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Kirche

«Der Umgang mit Sexualität wird weiterhin tabuisiert»

Seit Jahren macht der Missbrauch in der katholischen Kirche Schlagzeilen. Feministische Theologinnen wie Doris Strahm sehen den Grund der Verbrechen nicht nur bei einzelnen Priestern, sondern auch im klerikalen System. Sie rufen Papst Franziskus zu Reformen auf.

Frau Strahm, seit Jahren machen die sexuellen Übergriffe in der katholischen Kirche Schlagzeilen. Warum wendet sich die Interessengemeinschaft Feministische Theologinnen gerade jetzt an die Öffentlichkeit?
Wir kritisierten schon in der Vergangenheit die klerikale, zölibatäre und patriarchale Struktur der katholischen Kirche. Jetzt gaben der massive Kindsmissbrauch der Priester in den USA und die Reaktion von Papst Franziskus den Ausschlag. Dazu konnten wir nicht schweigen.

Was bemängeln Sie am Papst?
Papst Franziskus stellt in seinem Brief überraschend deutlich klar, dass der Nährboden für die sexuellen Übergriffe und den Machtmissbrauch im «Klerikalismus» liegt. Er entschuldigt sich für das Geschehene. Doch dann wendet er sich an das ganze Kirchenvolk und ruft es zur Umkehr und Busse auf. Er spricht dabei weder explizit die Täter noch die klerikalen Strukturen an.

Damit verwischt er eigentlich die Frage der Schuld.
Ja, er verschiebt den Fokus von den Tätern auf alle Gläubige. Ich als Frau und Feministin will die Schuld für diese Vergehen nicht übernehmen. Ich bin nicht Teil dieses klerikal-patriarchalen Systems. Wir Frauen sind ja aus den klerikalen Strukturen ausgeschlossen und damit auch aus allen Entscheidungspositionen in der Kirche.

Das ist seit Jahrhunderten so. Wo besteht der Zusammenhang zum Machtmissbrauch?
Das Problem liegt im Klerikalismus. Die römisch-katholische Kirche kennt zwei Stände: Auf der einen Seite die geweihten Kleriker, auf der anderen das Laienvolk, die einfachen Gläubigen. Durch die Weihe erhalten Priester und Bischöfe einen sakralen Stand, sie werden etwas Heiliges, Unantastbares, erhaben über jegliche Kritik. Nur Männer sind zur Weihe zugelassen, können in diesen Stand gelangen. Diese klerikale Struktur und das geschlossene System eines Männerbundes begünstigt Machtmissbrauch und eine Vertuschungsmentalität. Wir kritisieren in unserer Stellungnahme, dass sich der Papst nicht mit den klerikalen und hierarchischen Kirchenstrukturen auseinandersetzt, aus denen die Haltung des Klerikalismus erwächst, und stattdessen den Machtmissbrauch als Problem von Einzelnen darstellt.

Es sind doch einzelne Priester.
Sicher. Aber seit 1990 kommen mehr und mehr Fälle von sexuellen Übergriffen und von Vertuschung durch die Kirchenoberen ans Licht. Es nimmt nicht ab. Das zeigt, Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe sind ein systemisches Problem der katholischen Kirche.

Da wollen Sie ansetzen?
Ja. Wir fordern Massnahmen zu Strukturreformen und ein anderes Amtsverständnis: Die Priester dürfen nicht über den anderen Gläubigen stehen. Und das Sakrament der Weihe darf nicht allein den Männern vorbehalten sein. Die römisch-katholische Amtskirche basiert im Grunde genommen auf dem Ausschluss der Frauen und der Sexualität. Beides hat einen engen Zusammenhang. Das Amtsverständnis eines «reinen», über die normalen Menschen erhobenen zölibatären Priestermannes bildet den Nährboden für die Diskriminierung der Frauen und eben auch für den Klerikalismus.

Sie sagen, die klerikale Struktur ebnet den Boden für den Missbrauch. Wie sieht das bei den Reformierten aus?
Das müssten Sie als Reformierter beantworten.

Unsere Recherche zeigt, dass der sexuelle Missbrauch von Jugendlichen und Kindern in der reformierten Kirche deutlich seltener vorkommt. Der Machtmissbrauch zeigt sich dort etwa, wenn ein Pfarrer die professionelle Distanz verliert und sich in einen «Seelsorgefall» «verliebt».
Das geschieht auch in der katholischen Kirche. Auch dort verlieben sich Priester in Frauen. Es gibt etliche «Priesterfrauen», die ihre Beziehung zum Seelsorger im Geheimen leben müssen. Das Zölibat verbietet ihnen, öffentlich zu ihrer Liebe zu stehen. Die Leidtragenden sind diese Frauen und deren Kinder. Solange nichts in die Öffentlichkeit dringt, wird es von oben stillschweigend toleriert. Doch sobald es ruchbar wird oder der Priester öffentlich dazu steht, verliert er sein Amt und wird ausgeschlossen. Das ist eine unglaubliche Doppelmoral.

Für viele ist das unverständlich: Wenn Priester zu ihrer Beziehung stehen, werden sie entlassen. Pädophile Priester, die aufflogen, wurden in der Vergangenheit versetzt.
Zugespitzt muss man das leider so sagen.

Das Zölibat schreibt dem Priester vor, seine Sexualität nicht in einer Beziehung zu leben. Ist das problematisch?
Ja, dahinter steht die Vorstellung, ein Mann Gottes sei asexuell. Das Priestertum soll «rein» sein. Grundsätzlich betrachtet die römisch-katholische Kirche Sexualität als etwas Negatives. Sie darf nur in der Ehe gelebt werden und dient allein der Fortpflanzung. Deshalb sind Pille und Kondome bis heute verboten. Eine neue Sexualmoral wäre dringend nötig, die anerkennt, dass die Sexualität etwas Gutes ist und zur menschlichen Existenz gehört.

