und nahm ihr das übel. Sie verneinte jedenfalls die Kontaktanfrage (aus Datenschutzgründen müssen wir die gefundenen Personen jeweils fragen, ob sie Kontakt aufnehmen wollen). Obwohl ich den Grund kannte, durfte ich ihr aufgrund der Schweigepflicht keine Auskunft geben. Die Mutter war dann verständlicherweise sehr enttäuscht, ihr Versöhnungsversuch war misslungen. Sie weiss weiterhin gar nichts über das aktuelle Leben ihrer Tochter.

Warum ist denn Familie so wichtig für uns Menschen?
Familie ist Identität, gewissermassen «innere Heimat». Wurzellose oder entwurzelte (erwachsene) Kinder wünschen sich, zu wissen, wie ihr Vater, ihre Mutter aussieht, ob sie ihnen gleichen, welche Charaktereigenschaften sie mit ihnen teilen, wie sie leben, wie sie selbst aufgewachsen sind, ob es noch weitere Familienmitglieder gibt … Kontaktabbrüche – egal welcher Art und aus welchem Grund – hinterlassen bei den Betroffenen meist emotionale Wunden. Die (Wieder)herstellung eines Kontakts kann helfen, diese Wunden zu heilen.

 

Interview: Marcel Wildi | Foto: pixabay  – Kirchenbote SG, Juni-Juli 2018

 

Der Personensuchdienst der Heilsarmee

Regula Kurilin hat eine Teilzeitstelle in der Heilsarmeezentrale in Bern. Die grösste Herausforderung bei ihrer Arbeit, sagt sie, sei der Datenschutz der Behörden. Den Vorteil ihres Suchdienstes gegenüber den erwähnten TV-Formaten sieht sie vor allem darin, dass man sich als Suchender und Gefundener nicht einem Millionenpublikum ausliefern muss. Oft hilfreich für ihre Tätigkeit sei der Umstand, dass sie Teil einer weltweiten Organisation sei. Wer ihre Hilfe in Anspruch nehmen möchte, kann sich auf der Homepage www.heilsarmee.ch informieren und anmelden.


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