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Gesellschaft

Tod vor der Kamera

«Das war pietätlos»

18.11.2019
Das Schweizer Fernsehen zeigte in einer Doku-Serie einen Mann, der vor laufender Kamera vergeblich reanimiert wird. Für den Ethiker und Theologen Frank Mathwig ist es pietätlos, einen Menschen in diesem Moment zu zeigen.

Die Sendung «Mona mittendrin» zeigt, wie ein Mann vor laufender Kamera auf einer Toilette vergeblich reanimiert wird. Darf das Schweizer Fernsehen dies zeigen?
Nein, das gehört auf keinen Fall in die heimischen Wohnzimmer. Das Ringen mit dem eigenen Tod ist ein höchst dramatischer und intimer Teil jeder menschlichen Biografie. In mir sträubt sich alles, wenn ich daran denke, dass dieser Moment öffentlich zur Schau gestellt wird. Daran kann überhaupt kein öffentliches Interesse bestehen. Ganz abgesehen davon, dass weder die betroffene Person noch deren Angehörige vor der Ausstrahlung um ihre Einwilligung gefragt wurden.

Und diese wäre notwendig gewesen?
Ja, weil die Privatsphäre als besonders hohes und schützenswertes Gut gilt. Umgekehrt stellt sich die Frage, welchen Wert es für die Öffentlichkeit hat, an diesem Sterben teilzunehmen.

Gibt es einen Unterschied zu den Gaffern auf den Autobahnen, welche die Unfallopfer mit ihrem Handy filmen und dies dann ins Netz stellen?
Die Sendung wollte die umgekehrte Perspektive zeigen. Sie dokumentierte den Einsatz der Basler Berufsfeuerwehr. Es geht also eigentlich gerade nicht darum, den perversen Voyeurismus der Gaffer zu befriedigen. Doch wenn solche Szenen gezeigt werden, haben sie den gleichen Effekt. Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied: Während der Gaffer mit seinem Handy absichtlich die Opfer filmt, werde ich womöglich beim Abendessen vor dem Fernseher mit dem Sterben eines Menschen konfrontiert, das ich gar nicht sehen will.

Hätte das SRF mehr Fingerspitzengefühl zeigen sollen?
Auf jeden Fall. Es ist skandalös, einen sterbenden Menschen in einer Situation grösster Verletzlichkeit, in der er hilflos ist und sich nicht wehren kann, durch die Kamera in die Öffentlichkeit zu zerren. Diese Form öffentlich-rechtlicher Spannerei sagt viel über den Empathieverlust in der Gesellschaft und ihren Medien aus.

Sie finden dies pietätlos?
Natürlich. Wir kommen aus einer kulturellen Tradition, die fundamental durch das jüdisch-christliche Erbe der Ehrfurcht vor dem Leben geprägt war. Diese Ehrfurcht wusste um die Verletzlichkeit des Lebens und seine besondere Schutzbedürftigkeit. Wenn der Voyeurismus über die Ehrfurcht siegt, kommen Filme zustande, die von allen guten Geistern verlassen sind.

Spielt es eine Rolle, wenn man die Aufnahmen so verpixelt, dass man die Person nicht erkennt?
Nein. Das ist juristisches Feintuning, um den Persönlichkeitsschutz zu wahren. Ob dies ausreicht, müssen Juristinnen und Juristen beurteilen. Die Ehrfurcht vor dem Leben und die daran anschliessende Empathie gehen wesentlich weiter und betreffen die existenzielle Verletzlichkeit und deshalb fundamentale Schutzbedürftigkeit eines jeden Menschen. Mit der Legalität von Handlungen sind die ethischen Forderungen nicht vom Tisch.

Ist die Gesellschaft in Bezug auf die Medien pietätloser geworden?
Ja. Psychologie und Medienwissenschaften bestätigen die zunehmenden Schwierigkeiten, zwischen der Fiktion von Krimimordopfern und dem Faktum der Opfer tagtäglicher Gewalt zu unterscheiden. Die Grenze verschwimmt weiter, wenn das Genre des Dokumentarfilms immer direkter die Dramaturgie von Spielfilmen übernimmt.

Indem der Dokumentarfilm die Strukturen des Spielfilms aufnimmt, verändert man die Sicht auf die Realität?
Der Unterschied zwischen Realität und Fiktion verwischt überall. Heute muss ein Dokumentarfilm so aufgebaut und spannend sein wie ein Krimi. Das Leben wird Teil einer künstlichen Dramaturgie und damit auf eine eigentümliche Weise moralisch neutralisiert. Meine Mutter hat noch eine tiefe Abneigung gegen Krimis, weil ihr die vielen «Toten» zuwider sind. Ich begründe mein entspanntes Verhältnis mit dem Hinweis auf Theaterblut und Schminkkunst. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass die filmische Schaulust an Sterben und Tod zur Gewöhnung führt. Dabei geht die möglichst realistische Effekthascherei auf Kosten unserer arg gebeutelten Empathie.

Entsprechend empört reagierten die anderen Medien.
Empörung ist vielleicht der wirkungsvollste Fake unserer Mediengesellschaft. Wenn der «Blick» die Namen des Verstorbenen und der Angehörigen öffentlich macht, dann dient die Skandalisierung des Films nur dazu, den Voyeurismus der Leserschaft zu befriedigen.

Interview: Tilmann Zuber, kirchenbote-online, 18. November 2019


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