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Kirche

Pfarrer Ulrich Wilhelm: «Alles hat seinen Grund und ist schon angelegt»

22.09.2020
Ende September geht Ulrich Wilhelm in Pension. 40 Jahre war er Pfarrer, 19 Jahre in Schönenwerd. Wilhelm über eine Kirche, die kleiner wird, während die Herausforderungen wachsen.

Wenn Ulrich Wilhelm Ende September in Pension geht, kann er auf vierzig Jahre im Gemeindepfarramt zurückschauen. Seit er 1980 sein erstes Pfarramt in der appenzellischen Berggemeinde Urnäsch angetreten hatte, hat sich viel verändert. «Damals waren die Konfirmandenjahrgänge gross – mein erster umfasste 45 Jugendliche, weniger als 30 waren es nie», erzählt Wilhelm. Kirchenaustritte gab es so wenige, dass der Pfarrer bei jedem einen Abschiedsbesuch machte. «Das ergab manchmal hochinteressante Gespräche, aber kein Austrittswilliger liess sich zurückhalten.»

Erwachsenenbildung war wichtig
1989 wechselte Ulrich Wilhelm ins bernische Langenthal und wurde einer von vier Stadtpfarrern. Die Erwachsenenbildung hatte in den 90er-Jahren in der Kirche einen grossen Stellenwert. Wilhelm reiste jedes Jahr mit der Gemeinde ins Ausland, besuchte Israel, Griechenland, Spanien und Ostdeutschland. Dazu kamen Seniorenferienwochen und andere Veranstaltungen.

2001 übernahm er das Pfarramt in Schönenwerd und Eppenberg-Wöschnau. Anfänglich gab es noch Doppelgottesdienste an den sechs anderen Predigtorten der Kirchgemeinde Niederamt. Doch die Kirchenaustritte nahmen zu und «das ganze Dorf lag nach dem Zusammenbruch des Bally-Imperiums in einer Art Depression», erzählt Ulrich Wilhelm.

Durch die vielen Kirchenaustritte wurde es schwieriger, die Kommissionen mit Ehrenamtlichen zu besetzen. Die Kirchgemeinden mussten fusionieren. Für Wilhelm war es eine Herausforderung, die Gemeinden Schönenwerd und Niedergösgen zusammenzuführen.

Als Wilhelm anfing, hatte die Kirchgemeinde vier Pfarrstellen, dann wurden sie auf drei reduziert. Nach seinem Weggang werden es nur noch zwei sein.

Weniger autoritätsgläubig
Sind die Menschen heute weniger gläubig? «Nein, aber sehr viel weniger autoritätsgläubig», meint der 66-Jährige. Jeder bastle sich seine eigene Religion aus den Versatzstücken des weltweiten Angebotes zusammen. Dazu gehört auch vieles, was früher als «Aberglaube» galt. «Leider geht die Haupterrungenschaft der Aufklärung, sich seines Verstandes zu bedienen, verloren», befürchtet Wilhelm. «An den Rändern der Religionen hingegen wachsen Intoleranz und Fanatismus und bedrohen das friedliche Zusammenleben.»

Die Gottesdienste zählten für Wilhelm zu den schönsten Momenten im Pfarramt. «Da kam alles zusammen, was unter der Woche geschehen war», sagt er. «Als Pfarrer konnte ich Impulse setzen.» Manchmal entstand ein «Flow» mit der Gemeinde und den Kirchenmusikern, «Momente der Ewigkeit in der Zeit, welche die Stunden weit über den Alltag erhob».

Trauriges Ereignis
Zu den traurigen Momenten seiner Amtszeit zählte die Abdankung für die sieben Feuerwehrmänner aus Schönenwerd, die beim Garageneinsturz in Gretzenbach 2004 ihr Leben verloren. «Es gab unendlich viel zu organisieren», blickt Wilhelm zurück. Die ganze Koordination mit der Gemeinde und dem Kanton, dem Bundesrat, der Feuerwehr und dem Pfarrkollegen. Und die permanenten Anfragen der Medien – plötzlich standen Kamerateams vor der Tür und verlangten ein Interview.

Während zehn Jahren war Ulrich Wilhelm Synodalrat und Vizepräsident des Synodalrates. In seinen Bereich gehörte die Neuverfassung der Kirchenordnung. «Die ständigen Rückkommensanträge machten die Arbeit mühsam», sagt Wilhelm. Er war froh, als die Synode die Kirchenordnung verabschiedete.

Ulrich Wilhelm ist überzeugt, dass die Gesellschaft die Kirchen in der Zukunft noch braucht, selbst wenn sie kein Monopol mehr haben, sondern nur noch eine Stimme unter vielen sein werden. «Die Botschaft von Jesus ist in der Welt einzigartig, es ist wichtig, dass sie nie verstummt. Der Weg zu einer unmenschlichen Gesellschaft ist sonst kurz.»

Erodierende Landeskirchen
Sorgen bereitet Wilhelm die finanzielle Zukunft der Kirchen. Mittlerweile seien die Landeskirchen in einigen Kantonen erodiert, sodass sie Kirchengebäude schliessen und Stellen abbauen. Die Kirchen müssten möglichst andere Formen der Finanzierung entwickeln, so Wilhelm. «Das System der Kirchensteuer und die Sonderform der Kirchensteuer der juristischen Personen gibt es nur in den deutschsprachigen Gebieten.» Überall sonst finanzierten sich die Kirchen durch Spenden, Sponsoring oder durch die Mandatssteuer wie in Spanien, Italien und Ungarn. «Vielleicht erhebt die Kirche künftig Stolgebühren, wie sie im Mittelalter bis weit in die Neuzeit hinein üblich waren. Wer einen kirchlichen Dienst beanspruchte, zahlte eine Gebühr.» Vermutlich gebe es noch viele andere Möglichkeiten, jetzt sei Kreativität gefordert, glaubt Wilhelm.

Zur Ruhe kommen und musizieren
Zurzeit zieht Ulrich Wilhelm vom Pfarrhaus in eine Mietwohnung um. Er muss sich jetzt stark einschränken. In den vielen Zimmern des Pfarrhauses hatte sich manches angesammelt, das er jetzt entsorgt. Er könne es sich noch gar nicht vorstellen, wie es sein wird, ohne vollen Terminkalender zu leben, gesteht er. Zunächst will er zur Ruhe kommen, Bücher lesen, die er sich schon lange vorgenommen hat. «Und dann musizieren», freut sich der ausgebildete Organist, «auf der klangmächtigen Orgel oder dem flüsterleisen ausdrucksvollen Clavichord.»

Wenn er nach dem Umzug «sein neues Gleichgewicht» gefunden habe, werden ihm sicher neue Projekte zufallen, ist Wilhelm überzeugt. Wobei Ulrich Wilhelm nicht an Zufälle glaubt– «alles hat seinen Grund und ist schon angelegt».

Tilmann Zuber


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