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Kultur

Karl Barths Bekenntnis zu Mozart

27.12.2019
Wer Karl Barth verstehen will, muss Mozart hören. Denn zwischen dem berühmtesten Theologen des 20. Jahrhundert und dem Komponisten gibt es Analogien im Hinblick auf ihre Lebenssicht.

«Ein kurzes 'Bekenntnis zu Mozart' soll ich ablegen? Ein 'Bekenntnis' zu einem Menschen und seinem Werk ist eine persönliche Sache. So bin ich froh, persönlich reden zu dürfen. Musiker oder Musikwissenschaftler bin ich ja nicht. Aber zu Mozart bekennen kann und muss ich mich wohl.» Mit diesen Sätzen beginnt Karl Barths «Bekenntnis zu Mozart».

Karl Barth hat sich 1956 zum zweihundertsten Geburtstag Mozarts bei verschiedenen Anlässen geäussert. Bilder von Calvin und Mozart hingen in seinem Arbeitszimmer nebeneinander. Mozart gehörte zu Barths Alltag. Seine erste Begegnung mit grosser Musik – vor allem mit Mozarts Zauberflöte hatte er schon im Alter von fünf oder sechs Jahren, da in der Familie regelmässig musiziert wurde. «Ich habe zu bekennen, dass ich seit Jahren und Jahren jeden Morgen zunächst Mozart höre und mich dann erst (von der Tageszeitung nicht zu reden) der Dogmatik zuwende. Ich habe sogar zu bekennen, dass ich, wenn ich je in den Himmel kommen sollte, mich dort zunächst nach Mozart und dann erst nach Augustin und Thomas, nach Luther, Calvin und Schleiermacher erkundigen würde.» Hingen deshalb die beiden Bilder von Calvin und Mozart in seinem Arbeitszimmer auf gleicher Höhe?

Barths Dialektik
Die Versuchung ist gross, diesem Punkt nachzugehen. Zu deutlich sind Zusammenhänge von Mozarts Musik und Karl Barths «Dialektischer Theologie». Die dialektische Theologie ist Resultat eines Aufbruchs nach dem ersten Weltkrieg, sowohl theologisch wie kirchlich, eine starke Bewegung im deutschsprachigen Protestantismus zwischen 1920 und 1933.

Dialektik meint ein Erkennen der Wahrheit in Stufen. In einer These wird eine Behauptung aufgestellt, in der Antithese diese in Frage gestellt, und in der Synthese der Gegensatz in eine neue und höhere Ebene gehoben, die dann wieder zur These wird, die eine Antithese herausfordert. So entsteht ein Wechselspiel zwischen Frage und Antwort, mit immer neuen Synthesen. Im theologischen Denken Karl Barths heisst das, dass die Theologen von Gott reden sollen (These), dass wir als Menschen aber gar nicht von Gott reden können (Antithese). Trotzdem sollen wir um unser Sollen und Doch-Nicht-Können wissen und Gott damit die Ehre geben (Synthese). Der Mensch kann nur von Gott reden, weil Gott sich offenbart, und er darauf seinen Glauben abstützen kann. Gott offenbart sich in seinem Sohn Jesus Christus, aber auch in seinem gesprochenen und geschriebenen Wort.

Mozarts Dialektik
Karl Barth spricht von der Dialektik Mozarts in seinem «Dankbrief an Mozart»: «Mit Ihrer musikalischen Dialektik im Ohr kann man jung sein und alt werden, arbeiten und ausruhen, vergnügt und traurig sein, kurz: leben.» Auch in Mozarts musikalischer Dialektik sieht Karl Barth die Gegensätze nicht aufgehoben. «Er musizierte das wirkliche Leben in seiner Zwiespältigkeit, aber ihr zum Trotz auf dem Hintergrund der guten Schöpfung Gottes.» Er findet, dass bei Mozart «das Schwere schwebt und das Leichte unendlich schwer wiegt».

Für Karl Barth ist Mozart der Musiker, der aus einer geheimnisvollen Mitte heraus musiziert, «die Grenzen nach rechts und nach links, nach oben und nach unten» kennt, wahrt und Mass hält. «Da ist kein Licht, das nicht auch das Dunkel kennte, keine Freude, die nicht auch das Leid in sich schlösse, aber auch umgekehrt.

Christiane Tietz schreibt in ihrer wunderbaren Biographie Karl Barths: «Barth fand in Mozarts Musik, was er auch selbst theologisch auszudrücken versuchte: dass alle Spannung und Schwierigkeit im Leben immer schon von ihrer Überwindung her gesehen werden kann. Für Barth lag diese in der bereits geschehenen Zuwendung Gottes zur Welt in Jesus Christus. Mozarts Musik war ihm dafür ein Gleichnis.»

Und zum Ende des Zwingli-Jahres nochmals Karl Barth aus seinem Beitrag im Zwingli-Kalender des Jahres 1916: «Während wir Protestanten Mozart darum nicht recht gefallen konnten, weil wir unsere Religion («kann etwas Wahres daran sein, das weiss ich nicht») zu sehr 'im Kopfe' hätten! Zwingli hätte Mozart, der nun einmal inmitten der wunderlichen Christenheit jener Tage gelebt hat, wahrscheinlich einen jener besonderen, direkten Zugänge zum lieben Gott hin zugebilligt, die er ja sogar für allerhand fromme Helden vorgesehen hat. Mit einem besonderen, direkten Zugang des lieben Gottes zu diesem Menschen hin wird man auf alle Fälle rechnen müssen. Wer Ohren hat zu hören, der höre.»

Erwin Mattmann, Organist, Musiker und Komponist, seit 2000 Kirchenmusiker der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Obwalden, kirchenbote-online, 27. Dezember 2019


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