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Gesellschaft

Arbeitest du noch oder lebst du schon?

Über das Modewort «Work-Life-Balance», das unser Verhältnis zur Arbeit im 21. Jahrhundert nicht ganz auf den Punkt bringt.

Eine gute Work-Life-Balance ist der Königsweg ins Glück – dies suggerieren diverse Zeitungsartikel, Seminare und Ratgeber. Der Ausdruck nimmt das verbreitete Gefühl auf, dass die Arbeitsbelastung im Alltag zunimmt. Aber können Arbeit und Leben so einfach getrennt und gegeneinander aufgewogen werden?

«So dringt der Beruf zunehmend in unsere gute Stube ein.»

In den Nachkriegsjahrzehnten schien das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit trennscharf: Hier der Arbeitsort mit geregelten Arbeitszeiten, dort Haus und Familie als Ort der Entspannung. Erst die erstarkende Frauenbewegung zeigte auf: Auch in Haushalt und Erziehung steht (unbezahlte) Arbeit an, für erwerbstätige Frauen sind Beruf und Familie nicht ohne Weiteres vereinbar.

Weitere gesellschaftliche Entwicklungen prägen im neuen Jahrtausend das Bild der «Work-Life-Balance»: Eine Waage, auf der wir «Arbeit» einerseits und «Leben» andererseits im gesunden Gleichgewicht halten sollen. Die Sympathien scheinen klar verteilt.

Die schwere Arbeit versus …
Es gibt berechtigte Gründe, Arbeit als Belastung wahrzunehmen, die manche Waage in Schieflage bringt. So dringt der Beruf zunehmend in unsere gute Stube ein. Das SMS der Vorgesetzten oder die Gedanken an die morgige Sitzung: Sie machen weder vor dem Feierabend noch vor der Haustüre halt. Zudem steigen im Erwerbsleben unter dem Optimierungsdruck die körperlichen, mentalen und psychischen Herausforderungen – und bestehen nicht nur dort: Der Haushalt wartet, familiäre Erziehungsarbeit ist anspruchsvoll, viele Ratgeber fordern uns zur Beziehungsarbeit auf, zur Arbeit an uns oder unserer Gesundheit.

… das leichte Leben?
Bei so viel Arbeit haben wir einen gewichtigen, arbeitsfreien Ausgleich verdient und bitter nötig! Doch was bleibt für die andere Waagschale noch übrig? «Leben» klingt in der Gleichung mit Arbeit so vage wie verheissungsvoll, spricht die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung, Entspannung oder Freiheit an. Und vor uns liegt ja ein unerschöpfliches Angebot an Aktivitäten, Konsumgütern etc. Aber durch diese Fülle fällt uns die ersehnte Erfüllung nicht leichter. Die vor uns ausgebreitete Vielfalt birgt die Gefahr, dass wir  unstet werden. Auch hier kann Druck aufkommen: Man muss doch möglichst viel aus diesem einen Leben machen! 

Eine Waage mit Konstruktionsfehler
Wir ahnen: Diese Waage kann unsere Existenz nicht angemessen austarieren – weil Arbeit und Leben nicht voneinander zu trennen sind. Das Bild blendet aus, dass Arbeit selbst ein sinnstiftender Teil des Lebens sein kann und sollte. Der Ausdruck «Work-Life-Balance» wird aber trotz seiner Unausgewogenheit in der Alltagssprache präsent bleiben. Womöglich sollten wir ihn als mahnende Erinnerung auffassen, dass viele damit leben müssen, keine sie erfüllende Arbeit auszuüben. Und als Warnung, wie viel auf dem Spiel steht, wenn wir selbst und die Gesellschaft kein rechtes Mass für Arbeit finden. Das Gleich- gewicht zwischen notwendigem Tun und erfüllendem Tun ist und bleibt fragil. Daran müssen wir arbeiten.

 

Text: Philipp Kamm | Foto: Katharina Meier   – Kirchenbote SG, Mai 2019

 


Von roundabout SG-APP (Rahel Schwarz) erfasst am 14.09 2018 11:50

Danke!

Vielen Dank für die Veröffentlichung des Artikels. Wir freuen uns über jedes interessierte Mädchen, über neue Partnerorganisationen oder Workshop-Anfragen. Freundliche Grüsse Rahel Schwarz kantonale Leiterin roundabout SG-APP

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