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Der frühe Zwingli: weitgereist und aufmüpfig

Der Zwingli-Film zeigt den Reformator als sinnesfreudige und kämpferische Persönlichkeit. Doch schon vor seiner Zürcher Zeit nahm Zwingli kein Blatt vor den Mund. Als Pfarrer in Glarus legte er sich mit den Behörden an und in Einsiedeln polterte er gegen den Ablasshandel.

Der neue Zwingli-Film, der in den Kinos läuft, beginnt mit dem Einzug Zwinglis in Zürich und seinem Amtsantritt am 1. Januar 1519 im Grossmünster. Die ehrwürdigen Herren des Chorherrenstiftes hatten ihn zum Leutpriester berufen und als Stadtpfarrer angestellt. Da war Zwingli gerade 35 Jahre alt geworden. Auf seine Vorgeschichte geht der Film nicht ein. Dabei formten das Studium in Basel und die Erfahrungen als Pfarrer in Glarus und Einsiedeln Zwingli zum Reformator, zu dem er in Zürich wurde.

Kindheit in den unwirtlichen Bergen
Huldrych Zwingli wurde am 1. Januar 1484 in Wildhaus geboren. Wildhaus liegt zuhinterst im Toggenburg, auf 1095 Metern Talhöhe, eingekesselt zwischen dem Säntismassiv im Norden und dem Churfirstenmassiv im Süden, beide über 2000 Meter hoch. Von Wildhaus führt eine kurvenreiche Strecke hinunter nach Gams im St. Galler Rheintal auf 440 Metern Höhe. Die harte Natur und der unerbittliche Kampf ums tägliche Brot haben den späteren Reformator geprägt. Er war das dritte Kind des Bauern und Gemeindepräsidenten Johann Ulrich Zwingli und der in erster Ehe kinderlos gebliebenen Witwe Margaretha Meilin-Bruggmann. 

Studium in Wien statt Kloster
In dem winzigen Holzhaus, das heute noch besteht, wuchs Zwingli mit mindestens neun Geschwistern auf. Weil es für alle zu eng war, wurde er mit sechs Jahren zu seinem Onkel Bartholomäus Zwingli geschickt, der in Weesen am Walensee Priester und Dekan war.

Als Zehnjähriger wechselte Zwingli an die Lateinschule in Basel und später an die Lateinschule in Bern. Dort fiel er durch hohe Musikalität auf, sodass die Berner Dominikaner ihn gerne in ihr Kloster aufgenommen hätten. Doch genau wie der Vater Luthers hatte auch der Vater von Zwingli etwas gegen das Klosterleben.

Als 15-Jähriger wurde Zwingli 1498 nach Wien geschickt, um dort zu studieren. Er studierte, wie damals üblich, die «Sieben freien Künste» – Grammatik, Rhetorik, Logik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie – und schloss mit dem Bachelor ab. 1502 begann er dann in Basel sein eigentliches Theologiestudium, das er mit dem Magisterexamen abschloss. Den Weg bis zum Doktor der Theologie ging Zwingli nicht.

«Päpstler» gegen das Söldnerwesen
Im September 1506 wurde Zwingli zum Priester geweiht und als Stadtpfarrer nach Glarus gewählt. Zur Pfarrei gehörten auch die Dörfer Riedern, Netstal, Ennenda und Mitlödi, drei Kapläne unterstützten Zwingli.

Zwingli nahm sich neben seiner pfarramtlichen Arbeit die Zeit, die Kirchenväter zu studieren und Griechisch zu lernen, um genau wie Luther den Urtext des Neuen Testaments lesen zu können, den Erasmus von Rotterdam 1516 in Basel veröffentlicht hatte.

Die Glarner verkauften ihre jungen Männer als Söldner an den Papst. Die Solothurner verdingten ihre jungen Männer an seinen ärgsten Feind, den Franzosenkönig. In der Lombardei kämpften päpstliche und französische Truppen gegeneinander um den Besitz von Mailand. Auf beiden Seiten wurden je zwischen 5‘000 und 10‘000 Schweizer Söldner eingesetzt. Im September 1515 kam es zur verlustreichen Schlacht von Marignano, bei welcher die päpstlichen Truppen von den französischen besiegt wurden. Die meisten der zwischen 12‘000 und 14‘000 Gefallenen auf beiden Seiten waren Eidgenossen. Zwingli, der dabei gewesen war, wurde jetzt zum erklärten Gegner der Reisläuferei.

Politisch untragbar und beurlaubt
Doch das war damals die Haupteinnahmequelle etlicher Kantone, deren Patrizier sich damit goldene Nasen verdienten. Innerhalb der Schweiz kippte die Sympathie der Bevölkerung vom Papst zu den Franzosen. Weil Zwingli sich weiterhin zum Papst bekannte und gleichzeitig die Reisläuferei bekämpfte, wurde er in Glarus politisch untragbar. Er wurde 1516 beurlaubt, aus Rücksicht auf die hinter ihm stehende Bevölkerung nur für drei Jahre, sonst hätte man ihn sicher fristlos entlassen.

Gegen den Ablassprediger
Wo eine Tür sich schliesst, öffnet sich häufig eine andere. Der Administrator des Klosters Einsiedeln, Diebold von Geroldseck, berief Zwingli zum Leutpriester in den berühmten Wallfahrtsort mit der Schwarzen Madonna. Dort begann Zwingli sogleich gegen die überbordende Volksfrömmigkeit und die Wallfahrten zu predigen. Ebenso gegen den Ablassprediger Bernhardin Samson, der vom Papst eingesetzt worden war, in der Schweiz Geld für den Bau des neuen Petersdoms einzutreiben. 

In der gleichen Zeit – Zwingli war zwischen 1516 und 1518 in Einsiedeln – verfasste Luther bekanntlich seine Thesen gegen den Ablassprediger Johannes Tetzel. Sie wurden in Basel nachgedruckt und von Zwingli sicher gelesen. Als er dann wieder nach Glarus hätte zurückkommen können, bewarb sich Zwingli stattdessen auf die Stelle im Zürcher Grossmünster.

Zwinglis uneheliches Kind
Im Film angedeutet wird eine Affäre, die Zwingli in Einsiedeln mit der Tochter eines Coiffeurs hatte. Sie bekam ein Kind, von dem sie behauptete, es sei von Zwingli, wozu Zwingli bemerkte, sie habe es «mit dem und jenem» getrieben und habe «mit vielen Männern Umgang gehabt». Eine Beziehung zu ihr entwickelte sich nicht.

Ulrich Wilhelm, kirchenbote-online, 28. Februar 2019


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