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Kirche

Verstand siegt über Herz

Erstmals wird im Kanton Luzern eine Kirche abgerissen. Die Kosten für eine Sanierung wären zu hoch gewesen. Ein Entscheid, der allen Beteiligten schwer gefallen ist.

Kirchgemeindeversammlung inEscholzmatt, 10. Mai. Die Stimmung ist angespannt, gereizt. Rund 40 Personen sind gekommen, weitaus mehr als üblicherweise an Kirchgemeindeversammlungen teilnehmen. Doch dieses Mal ist es anders. Es geht um eine Herzensangelegenheit. Ein unwiderruflicher Entscheid muss getroffen werden, der selbst Menschen mobilisiert, die selten in Gottesdiensten anzutreffen sind und dennoch eine Verbundenheit spüren, zu der kleinen Kirche in Wiggen.

Berührende Atmosphäre
76 Jahre ist es her, als der Grundstein für die reformierte Kirche in Wiggen gelegt wurde. Eine mutige Tat, mitten inKriegszeiten. 80 Menschen umfasste sie, als sie 1943 eingeweiht wurde. Eine schöne Kirche, stattlich, inmitten satter Wiesen – mit einem einzigen Manko: Die Unterkellerung fehlt, ebenso wie ausreichend Eisen im Beton, der damals rationiert wurde. Eine Unterlassungs-«Sünde», die Folgen hatte. Bald schon durchzogen Risse die Wände. Zuerst kleine, dann immer grössere. «Als ich vor zwei Jahren meinenersten Gottesdienst in der Kirche Wiggen feierte, war ich über den baulichen Zustand schockiert», sagt Pfarrer Marcel Horni, 61. Ein Riss im Chor war so gross, dass er mit einem Wandbehang kaschiert worden war, damit man nicht ins Freie sah. Nicht lange, und die Bedenken wichen einer starken Zuneigung. «Ich bin sehr gerne in dieser Kirche. Sie ist sehr stimmungsvoll, die Atmosphäre berührt.» 15 Gottesdienste feierte er bis dato im Jahr vor Ort.

Dauerthema im Kirchenvorstand
Eine Renovation folgte der nächsten, 1972, 1978, Hochwasser 1997 und 2005, das in die Kirche drang, 2017 wurde der Dachstock verstärkt. Die Probleme mit den Rissen in den Wänden und neuen Absenkungen blieben. Die Zukunft der Kirche Wiggen wurde zum Dauerthema im Kirchenvorstand. Schlussendlich kam auch noch der Kanton, der ankündigte, die Kantonsstrasse sanieren und verbreitern zu wollen. Dadurch wäre der Haupteingang der Kirche gegen die Strasse nicht mehr benutzbar gewesen. Ein neuer Seiteneingang hätte gebaut werden müssen. Man holte einen Kostenvoranschlag für eine Gesamtsanierung ein. Zwischen 500’000 bis 800’000 Franken wurde der Aufwand geschätzt. «Solch ein Betrag kann von einer kleinen Gemeinde wie Escholzmatt nicht gestemmt werden», sagt Marcel Horni.

Wer übernimmt das Inventar?
All diese Gründe bewogen den Kirchenvorstand schweren Herzens, der Kirchgemeindeversammlung den Antrag für den Abriss der Kirche Wiggen zu unterbreiten. Nach einer ausgiebigen Diskussion folgte die Mehrheit der Anwesenden dem Antrag und beschloss, die Kirche Wiggen auf Ende 2019 zu schliessen. Der Kanton übernimmt die Kosten für den Abriss der Kirche. Dieser soll frühestens 2021 erfolgen.

Schlussendlich siegte «Verstand über Herz», so Marcel Horni. Noch immer fällt ihm der Gedanke an den Abriss schwer. Zumindest für das Inventar, Orgel, Kirchenbänke und Glocke, suche man einen neuen Einsatzort. Abklärungen dafür seien im Gange.

Carmen Schirm-Gasser, kirchenbote-online, 8. Oktober 2019

Abschiedsveranstaltungen: Mit zwei speziellen Gottesdiensten wird von der Kirche Wiggen Abschied genommen. Am Sonntag, 17. November, findet um 10 Uhr der Gottesdienst für Kirchgemeindemitglieder statt, am Sonntag, 15. Dezember, mit zusätzlichen geladenen Gästen. Pfarrer Marcel Horni stellte bereits eine Erinnerungsschrift zusammen, in der die Geschichte der Kirche Wiggen mit vielen Fotos veranschaulicht wird. Diese soll an alle interessierten Besucher abgegeben werden. – Damit die Erinnerung bestehen bleibt.

Zwischen Schutz und Abriss
Kirchen sind oft alte Gebäude mit kunsthistorischem Wert, daher sind Renovationen komplex und teuer. Die meisten Kirchen kann man nicht abreissen, weil sie geschützt sind. Der Schutzstatus bringt zum Ausdruck, dass es Gebäude von historischer und öffentlicher Bedeutung sind. 19 Abrisse finden sich in der Datenbank der Universität Bern. «Mehrheitlich handelt es sich um Kapellen christlicher Gemeinschaften, die äusserlich kaum als kirchliche Gebäude erkennbar sind» sagt Johannes Stückelberger, Kunsthistoriker und Dozent für Religions- und Kirchenästhetik an der Theologischen Fakultät der Universität Bern. Abrisse seien vor allem bei Kirchen der Nachkriegszeit, die billig gebaut wurden und einer grösseren Renovation bedürfen, ein Thema. «Bei Landeskirchen stossen sie hingegen auf Widerstand», sagt Stückelberger. Es gibt in Basel das Beispiel einer Kirche, die man, weil kunsthistorisch unbedeutend, abreissen durfte. Auch in Bern gibt es eine sanierungsbedürftige neuapostolische Kirche, die abgerissen wurde. Heute steht auf der Parzelle ein Mehrfamilienhaus. «Es gibt Fälle, wo eine Kirchgemeinde für den Abriss ihrer Kirche stimmte, danach aber Leute aus dem Dorf sich dagegen wehrten. Es zeigt, dass Kirchen auch für Leute, die nie mehr einen Gottesdienst besuchen, einen Wert haben, als die sprichwörtliche Kirche im Dorf, als Ort, den man mit Werten in Verbindung bringt, die einem, auch wenn man nicht mehr Mitglied einer Kirche ist, noch etwas bedeuten.» www.schweizerkirchenbautag.unibe.ch


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