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Kirche

Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist über Zwingli

Armut, Pest und Weissglut

21.10.2019
Christoph Sigrist predigt, wo einst Zwingli sprach: Im Zürcher Grossmünster. In Muttenz BL erzählte er, wie der Reformator wirkte und was man heute davon lernen kann.

Aus der Muttenzer Dorfkirche schallt Gelächter. Christoph Sigrist, Grossmünster-Pfarrer in Zürich, gratuliert als bekennender FCZ-Fan dem FCB zum ersten Tabellenplatz. Als Captain des «FC Religionen», wo er mit Rabbinern, Imamen und Pfarrerinnen spielt, ist er nicht nur ein Mann der Kirche, sondern mit seinem Humor auch sehr volksnah und weltlich.

Rund 80 Personen versammelten sich am 24. September in der St. Arbogastkirche und wollten Pfarrer Christoph Sigrist hören. Er sprach über Huldrych Zwingli und die heutigen Herausforderungen der reformierten Kirche. Mit Verve erzählt er vom Erbe «Ueli Zwinglis», seinem Amtsvorgänger im Grossmünster vor 500 Jahren. Mit «Zwinglis Dreisatz» zeichnet er lebendig nach, wie den Zürcher Reformator die Themen Armut, Kirche und Minderheiten beschäftigt haben.

Zwinglis Toggenburger Mentalität war es nach Sigrist geschuldet, sich die Frage nach der Gerechtigkeit der Gesellschaft zu stellen. Christoph Sigrist, lange als Pfarrer im Toggenburg tätig, erlebte diese Mentalität hautnah bei seinen Religionsschülern wie dem späteren Schwingerkönig Nöldi Forrer oder Skispringer Simon Ammann.

«Aleppo des 16. Jahrhunderts»
Die Armut und die Pest in Zürich, damals ein «Aleppo des 16. Jahrhunderts», habe den Reformator zur Weissglut getrieben. Für Zwingli, so Sigrist, handelte es sich dabei nicht nur um eine soziale, sondern um eine theologische Frage: Gott ergreift in der Bibel Partei für die Armen. Deshalb habe der Theologe den Entschluss gefasst, eine Lösung für die Zürcher Armut zu ersinnen. Dies sei ihm gelungen, indem er die vermögenden Klöster der Stadt Zürich durch gutes Networking mit der befreundeten Äbtissin Katharina von Zimmern zur Linderung der Not einsetzte. Sigrist schilderte, wie die von Zwingli thematisierte Armut auch heute in der Kirche aktuell sei: als Armut an Spiritualität, als Isolation und Vereinsamung der Menschen. Der Pfarrer sieht die Bekämpfung dieser spirituellen Armut als eine Hauptaufgabe seiner Kirche.

«Jede Institution, die zu lange auf einem Sockel der Macht steht, verrostet», so Sigrist, der sich dabei auf eine Anekdote am Zürifäscht stützt. Dort konnten die Besucher mit der vom Sockel geholten Bronzestatue Zwinglis ein Selfie schiessen. Irgendwann bemerkte der Restaurator, dass die Statue innen rostet.

Dies ist gemäss Sigrist auch bei der Institution Kirche damals wie heute der Fall, etwa in Bezug zur reformatorischen Abkehr von Bildern. Dass sich diese Sichtweise in der reformierten Kirche wandelt, stellt Sigrist nach 30 Jahren Pfarrerdasein in Zürich fest. Das Bild schaffe heute eher wieder die «Luftsäule zwischen Erde und Himmel» als manche Predigt. Die sich heute wandelnde Religiosität binde sich eher an den Kirchenraum als an die Institution. Treffend erscheint auch die Beschreibung reformierter Spiritualität: Der entleerte Kirchenraum sei Synonym für die Reduktion auf das mystische Nichts.

Reformierte Selbstkritik
Sigrist streicht keineswegs nur die revolutionären Taten Zwinglis heraus. Einen Teil seines Vortrags widmet er selbstkritisch den von der Reformation verfolgten Täufern und dem Umgang mit Frauen. Man müsse Zwingli zugutehalten, dass er, indem er die Scheidung einführte und die Zwangsheirat abschaffte, einen für die Frauen gewinnbringenden «Exportschlager» nach ganz Europa brachte. Andererseits spreche Zwingli den Frauen die Ebenbildlichkeit Gottes ab und gründete nur Knabenschulen. Auch bei der Verfolgung der Täufer sieht Sigrist die Reformatoren in der Schuld. Im Jahr 2004 fand sich im Grossmünster eine Gemeinschaft amerikanischer Mennoniten ein, die alle im 16. Jahrhundert Familien in Zürich hatten, welche als Täufer ge-tötet wurden. Die reformierte Kirche entschuldigte sich für das Unrecht. Sigrist erzählt von persönlichen Begegnungen, die ihm «bis heute weh tun», ihn «aber gleichzeitig auch berühren», da die Versöhnung der Nachfolgegenerationen gelungen sei. Die Aufforderung Zwinglis an den Zürcher Rat «Tut um Gottes Willen etwas Tapferes» könnte auf einen solchen reflektierten Umgang der Kirche mit ihrer Vergangenheit zutreffen.

Noemi Schürmann, kirchenbote-online, 21. Oktober 2019


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