Logo
Gesellschaft

«Der Wohlstand muss bei allen ankommen»

An der Jubiläumsfeier der Offenen Kirche Elisabethen in Basel sprach alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey über die Kirche der Zukunft, die Gefahren der Globalisierung und die Gerechtigkeit als Grundstein der Demokratie.

Frau Calmy-Rey, was führt Sie in die Offene Kirche Elisabethen?
Ich habe in einer Basler Lokalzeitung gelesen, dass die Offene Kirche Elisabethen die Kirche ist «für alle, die nicht mehr zur Kirche gehen». Kirche sein, ohne konfessionellen Zwang, ohne Bekenntniszwang, offen für alle, ohne Ansehen der Biografie, des Glaubens, des Geschlechts, offen für alle, die einen Gott suchen, und für alle, die noch gar nicht wissen, ob sie das wollen, aber sich einfach mal auf den Weg machen: Das scheint mir ein Modell für die Zukunft zu sein. Unter den Chorfenstern dieser Kirche, die das Leben Jesu darstellen, finden viele Menschen Heimat und Schutz. In solch einer Kirche fühle auch ich mich sehr wohl. Als man mich um die Festrede heute Abend bat, habe ich darum gerne zugesagt.

Sehen Sie Ihre Erwartungen erfüllt?
Ja, hier wird das Engagement für Menschen, die am Rande stehen, grossgeschrieben. Menschen, die sonst keine Fürsprecher haben, erhalten hier mit Lebensmittelpaketen Nahrung für den Körper und mit Handauflegen, Seelsorge und Gebet Nahrung für die Seele. Auch das spricht mich sehr an.

Sind Sie noch immer Vollblutpolitikerin. Was beschäftigt Sie derzeit?
Wir erleben heute tiefgreifende Veränderungen auf globaler Ebene. Faktoren oder Ereignisse, die ausserhalb unserer Einflusssphäre gründen, beeinflussen immer häufiger unser tägliches Leben entscheidend. Denken Sie an Klimaszenarien, diese reden eine unmissverständliche Sprache. Denken Sie an die Finanzwelt: In der Eurozone und in den USA hat die Schuldenkrise gezeigt, wie verletzbar die Wirtschaftsstrukturen der Industrieländer sind.

Und die Schweiz?
Auch in unserem Land geht die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander: Eine neue Wirtschaft ersetzt die alte und schafft Gewinner und Verlierer. Wir müssen alle versuchen, das Phänomen der Globalisierung der Wirtschaft und der Gesellschaft zu bremsen oder sogar ganz zu stoppen.

Was steckt hinter dieser Entwicklung?
Eine moralische Krise, eine Gleichgültigkeit vieler Menschen gegenüber der Politik. Die Leute sind enttäuscht vom Staat und von der Demokratie. Auch ich bin besorgt über die Entwicklung unserer Aussenpolitik.

Wieso?
Die Schweiz hat sich als praktisch einziges europäisches Land geweigert, eine Erklärung des UNO-Menschenrechtsrat zu unterstützen, die Saudi-Arabien scharf verurteilt wegen der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi. Unser Land hat sich in der Generalversammlung der Vereinten Nationen bei der Abstimmung über eine Resolution zur Unterstützung des Vertrags über das Verbot von Atomwaffen der Stimme enthalten und sich so auf die Seite von Atommächten wie Frankreich, USA und Russland geschlagen.

Bedeutet dies einen Bruch mit der Vergangenheit?
Die humanitäre Tradition der Schweiz und das Einstehen unseres Landes für die Menschenrechte werden in Bern in Frage gestellt. Das darf nicht sein. Die moralische Position der Schweiz, ihre Glaubwürdigkeit und somit ihre Fähigkeit, Einfluss auszuüben, könnte Schaden nehmen, falls die Politik diesen Weg weiter beschreitet.

