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Kirche

Isabelle Graesslé, Kandidatin für das Präsidium der EKS

«Ich bin eine Brückenbauerin»

27.10.2020
Isabelle Graesslé möchte Präsidentin der EKS werden. Sie findet, dass die Zeit reif ist für eine Präsidentin aus der Romandie. Im Interview erläutert sie zudem, warum sie eine Erneuerung der Theologie für nötig hält.

Frau Graesslé, warum möchten Sie Präsidentin der EKS werden?
Ich bin jemand, der fähig ist, Brücken zu bauen. Denn ich bin geprägt durch das «Dazwischen»: Ich lebe zwischen einer französischsprachigen und einer deutschsprachigen Kultur, bin als Tochter eines protestantischen Vaters und einer ursprünglich katholischen Mutter aufgewachsen. Hinzu kommt, dass ich neben Theologie auch Literatur und Philologie studiert habe. Und auch beruflich bewege ich mich gerne zwischen den Welten: Ich bin Pfarrerin, habe aber auch eine kulturelle Einrichtung geleitet, das Internationale Museum der Reformation in Genf. Ich kann also verschiedene Seiten zusammenbringen, und das reizt mich auch in der EKS.

Welche Brücken möchten Sie in der EKS bauen?
Zum Beispiel zwischen den Sprachregionen. Es ist nun 34 Jahre her, dass an der Spitze der EKS eine französischsprachige Person stand. Jetzt ist es Zeit für eine Präsidentin aus der Romandie, die den Zusammenhalt wieder stärkt.

Welche Impulse aus der Romandie könnten Sie in die EKS einbringen?
Wir haben hier viel engere Beziehungen mit dem Protestantismus der lateinischen Länder wie Frankreich, Italien oder Spanien. In diesen Ländern ist der Protestantismus eine Minderheitsreligion. Das bringt eine andere Sensibilität für die Anliegen von Minderheiten. Ich bin überzeugt, dass davon auch der Protestantismus im deutschsprachigen Raum profitieren kann. Denn überall in Europa sind wir gerade dabei eine Minderheitsreligion zu werden – auch in der Deutschschweiz.

Im Moment befindet sich die EKS in einer Krise, seit Gottfried Locher als Präsident wegen Vorwürfen von Grenzverletzungen zurückgetreten ist. Wie soll diese Krise Ihrer Meinung nach gelöst werden?
Was genau vorgefallen ist und ob alles korrekt gelaufen ist, wird zurzeit durch die Untersuchungskommission der Synode und die beauftragte Anwaltskanzlei geklärt. Ich möchte da nicht vorgreifen und mich auch nicht in deren Arbeit einmischen. Wenn der Bericht vorliegt, werden wir überprüfen, ob wir an den Strukturen oder an unserer Arbeitsweise etwas verändern müssen. Die Kirche kann der Wahrheit ins Auge schauen, wir sind es gewohnt, Sachen auf den Grund zu gehen. Ansonsten ist hoffentlich allen klar, dass sexuelles Fehlverhaltens auch in protestantischen Kirchen vorkommt. Deshalb müssen wir Stellen und Strukturen schaffen, an die Betroffene sich vertrauensvoll wenden können. Ich hoffe aber, dass das Jahr 2020 nicht nur als ein Jahr der Krise betrachtet wird.

Sondern?
Als ein Jahr des Wandels. Die EKS ist kein Kirchenbund mehr, sondern eine Kirchengemeinschaft, und die neue Verfassung ist in Kraft getreten. Wenn ich gewählt würde, würde ich mir einen «rite de passage», einen Übergangsritus wünschen, damit wir diesen Übergang positiv gestalten können.

Es gibt auch Stimmen, die einen Umbau der EKS fordern, zum Beispiel mit einem rotierenden Präsidium, oder eine Rückkehr zum alten Modell des Kirchenbunds. Was halten Sie von solchen Ideen?
Wir haben gerade eine neue Verfassung verabschiedet. Es scheint mir nicht sinnvoll, gleich wieder mit Diskussionen diesbezüglich anzufangen. Zum einen muss sich die EKS jetzt dringenden Sachfragen widmen, statt sich andauernd mit sich selbst zu befassen. Zum anderen kommt es nun auf das an, was Juristen die «gelebte Verfassung» nennen. Damit sind die informellen Abläufe innerhalb des Rats und der Synode gemeint, die der Verfassung Leben einhauchen. Da braucht es eine Kultur von engagierten Diskussionen und der gegenseitigen Achtung. Das wird die Aufgabe der Präsidentin sein. Sie hat kein Bischofsamt inne, sondern soll moderieren und integrieren.

Welche Schwerpunkte möchten Sie als Präsidentin der EKS setzen?
Ich vertrete eine Theologie des Übergangs. Wir leben in einer einzigartigen Zeit, unsere Zivilisation steht vor einem Umbruch. Das Internet, die zunehmende Geschwindigkeit in allen Bereichen, die Politik: Alles verändert sich fundamental. Deswegen muss sich auch die Kirche verändern. Worauf können wir verzichten? Wie können wir uns neu erfinden? Der Protestantismus hat das in seiner DNA, «semper reformanda», sagten die grossen Reformatoren. Und die Minderheitskirchen sind schon am Anfang dieses Prozesses. Sie müssen sich verändern, um weiter zu bestehen.

