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Gesellschaft

Spitalseelsorgerin Cornelia Schmidt Messingschlager

«Wir sind überall da, wo man uns braucht und ruft»

14.04.2020
Im Bruderholzspital Baselland werden zurzeit ausschliesslich Corona-Patienten behandelt. Cornelia Schmidt, die dort seit 15 Jahren als Seelsorgerin tätig ist, über ihre Arbeit in der aktuellen Situation und über Verunsicherung und Zuversicht.

Frau Schmidt, wie sieht Ihre Arbeit als Seelsorgerin in diesen Tagen aus?
Wegen den Vorsichts- und Schutzmassnahmen ist vieles umständlicher geworden. Die aktuelle Situation verunsichert viele. Manche haben Angst. Niemand konnte sich das vorstellen. Viele brauchen Zeit, um sich in der Situation zurecht zu finden, das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Wir Seelsorgende versuchen, die Mitarbeitenden aufzubauen und zu ermutigen. Der Zusammenhalt ist jetzt wichtig. Deshalb führen wir unzählige Gespräche mit dem Personal, mit Pflegenden, Therapeuten, den Angestellten in der Küche, Reinigung oder Technik. Wir sind da, wo es uns braucht und wohin man uns ruft, auf den Gängen, in den Abteilungen, im Garten. Jetzt bewährt es sich, dass wir seit vielen Jahren hier im Haus so gut vernetzt sind. Bekannte Gesichter sind ein Vorteil in einer Krisenzeit.

Die Mitarbeitenden sind verunsichert. Wie steht es mit den Angehörigen, die ihre Liebsten nicht mehr besuchen dürfen?
Einige fühlen sich hilflos und ohnmächtig. Das ist mehr als verständlich. Manchmal ist es ja die letzte verbleibende Zeit, die man mit der geliebten Person hat. Im Bruderholzspital ist es für die engsten Angehörigen noch möglich, im Sterbefall den Ehepartner, den Vater oder die Mutter zu besuchen, um Abschied nehmen zu können. Da wird niemand ausgeschlossen.

Wie unterstützen Sie die Angehörigen?
Wir versuchen zu vermitteln. So besuche ich etwa eine alte Dame, weil ihr Sohn mich darum bittet. Sie kann nicht telefonieren. Ich rufe ihren Sohn an und erzähle ihm von seiner Mama. Oder ich bete und segne einen sterbenden Herrn, weil seine Tochter das für ihn wünscht.

Was raten Sie den Angehörigen?
Telefonieren. Wenn das nicht mehr geht, vermittle ich, wie gesagt, «Botschaften», auch non verbale. Man kann Zeichnungen schicken, Karten und Briefe schreiben, die wir den Patienten zeigen und vorlesen. Die Angehörigen können sich an einen Ort begeben, auf einem Weg gehen, den der Erkrankte gerne mag, und dort fest an ihn denken, alle guten Gedanken sammeln und ihm oder ihr schicken. Man kann eine Kirche aufsuchen, eine Kerze anzünden, still werden oder beten. Warum nicht ein Tagebuch der Gefühle und Gedanken beginnen? Es gibt viele Möglichkeiten, da ist Fantasie gefragt.

Was sind die grössten Sorgen der Patienten?
Viele sind traurig, dass sie keine Besuche erhalten. Das schlägt aufs Gemüt. Das Telefon ist gut, Gott sei Dank sogar oft mit Bild. Aber es ist halt nicht dasselbe wie ein geliebter Mensch, der bei einem sitzt und einen berührt. Auch die Pflege kann aufgrund der Schutzmassnahmen nicht annähernd so oft, so unkompliziert und so lange in den Zimmern bei den Patienten bleiben wie unter normalen Umständen.

Wie unterstützen Sie Schwerkranke und Sterbende?
Wir werden immer wieder mal gerufen, um bei einem Sterbenden einen Moment zu verweilen, still oder mit einem Gebet oder Lied. Das war schon früher so. Aber in dieser Situation sind uns Grenzen gesetzt, was die Länge der Kontakte angeht. Wir tun, was möglich ist, und geben uns die grösste Mühe, unseren Patientinnen und Patienten das Kranksein so gut und leicht wie irgend möglich zu machen. Den Pflegenden gebührt da allergrösster Dank, sie arbeiten mittlerweile in Zwölf-Stunden-Schichten. Sie leisten Unglaubliches, gerade auch menschlich.

Wie geht es dem Pflegepersonal unter diesen Umständen?
Die Pflegenden und Ärzte stehen täglich vor enormen Anforderungen. Neben der zeitlichen Belastung sind dies die physische Anstrengung unter Schutzkleidern sowie die mentale Beanspruchung, welche die Arbeit mit schwer- und sterbenskranken Patienten mit sich bringt. Dazu kommt die persönliche Verunsicherung, die Angst um die eigene Gesundheit und die der Familie zu Hause. Deshalb muss man das Pflegepersonal konkret unterstützen, in jeder Hinsicht. Der Berufsstand sollte nicht nur temporär, sondern dauerhaft aufgewertet werden.

Sind Sie zuversichtlich für die nächsten Wochen?
Ich bin grundsätzlich mit viel Zuversicht und Vertrauen gesegnet. Aber ich bin realistisch und habe grossen Respekt vor dieser Krankheit. Ich stelle mich auf eine längere Zeit unter anspruchsvollen Bedingungen ein und hoffe, dass es dann weniger schlimm wird, als befürchtet. Ich sehe diese Aufgabe als etwas, das es nun zu bewältigen gilt, und trage im Gegensatz zu Pflege und Ärztinnen einen kleinen Teil dazu bei, dass hier im Bruderholzspital möglichst viele Menschen genesen und dass die, deren Leben zu Ende geht, einen möglichst sanften und behüteten Abschied bekommen.

Wie bleiben Sie psychisch gesund?
Sobald ich einen Moment frei habe, gehe ich in den Wald. Da erhole ich mich. Das tut mir enorm gut, körperlich und seelisch. Auch meine Familie ist mir eine grosse Stütze. Zurzeit verbringen wir alle zusammen immer wieder gemütliche Abende bei einem Film oder Spiel. Das geniesse ich sehr. Ich bekomme auch liebe Zuschriften und Zeichen von Freundinnen und Kollegen, die an mich denken.

Interview: Karin Müller, kirchenbote-online, 15. April 2020

Cornelia Schmidt
Die reformierte Pfarrerin arbeitet seit 15 Jahren als Spitalseelsorgerin im Kantonsspital Bruderholz Baselland. Zudem leitet sie das interdisziplinäre Careteam im Bruderholz und ist als Seelsorgerin im Universitäts-Kinderspital beider Basel tätig. Cornelia Schmidt ist Mutter von vier mittlerweile erwachsenen Kindern und mit einem katholischen Theologen verheiratet.


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