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Gesellschaft

Die Früchte einer historischen Versammlung

Mit der ersten Europäischen Ökumenischen Versammlung «Frieden in Gerechtigkei» im Mai 1989 schrieb Basel Kirchengeschichte. Welche Früchte bleiben von diesem historischen Treffen? Eine Spurensuche.

Erinnern sich Zeitzeugen an den Mai 1989 in Basel, kommen viele Bilder hoch: Der Seiltänzer, der über dem Rhein schwebt. Lutheraner, die mit Anglikanern auf dem Münsterplatz diskutieren. Katholische Bischöfe im Gespräch mit Jugendlichen aus ökumenischen Basisgruppen im Tram. Die vollen Hallen zu Podien wie der «Zukunftswerkstatt». Das Plakat von Hans Erni zum Treffen: Eine Pfingsttaube, rot, auf schwarzem Grund. Heute erinnert vor dem Kreuzgang des Basler Münstersder Gedenkstein «Stone of Witness» an diese Erste Europäische Ökumenische Versammlung.

Ein Meilenstein
Lukas Kundert, Kirchenratspräsident und damals Steward an der Versammlung, sagt über die Bedeutung dieses Treffens: «Kirchlich war es ein Meilenstein für die Zusammenarbeit zwischen katholischer und reformierter Kirche für den Aufbau gemeinsamer Ämter und Dienste, die sich seither immer neu weiterentwickeln lässt.»

Über Basel und die Schweiz hinaus habe die Versammlung die Kirchen vor und hinter dem Eisernen Vorhang in ihrer Vorreiterrolle bestärkt, in ihren Ländern auf die Öffnung nach Westeuropa hinzuwirken. «Ich erinnere mich an meine Kolleginnen und Kollegen aus der DDR, aus Polen und aus Ungarn, und wie sie ermutigt nach Hause zurückkehrten und sich noch stärker in den kirchlichen Montagsdemonstrationen in der DDR engagierten», so Kundert.

Aus dem Geist von Basel
Was ist davon 30 Jahre später in der Schweizer Kirche, insbesondere in Basel, noch vorhanden? Lukas Kundert: «Die ERK führt seither jeden Donnerstagmittag ein Gebet für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung im Münster durch.»Eine Gruppe der katholischen Kirche unternehme seither zudem regelmässige Pilgerreisen nach Mariastein. Auch die Erklärung, die er gemeinsam mit Bischof Felix Gmür anlässlich der Eröffnung zum 1000-Jahr-Jubiläum des Basler Münsters unterzeichnet hat, sei aus dem Geist von Basel geboren. Sie habe das Ziel, die ökumenische Zusammenarbeit nicht nur in organisatorischen, sondern auch in geistlichen Fragen zu vertiefen. In dieser Tradition habe die reformierte Kirche Basel-Stadt zudem 2017 das Europäische Jugendtreffen der Gemeinschaft von Taizé nach Basel eingeladen sowie letztes Jahr die Vollversammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa GEKE.

Aus der Ökumenischen Versammlung in Basel sind viele Initiativen und Projekte entstanden. Xaver Pfister, damals Informationsbeauftragter der katholischen Kirche Basel, nennt die Arbeit der Gassenarbeiter, die Arbeit der Ökogruppen in den Basler Quartieren sowie das ökumenisch geführte Aids-Pfarramt. Die Kirchen betreiben zudem seit 30 Jahren zusammen mit der Wirtschaft das Hilfswerk «Basler Leprahilfe».

Esther Suter, Pfarrerin und Journalistin, war 1989 ebenfalls dabei: «Die Aufbruchserfahrung setzte sich im Herbst 89 mit der Wende fort. Im Frühling 1990 sprang mit der ökumenischen Welt-Konvokation zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in Seoul ein Funke über: Die Sehnsucht nach Wiedervereinigung erhielt Auftrieb in kirchlichen Kreisen – bis heute. Es braucht aber weiterhin unsere Solidarität für das Anliegen eines Friedensvertrags auf der koreanischen Halbinsel.»

Netzwerke, Projekte und Initiativen
Christiane Faschon, ehemalige Generalsekretärin der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz AGCK, sieht in der Stärkung der Ökumene in der Schweiz und in Europa eine Folge der ersten Ökumenischen Versammlung. «Ohne Basel wäre die Charta Oecumenica nicht möglich geworden», sagt sie. Die Charta bildet die Basis der ökumenischen Zusammenarbeit in der Schweiz und Europa. Sie wurde 2001 von den Repräsentanten der Konferenz Europäischer Kirchen KEK wie auch des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen unterschrieben.

Eine Stärkung durch die Versammlung in Basel erhielt auch der 1986 gegründete ökumenische Verein «oeku Kirche und Umwelt». Aus einer Bewegung für die Bewahrung der Schöpfung ist eine anerkannte kirchliche Umweltfachstelle geworden.

Unverändert aktuell
Maya Graf, Nationalrätin und Co-Präsidentin Alliance F, engagierte sich 1989 in der Öko-Gruppe Stechpalme in Sissach. Der konziliare Aufruf zur Umkehr bleibt für sie auch 30 Jahre nach der «ÖV Basel» unverändert aktuell. Das Engagement der Menschen, die sich für Frieden, Gerechtigkeit und Schöpfung einsetzen, werde dringender gebraucht denn je erklärte sie im April anlässlich des Jubiläumsgottesdienstes zu 50 Jahre ökumenische Kampagne in der Heiliggeistkirche in Bern. «Heute gehen junge Menschen auf die Strassen und klagen uns Erwachsene an: Ihr wisst schon lange, dass die Klimakrise da ist, Ihr aber handelt nicht», so Graf.

Zwischen Umweltschützern und Kirche gibt es wie vor 30 Jahren mit den Klimagebeten einen Schulterschluss. Im Basler Münster findet der «Gottesdienst für die Schöpfung» statt, in der Theodorskirche versammeln sich die Klima-Streikenden zum ökumenischen Klimagebet. Nadja Müller, Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde Kleinbasel und Initiatorin der Plattform «Churches for Future», sieht diese Aktionen klar in der Tradition des Basler Grosstreffens von 1989.

Zeit für eine neue Versammlung?
Zeit also für eine neue ökumenische Versammlung in Basel? Maya Graf sprach sich in Bern dafür aus: «Unser Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ist heute so dringend nötig wie 1989.» Auch Christiane Faschon sieht Handlungsbedarf: «In der heutigen Zeit, in der Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus wieder salonfähig werden, ist Basel ‚89’ eine Mahnung.» Der Fall der Mauer kurz danach habe viele dazu gebracht, Hoffnung in Politik und Gesellschaft zu haben. «Die Kirchen waren bei diesem Prozess Mitträgerinnen und Player.»

Von Heino Falcke jedenfalls, ehemaliger Probst in Erfurt, ist der vielzitierte Satz von 1999 überliefert, der auch 30 Jahre nach dieser historischen Versammlung vielen aus der Seele spricht: «Die Zeitansage der Ökumenischen Versammlung hat bis heute nichts an Aktualität verloren. Die Hoffnung muss wieder aufstehen. Die Wende 1989 war keine Umkehr.»

Vera Rüttimann, kirchenbote-online, 13. Juni 2019


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