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Gesellschaft

«Lebensträume spornen uns an»

Dem Glücksforscher Bruno S. Frey gefällt es, wenn man unerfüllbare Träume aufrechterhält. Man müsse aber auch bereit sein, Abstriche zu machen.

Herr Frey, sind Sie glücklich?
Ich bin sehr glücklich. Ich habe ein gutes Leben, eine tolle Familie und bin gesund. Ich hatte viel Glück und traf auf günstige Umstände. So konnte ich vieles verwirklichen. Mehr kann man nicht verlangen.

Welche Träume möchten sie noch verwirklichen?
Ich möchte gerne noch zwei Bücher schreiben. Das eine handelt von den Verbindungen zwischen Wirtschaft und Kunst, das andere von einer neuen Art des europäischen Zusammenlebens, abweichend von der EU, wie sie heute ist.

Lange Zeit war für die meisten der Traum von Familie, Haus und Auto das grösste Glück. Hat sich das heute geändert?
Das Eigenheim ist für viele immer noch zentral. Oft sind die Erwartungen riesig, die Wirklichkeit hingegen sieht anders aus. Ich glaube, dass das Materielle an Bedeutung verloren hat, weil die Schweizerinnen und Schweizer relativ gut gestellt sind. Sie wünschen sich eher ein glückliches Familienleben, gute Freunde und vor allem seelische und körperliche Gesundheit.

Je mehr Geld man hat, desto immaterieller werden die Wünsche?
Leider nicht bei allen. Es gibt Leute, die immer noch mehr wollen, aber das macht sie nicht glücklich. Wer bereits ein hohes Einkommen hat, wird nicht glücklicher, wenn er noch mehr verdient.

Dennoch träumen viele vom Reichtum.
Mit Recht. Hat man wenig Geld und bekommt mehr, nimmt das Glück deutlich zu. Das zeigen sämtliche Untersuchungen auf der ganzen Welt. Man darf den Menschen, die wenig haben, sei es bei uns oder in der Dritten Welt, nicht einreden, dass dies unwichtig ist. Sie wissen, dass sie ein gutes, regelmässiges Gehalt brauchen, um ihre praktischen Wünsche erfüllen zu können. Darum sollten wir danach streben, dass alle ein gutes Einkommen haben.

Kann man ohne Geld seine Träume verwirklichen?
Nein, das ist praktisch unmöglich. Die Vorstellung, dass man sich aus der Welt zurückzieht und wie ein Einsiedler lebt, das ist in der heutigen Zeit meines Erachtens völlig ausgeschlossen. Für arme Menschen, die betteln müssen, wie man sie in den USA, in Frankreich und zum Teil in Deutschland antrifft, ist das Leben sehr beschwerlich. Ihr Denken kreist dauernd ums Geld. Ständig fragen sie sich, wie sie zur nächsten Mahlzeit oder zu einem warmen Bett kommen.

Gibt es einen Unterschied zwischen materiellen und immateriellen Lebensträumen? Etwa zwischen dem Traum vom teuren Auto und dem von ewiger Liebe?
Lebensträume sind wichtig und spornen uns an. Das müssen aber nicht notwendigerweise materielle Ziele sein. Einen Porsche oder Ferrari zu kaufen, kann man sich zwar zum Ziel setzen, die Freude darüber erschöpft sich jedoch rasch. Ausser man verliebt sich in die Autos, zum Beispiel in Oldtimer. Solche Hobbys können einen erfüllen. Heute sind die Menschen glücklicher, wenn sie mit der Familie oder Freunden eine gute Zeit verbringen können, als mit ihrem teuren Auto. Darf ich hier auf die Religion kommen?

Selbstverständlich.
In der Forschung haben wir herausgefunden, dass religiöse Leute glücklicher sind. Dies aus zwei Gründen. Wenn man religiös ist, geht man in die Kirche oder die Synagoge und trifft dort andere Menschen, die ähnlich glauben. Es wirkt sich positiv auf die eigene Zufriedenheit aus, wenn man gleichgesinnte Freunde und Bekannte hat, mit denen man sich regelmässig austauscht. Zudem gelingt es religiösen Menschen besser, das Leben zu relativieren, etwa wenn ihnen ein Unglück widerfährt oder ein Schicksalsschlag. Sie finden Halt in ihrem Glauben, dass es noch mehr gibt als dieses Leben auf Erden, etwas Tieferes, Göttliches, das darüber hinausweist. Ich bin Ökonom. Ich suchte in meiner Forschung nicht nach solchen Ergebnissen, doch sie sind aus unseren statistisch-empirischen Untersuchungen hervorgegangen. Für mich war dies überraschend und schön.