Was hiesse das denn ganz konkret, für Ihre Arbeit als mögliche EKS-Präsidentin?
Ich möchte die Kirche enger an die Kultur anbinden, in der wir leben. Die Kirche ist in der Mitte der Gesellschaft, deshalb möchte ich nicht nur mit Theologen und Theologinnen neue Antworten suchen, sondern auch mit Künstlerinnen, Philosophen oder Schriftstellerinnen. Zudem wünsche ich mir auch eine Erneuerung der Art und Weise, wie wir Spiritualität erleben. Es gibt schon viele gute Ideen in der EKS und in den Kirchen. Man könnte aber noch mehr daran arbeiten und vor allem sich schweizweit mehr austauschen. Wer weiss schon in Lausanne, was in St. Gallen oder im Thurgau läuft?

Ein wichtiges Thema für Sie ist die feministische Theologie. Wie möchten Sie diese in die EKS einbringen?
Die Frauenkonferenz der EKS tut genau das. Aber es ist auch mir ein Anliegen, immer wieder an die feministische Theologie zu erinnern. Theologie ist immer an den eigenen Standpunkt gebunden. In der Vergangenheit wurde sie meist aus einer männlichen Perspektive formuliert. Diese unterscheidet sich von der weiblichen Perspektive und spiegelt eine komplexe Macht- und Gesellschaftsgeschichte. Deshalb ist es wichtig, diese Perspektive immer wieder zu dekonstruieren. Das gehört für mich zu der neuen Theologie, die ich mir wünsche.

Eine neue Theologie, eine neue Perspektive – könnte das in der EKS gewisse Leute vor den Kopf stossen?
In der EKS gibt es verschiedene Meinungen und Ideen. Ich denke deshalb nicht, dass meine Theologie im Jahr 2020 jemanden schockieren wird. Ich will auch nicht tabula rasa machen, sondern die Elemente, die wir haben, erneuern. Das gehört zur reformierten Kirche. Ich glaube, Luther oder Calvin wären traurig, wenn wir einfach bei ihrer Theologie geblieben wären. Wir müssen die Zeichen der Zeit lesen und unsere Kirche dementsprechend erneuern. Ich wüsste nicht, warum diese Ideen schockieren sollten.

Eine solche Erneuerung war auch, als die EKS Ja gesagt hat zur Ehe für alle. Zeigte sich in den Diskussionen darum nicht ein Richtungsstreit in der Kirche?
In dieser Frage ist die Kirche wie sehr oft ein Abbild der Gesellschaft. Eine grosse Mehrheit befürwortet die Ehe für alle, eine Minderheit in der Gesellschaft lehnt sie ab. Dasselbe Muster wiederholt sich mehr oder weniger in allen protestantischen Kirchen innerhalb und ausserhalb der Schweiz. Aber schlussendlich ist die Frage theologisch nicht zentral genug, um zu einem echten Richtungsstreit Anlass zu geben. Im Protestantismus gibt es keine theologische Definition der Ehe, dass diese nur zwischen Mann und Frau geschlossen werden kann. Und so haben sich die Gemüter auch schnell wieder beruhigt.

Ein anderes Thema, das für viele Debatten sorgt, ist die Konzernverantwortungsinitiative. Wie stehen Sie dazu?
Die Verkündigung des Evangeliums ist immer auch politisch. Nach reformatorischem Verständnis geht es ja um die Freiheit des Christenmenschen. Und Freiheit ist ein eminent politischer Begriff. Das heisst aber natürlich nicht, dass die Kirche zu jeder politischen Frage Stellung beziehen soll. Sie ist gut beraten, sich nur dann zu äussern, wenn es um eine Frage geht, die in einem direkten Zusammenhang mit ihren Grundwerten und ihrem Auftrag steht. Und das ist bei der Konzernverantwortungsinitiative der Fall. Die Kirchen haben lange gebraucht, um anzuerkennen, dass Menschenrechte und Bewahrung der Schöpfung Grundanliegen der christlichen Ethik sind. Das ist aber mittlerweile Konsens. Insofern ist für mich das Eintreten der EKS zugunsten dieser Initiative eine Selbstverständlichkeit.

Nun befinden Sie sich mitten im Wahlkampf – wie läuft es?
Ich absolviere eine «Tour de Suisse» mit Interviews, Hearings und Einzelgesprächen. Dabei präsentiere ich meine Ideen und meine Theologie und stelle mich den Fragen. Das macht mir sehr viel Spass! Dabei kommen meine Erfahrungen als Pfarrerin, als Mitglied der Kirchenexekutive in Genf, bei der Mitarbeit im Weltkirchenrat und als Leiterin eines Museums zum Tragen. Das finde ich richtig spannend.

Antonia Moser, ref.ch

Am 2. November wählt die Synode der EKS das Präsidium. Lesen Sie hier das Interview mit der zweiten Kandidatin Rita Famos.

Isabelle Graesslé wurde 1959 in Strasbourg geboren. Sie studierte an der dortigen Universität sowie in Ohio zunächst Philologie und danach Theologie. Später arbeitete sie als Pfarrerin in Genf. Als erste Frau übernahm sie dort von 2001 bis 2004 die Funktion als Moderatorin der Pfarrer-Gesellschaft. Von 1992 bis 2001 war Graesslé zunächst Mitglied und dann Präsidentin der Theologiekommission des damaligen Kirchenbunds. Auf internationaler Ebene beteiligte sich die Theologin in verschiedenen Arbeitsgruppen in der Konferenz der Europäischen Kirchen (KEK) und des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK). Von 2004 bis 2016 leitete sie zudem das Internationale Museum der Reformation in Genf. Seit 2018 arbeitet Graesslé wieder als Pfarrerin im Kanton Waadt. Isabelle Graesslé ist Französin und lebt seit 33 Jahren in der Schweiz. Zurzeit läuft ein Einbürgerungsverfahren. Der Waadtländer Synodalrat unterstützt ihre Kandidatur für das Präsidium der EKS. (mos)


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