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Kirche

Ökumeniker Otto Karrer

«Er verstiess gegen alles, was man damals kannte»

03.04.2019
Als katholischer Priester setzte sich Otto Karrer für die Reformierten ein. Zeitlebens musste er für dieses Engagement büssen. Ein ökumenisches Zeichen in Luzern soll zur Erinnerung an den grossen Vorkämpfer der Ökumene restauriert werden.

Wenn Heidi R. sich an Otto Karrer erinnert, hat sie immer das gleiche Bild vor Augen: «Er sitzt mit wachem Blick, freundlich und gut gelaunt mit einer Zigarre in der Hand in seinem Studierzimmer, wo unendlich viele Bücher standen. Viele davon hatte er selbst geschrieben. Da er jedoch zu bescheiden war, zeigte er sie uns nicht. Mehrere Male drückte er meiner Mutter eine Geldzuwendung in die Hand, ohne die wir es nicht geschafft hätten.» 

Heidi R. war damals neun Jahre alt. Ein jüdisches Flüchtlingskind aus Deutschland. Otto Karrer hatte ihr und ihrer Familie während der Nazizeit zur Flucht in die Schweiz verholfen. Eine von vielen, denen der katholische Theologe das Leben rettete. Dies ist umso beeindruckender, da Karrer Zeit seines Lebens mit Geldsorgen zu kämpfen hatte. Denn er war ein Aussenseiter. Einer, der es gewagt hatte, sich mit der katholischen Kirche anzulegen, und Dinge getan hatte, die für die damalige Zeit undenkbar waren.

Von den Jesuiten enttäuscht
Aus dem Schwarzwald stammend, trat er in den Jesuitenorden ein. Dieser schickte ihn nach Rom, um historische Studien durchzuführen. «Als Karrer in seinen Studien auch konfliktreiche Themen der katholischen Kirchengeschichte aufzeigte, kam es zum Zerwürfnis», weiss Professor Wolfgang Müller, Leiter des Ökumenischen Instituts der Universität Luzern. «Enttäuscht verliess er den Jesuitenorden.» 

Reformierte galten als Abtrünnige
Kurze Zeit später trat er überstürzt in die Evangelisch-lutherische Kirche Bayern ein, hielt eine Probepredigt in Nürnberg, bis es auch dort zum Bruch kam. Karrer fühlte sich missbraucht, wurde er doch als Vorzeige-Konvertit herumgereicht, der zur richtigen Kirche gefunden hatte. In der Folge wanderte er in die Schweiz aus, zuerst nach Weggis, dann nach Kriens, wo er wieder in die römisch-katholische Kirche eintrat. Für diese war er nun ein Abtrünniger. Ein Stigmatisierter. Der Bischof in Basel machte ihm klar, dass einer wie er keine Pfarrstelle bekäme. Auch verbot er ihm zu unterrichten. 

Aus innerer Passion geleitet, arbeitete Karrer fortan als Seelsorger in der Pauluskirche Luzern – freilich ohne Lohn. Er übersetzte das Neue Testament leserfreundlich und landete damit einen Besteller. Auch mit seinen Texten über «Mystik» und Werken wie «Gebet, Vorsehung und Wunder» feierte er Erfolge, was ihm Einnahmen brachte. Wenn auch unregelmässig. 

Einsatz für die konfessionelle Mischehe
Als theologischer Schriftsteller mit Reputation trieb er erneut die katholischen Würdenträger zur Weissglut. Mit Entsetzen hatte er beobachtet, wie katholische Pfarrer Mischehen verweigerten. Dagegen schrieb er nun Streitschriften, die er öffentlich publizierte. 

Zudem empfing er immer häufiger daheim Reformierte. «Damit verstiess er gegen alles, was man damals kannte», sagt Professor Wolfgang Müller. «Es war nicht üblich für einen katholischen Pfarrer, Reformierte zu betreuen.» Diese galten noch immer als Abtrünnige, die der falschen Religion angehörten. 

Das Fass beinahe zum Überlaufen brachte, als sich Otto Karrer auch noch mit Peter Vogelsanger, dem reformierten Pfarrer vom Fraumünster Zürich, zusammentat und ökumenische Gesprächskreise initiierte, deren Ergebnisse er in einer ökumenischen Schriftreihe veröffentlichte. 

Späte Rehabilitation
«Er war der Erste in der Schweiz, der für die Ökumene eintrat», sagt Professor Wolfgang Müller. Doch Jahre über Jahre vergingen. Nichts schien sich zu ändern. Karrer blieb kritisiert, geächtet und ausgestossen. Die katholische Kirche blieb hart in Sachen Ökumene. Es war ein Kampf, der selbst an einem wie ihm, der nie klagte, nicht spurlos vorübergehen konnte. «An seiner Schrift, die sonst gestochen klar war, erkannte man, dass es Phasen gab, in denen ihm etwas zugesetzt haben muss», erzählt eine Lehrerin aus Vorarlberg, die ihm geholfen hatte, seine Schriften zu übersetzen. «Dann sah seine Schrift aus, als hätte er einen Schlaganfall erlitten.»

Die Höhepunkte seines Lebens kamen spät. Viel zu spät. Dennoch muss es ein Triumph gewesen sein, als das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) zahlreiche Gedanken von ihm übernahm. Eine späte Rehabilitation. Karrer war 75, als er vom Vatikan alle priesterlichen Rechte ohne Einschränkungen zurückerhielt. Als er mit 88 Jahren starb, zeigten Beileidsbezeugungen von hohen Würdenträgern der katholischen Kirche – darunter Benedikt XVI., Hans Küng, Karl und Hugo Rahner oder Yves Congar – welch grosser Mann er war.

Carmen Schirm-Gasser, kirchenbote-online, 3. April 2019

«Auf den Spuren des Ökumenikers Otto Karrer». Gesprächsrunde zum Gedenken an Otto Karrer mit Judith Stamm, Alt-Nationalrätin, Ursula Stämmer-Horst, Synodalratspräsidentin der reformierten Kirche der Kantons Luzern, Alexander Willi, Alt-Synodalratspräsident, Florian Fischer, Synodalrat, Moderation: Wolfang Müller, Ökumenisches Institut Luzern, 9. April, 18.15–20 Uhr, Universität Luzern

Ökumenisches Zeichen. Ein ökumenisches Zeichen, das 1963 am General-Guisan-Quai in Luzern auf Initiative des Ökumenischen Kreises Luzern aufgestellt wurde und fast unbekannt war, ist wiederentdeckt worden. Sein Zustand ist schlecht. Es soll auf Initiative der Luzerner Synodalratspräsidentin Ursula Stämmer-Horst saniert und neu eingeweiht werden. «Wir möchten in Erinnerung rufen, welche Bedeutung Otto Karrer für die Ökumene in der Schweiz und speziell in Luzern hatte», sagt die Synodalratspräsidentin. 


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