Apropos Schicksalsschläge, viele Träume gehen nie in Erfüllung.
Die wenigsten Träume gehen in Erfüllung, aber man passt sich an. Wenn man zum Beispiel nicht Olympiasieger wird, tröstet man sich damit, dass man trotzdem ein guter Sportler ist und dabei noch gute Freunde gefunden hat. Das ist vernünftig. Junge Leute glauben oft, dass sie im Leben alles erreichen können. Doch für die meisten ist dies nicht möglich.

Man muss also Abstriche machen. Ändern sich die Lebensträume mit dem Alter?
Ich denke schon. Man erwartet nicht mehr so viel, man weiss, dass man nicht mehr alles erreichen kann. Es ist nicht sinnvoll, im Alter von 70 Jahren zu glauben, dass man noch Leichtathletik-Olympiasieger werden kann. Es ist also vernünftig, dass man bescheidener wird. Man gewinnt jedoch auch Neues. Viele haben mehr Zeit, wenn sie älter werden, sie lesen zum Beispiel mehr. Ich finde es erfüllend, gute Romane zu lesen, für die früher die Zeit fehlte.

Was macht glücklicher: ein erfüllter oder ein unerfüllbarer Traum?
Mir gefällt es, wenn man unerfüllbare Träume aufrechterhält. Es ist eine schöne menschliche Eigenschaft, dass man nach mehr strebt, als man erreicht hat. Man sollte aber nicht zu verbissen sein und muss unter Umständen Abstriche machen.

Es gibt Leute, die sagen, sie seien wunschlos glücklich. Glauben Sie ihnen?
Das ist mehr eine Redensart. Ich glaube nicht, dass man je wunschlos glücklich ist. Das sollte man auch nicht sein, man sollte im Leben nach mehr streben. Um auf die Religion zurückzukommen: auf eine stärkere religiöse Erfüllung, ein näheres Verhältnis zu Gott. Wenn jemand sich wunschlos glücklich fühlt, ist das erfreulich. Man darf es aber nicht allzu ernst nehmen.

Nehmen wir an, jemand hat all seine Träume verwirklicht. Was bleibt ihm noch im Leben?
Hat man ein grosses Ziel erreicht, ist die Freude gross. Unsere Untersuchungen zeigen jedoch, dass diese Freude relativ rasch abnimmt. Man gewöhnt sich an das Erreichte. Das geht uns allen so. Im Leben braucht man Herausforderungen. Man muss sich schwierige Ziele setzen, die man nicht unmittelbar erreichen kann.

Nur schwierige Ziele machen und glücklich?
Ja, man ist ja nicht unglücklich, weil man ein Ziel verfolgt, das man noch nicht erreichen konnte. Sondern solche Herausforderungen befruchten das Leben. Dies ist das Entscheidende zum Glück.

Was braucht es weiter zum Glücklichsein?
Führt man ein gutes, vernünftiges Leben, wird man glücklich. Man kann das Glück nicht erzwingen. Am Morgen aufzustehen und zu sagen, heute will ich glücklich sein, wäre total verkehrt.

Was verstehen Sie unter einem vernünftigen, guten Leben?
Da gibt es je nach Persönlichkeit grosse Unterschiede. Das muss jeder selber herausfinden und erfahren. Man kann keine allgemeinen Ratschläge erteilen, das wäre verfehlt. Schon die grossen Philosophen sagten, das Glück kann man nur erreichen, wenn man gut und vernünftig lebt. Das ist eine gute alte Ansicht, die weit über die Ökonomie hinausgeht.

Interview: Karin Müller, kirchenbote-online, 16. Januar 2019

Bruno S. Frey
Der Basler Wirtschaftswissenschaftler Bruno S. Frey, 77, gilt als einer der Pioniere der Ökonomischen Theorie der Politik und der ökonomischen Glücksforschung sowie als führender Forscher im Bereich der Kulturökonomik. Er ist Forschungsdirektor am CREMA Center for Research in Economics, Management and the Arts in Zürich. Sein letztes Buch veröffentlichte er zusammen mit seiner Nichte: Bruno S. Frey und Claudia Frey Marti, «Glück – die Sicht der Ökonomie», Edition Rüegger, 3. Auflage, 2016


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