Wie könnte der andere, zukunftsweisende Weg aussehen?
Wir haben heute die entsprechenden Technologien, das Wissen und die finanziellen Mittel, um uns den globalen Herausforderungen zu stellen und um eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. Wir müssen aber sicherstellen, dass jeder und jede von den Verbesserungen profitiert, denn alle Herausforderungen, denen wir uns gegenübersehen, hängen voneinander ab und haben einen gemeinsamen Ursprung. Der Wohlstand muss bei allen ankommen. Die Entwicklungen sind global und haben gleichzeitig Auswirkungen auf unser tägliches Leben. Darum ist Gerechtigkeit mehr als eine moralische, philosophische oder ethische Frage. Sie muss konkret werden. Gerechtigkeit ist der Grundstein moderner Gesellschaften.

Und diese Gerechtigkeit beginnt schon im Kleinen?
Ja, die Gerechtigkeit ist genau das, was beispielsweise die Offene Kirche Elisabethen anstrebt. Wir müssen erkennen, dass Geld und Geist, Ökonomie und Ethik zusammengehen. Ich sehe hier ein kluges wirtschaftliches und spirituelles Vorgehen, das auch ein wenig auf die Persönlichkeiten des Stifterpaares Christoph und Magaretha Merian-Burckhardt zurückgeht. Die beiden verstanden ihren Besitz als Auftrag, damit Gutes zu tun.

Interview: Frank Lorenz, kirchenbote-online, 7. Mai 2019

Micheline Calmy-Rey, Jahrgang 1945, war von 2003 bis 2011 als Mitglied des Bundesrates Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten. 2007 und 2011 war sie Bundespräsidentin.


KIRCHENBOTE E-PAPER

Alle Kirchenboten ab 2002 zum Lesen, Suchen und Herunterladen...

Röbi und die Reformanzen – Das Programm als Film  | Artikel

«Lückenbüsserinnen, Lästermäuler und Lockvögel»: Die drei St.Galler Pfarrerinnen Kathrin Bolt, Andrea Weinhold und Marilene Hess verwenden Luthers Wortschöpfungen als treffende Zusammenfassung für ihre kreative Arbeit. Mit Röbi Fricker bilden sie das Reformations-Kabarett «Röbi und die Reformanzen». Andreas Schwendener war an der Dernière in der St. Galler DenkBar mit der Kamera dabei und hielt das Programm in voller Länge fest. Ein Genuss! 

 


St. Galler Singtag 2019  | Artikel

«Suche Frieden» ist ein Lied zur Jahreslosung von Matthias E. Gahr, das wir als Spurgruppe Repertoire sofort in unser Herz schlossen. Es wird eines der diesjährigen Singtaglieder sein, die  am 27. Oktober mit allen Interessierten in der St.Galler Lokremise geteilt werden. Weil dann aber das Jahr schon zu weit fortgeschritten ist, um noch ein Lied zur Jahreslosung zu lancieren, hat die Spurgruppe «Suche Frieden» bereits jetzt aufgenommen – diesmal sogar mit Video: Der fantastische Saxofonist ist Peter Lenzin, und er wird uns dieses Jahr auch mit seinem Spiel beim Singtag beehren!

Noten, Demo zum üben und den Flyer finden Sie unter der Agenda.

 


Uraufführung von Peter Roths Requiem  | Artikel

Im Auftrag der St. Galler Kantonalkirche hat der Musiker und Komponist Peter Roth ein Requiem geschaffen. Die Uraufführungen in St. Gallen und in Alt St. Johann zogen über 1500 Interessierte in Bann. Wer keinen Stuhl mehr ergattern konnte, dem bietet sich im kommenden Jahr nochmals die Gelegenheit «Wisst ihr denn nicht?» zu erleben, und zwar am: 

Samstag,15. Juni 2019, 20 Uhr, Grossmünster, Zürich
Sonntag, 23. Juni 2019, 17 Uhr, Lukaskirche, Luzern