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Leben & Glauben

Lieder von Johann Conrad Ulmer neu vertont

So klingt Reformation

25.10.2018
Der Schaffhauser Reformator Johann Conrad Ulmer war nicht nur Theologe, sondern auch Liedautor. Hören kann man seine Lieder am Reformationssonntag vom 4. November und am Ulmer-Jubiläum im März 2019.

Die Musik erklingt aus dem Computer auf dem Schreibtisch von Christoph Buff, Pfarrer im Ruhestand in Stein am Rhein. Ein vierstimmiger Chorsatz rezitiert die Worte aus Psalm 1 im Viervierteltakt: «Glückselig ist der Mann, der nicht dem Rat hängt an, der Bösen und Gottlosen …» 
Der Rhythmus wechselt in der Strophenmitte in einen beschwingten Dreivierteltakt, die Melodie scheint zu tanzen: «… sondern hat Lust an Gottes Wort und Lehr und übt sich Tag und Nacht drin sehr.»
Der Liedtext stammt vom Schaffhauser Reformator Johann Conrad Ulmer. In seinem Urtext heisst es: «Glück-selig ist der Mann, der nit in Rath thut gan der bösen und Gottlosen.» Christoph Buff hat den Text sanft in ein heutiges Deutsch revidiert. Und dazu Melodie und Chorsatz komponiert, «damit man das Gedicht Ulmers heute singen kann», wie er sagt. «Sollten Fachleute je eine dazu passende Melodie aus der Reformationszeit finden, ziehe ich meine sofort zurück», fügt er an. 
Der Liedtext zu Psalm 1 ist eine der wenigen Dichtungen Ulmers ohne Hinweis auf eine Melodie. Insgesamt existieren 18 Liedtexte des Refor-mators. Neun davon sind schon im Standardwerk von Markus Jenny  «Geschichte des deutschschweizerischen Evangelischen Gesangbuches im 16. Jahrhundert» aus dem Jahr 1962 aufgeführt. Diese Lieder erscheinen in den Schaffhauser Gesangsbüchern aus den Jahren 1569, 1579 und 1596 ohne Noten. «Einige Lieder sind auch im Zürcher Gesangsbuch von 1599 erschienen, dort mit Noten. Die Melodien stammen teilweise aus der lutherischen Tradition aus Wittenberg, teilweise hat Ulmer angegeben, welche Melodie gesungen werden soll», erzählt Christoph Buff. 
Die weiteren neun Lieder blieben bis zum Anfang dieses Jahres unentdeckt. Der Reformationshistoriker und Editionswissenschafter Rainer Henrich, der seit zwei Jahren den Nachlass von Johann Conrad Ulmer bearbeitet, stiess auf sie in der Stadtbibliothek Schaffhausen.

Reformation durchgesetzt
Der 1519 geborene Johann Conrad Ulmer war der gebildetste Schaffhauser Theologe seiner Zeit. Er studierte in Strassburg bei Calvin, in Wittenberg bei Luther und Melanchthon und wurde dort zum Pfarrer ordiniert. Luther schickte ihn nach Lohr in die Grafschaft Rieneck, deren Fürst einen «guten Theologen» wünschte, um die Reformation durchzuführen. 1566 berief der Rat von Schaffhausen Ulmer in seine Heimatstadt zurück, um die Reformation in den Gemeinden umzusetzen. Nach seiner Rückkehr wirkte er zunächst als Münsterpfarrer, ab 1569 als Pfarrer am St. Johann in Schaffhausen. Johann Conrad Ulmer gilt nach Sebastian Hofmeister als zweiter Reformator Schaffhausens und amtete als einer der drei Hauptpfarrer und als Dekan der Schaffhauser Kirche. 

Kritischer Lieddichter
In Schaffhausen hat er einen Katechismus verfasst und dazu Liedtexte geschrieben. «Ulmer war der Auffassung, dass man den Kindern das Glaubensbekenntnis nicht trocken eintrichtern, sondern singend nahebringen soll», sagt Christoph Buff. Neben seinen Kirchenliedern zu Abendmahl, Taufe, Predigtamt, den zehn Geboten und dem Magnificat (Marias Lobgesang), schrieb Ulmer auch andere Gedichte mit biblischen Bezügen, die das Zeitgeschehen spiegeln. «Ulmer war ein äusserst wacher Zeitgenosse, der sich zu vielen aktuellen Themen äusserte. Er konnte auch humorvoll oder sarkastisch dichten», erläutert Buff. So warnte Ulmer auf einem Flugblatt in Liedform vehement vor einer Schweizer Beteiligung im Türkenkrieg, nahm Schwärmgeister mit deren abstrusen Glaubenstheorien aufs Korn, dichtete über eine Supernova» und über Nordlichter am Himmel, die ihm wie der heilige Sankt Nikolaus erschienen, der Andersgläubigen mit der Rute droht. «Bei den Urtexten von Ulmer erkennt man den Schaffhauser Dialekt-Einschlag», sagt Christoph Buff, der die Texte zusammen mit dem Schaffhauser Sprachwissenschafter Alfred Richli in heutiges Deutsch gesetzt hat. Christoph Buff hat alle Ulmer-Lieder neu arrangiert, eilweise auch für Chor, Solostimme und Orchester. 
Einige der Ulmer-Lieder kann man am Reformationssonntag vom 4. November in der Kirche St. Johann hören, gesungen von den Kirchenchören La Capella Schaffhausen und cantemus Rafzerfeld unter der Leitung von Hans-peter Jud. Choristen, die selber gerne einmal Ulmer-Lieder singen möchten, können das im März 2019 tun, wenn sich der Geburtstag des Reformators zum 500. Mal jährt. Vier Schaffhauser Kirchenchöre bieten drei Sing-Ateliers an unter dem Motto «So klingt Reformation». Zur Aufführung kommen eine Anzahl Ulmer-Lieder in den Jubiläumsgottesdiensten Ende März in Schaffhausen und Stein am Rhein.
www.reformation-sh.ch/atelier

Adriana Schneider, 10. Oktober 2018

 

 


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