Ist das Zölibat eine Überforderung?
Die Pflicht zum Zölibat ist falsch. Es ist verkehrt, jemanden als Bedingung für ein kirchliches Amt zur sexuellen Enthaltsamkeit zu zwingen. So wird das Zölibat zur Überforderung und es verhindert einen positiven Zugang zur eigenen Sexualität. Wenn jemand freiwillig diese Lebensform wählt, ist dies in Ordnung.

Was würde sich ändern, wenn Frauen zum Priesteramt zugelassen würden?
Der katholische Klerus hat etwas Männerbündlerisches. Frauen sind ausgeschlossen, weil sie die Machtposition der Kleriker und die männliche Sexualität herausfordern. Weibliche Priester auf Augenhöhe mit den Männern würden diese patriarchale Struktur aufbrechen. Es gäbe in der Kirche dann ein anderes Verständnis der Geschlechter, der Macht und der Sexualität. Gleichberechtigung und Ebenbürtigkeit von Mann und Frau wären dann ein Wert. Im Moment besteht eine eklatante Ungleichheit.

Das wäre für die katholische Kirche eine enorme Veränderung.
Richtig, dieser Schritt würde die Kirche grundlegend verändern und sie demokratisieren.

Es geht letztlich um die Frage der Macht: Gibt die römisch-katholische Kirche ihr klerikales Amtsverständnis auf, gibt sie ihre Hierarchie auf. Sprechen wir von einer zweiten Reformation?
Es müsste auf alle Fälle um umfassende Reformen gehen: der patriarchalen Kirchenstrukturen, des Amtsverständnisses, der Geschlechterordnung und der Sexualmoral.

Trotz Skandalen und Missbrauch stehen die meisten Katholiken hinter dem Klerus. Der Besuch des Papstes in Genf zeigte die Faszination, die der Papst selbst auf Evangelische und Atheisten ausübt.
Dem sakralen Amt haftet ein Nimbus an. Es strahlt etwas Heiliges, Unfehlbares und Überirdisches aus. Viele Menschen haben offenbar ein Bedürfnis nach solchen Persönlichkeiten. Doch gerade dieser Nimbus der katholischen Kirche erschwert es, Reformen anzugehen, Fehler einzugestehen und zu beheben.

Befürworten Sie den jüngsten Vorstoss der Bischofskonferenz, den Missbrauch der Justiz zu melden?
Auf jeden Fall. Die katholische Kirche der Schweiz hat einiges unternommen. Aber der klerikale Nährboden bleibt bestehen. Und der Umgang mit der Sexualität wird weiterhin tabuisiert. Das ist unheilvoll.

Nochmals zur Reaktion von Papst Franziskus. Er wendet sich in seinem Schreiben zu den Missbrauchsfällen an das Kirchenvolk. Ruft er nicht die Gläubigen dazu auf, Verantwortung zu übernehmen und ihre Priester zu massregeln?
Man könnte es so verstehen, dass Papst Franziskus nicht daran glaubt, dass der Klerus dieses Problem lösen kann, und will, dass auch die Gläubigen einen Beitrag leisten sollen. Es ist sicher so, dass es Katholikinnen und Katholiken gibt, die den Klerikern diese Macht verleihen und sie auf den Sockel heben. Enttäuschend ist, wie gesagt, dass Papst Franziskus die klerikalen Amtsstrukturen der Kirche nicht erwähnt, die den Klerikalismus erzeugen.

Die katholische Kirche wird seit Jahrzehnten von Skandalen erschüttert. Trotzdem halten ihr viele Gläubige die Treue.
Werden neue Missbrauchsfälle bekannt, folgt meist eine Austrittswelle. Vor allem in Europa. Aber Sie haben recht, die römisch-katholische Kirche schafft es, die Leute an sich zu binden trotz aller Kritik. Viele Katholikinnen in meinem Umfeld sind enttäuscht von der Kirche. Sie erleben in der Ortsgemeinde eine offene, tolerante Kirche. Daneben sehen sie, was in Rom geschieht. Das ist ein unglaublicher Spagat. Selbst wenn sie ihrer Kirche innerlich verbunden sind, müssen sie sich ständig fragen, ob sie nicht besser austreten. Viele bleiben, weil sie etwa die Definitionsmacht über das Kirchesein nicht dem Vatikan überlassen wollen. Zum Katholizismus gehören ja auch Bewegungen wie die Befreiungstheologien und die feministischen Theologien.

Die Skandale in der katholischen Kirche färben auch auf die anderen Konfessionen ab.
Ja, der Machtmissbrauch in der römisch-katholischen Kirche wird leider von vielen mit dem Christentum gleichgesetzt. Viele lehnen Religion und Glaube deshalb ab. Sie verkennen, dass die Botschaft Jesu genau auf das Gegenteil von hierarchischer Macht und Missbrauch von Menschen zielt. Sie ruft uns zu Verantwortung, zur Achtung der Würde jedes einzelnen Menschen und zur Nächstenliebe auf.

Tilmann Zuber, kirchenbote-online, 24. September 2018

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Die Interessengemeinschaft Feministischer Theologinnen der deutschen Schweiz und Liechtensteins wurde 1991gegründet. Sie versteht sich als ökumenisches Forum für feministische Theologie.


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