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Kultur

Wo Maria den Josef küsst

25.11.2020
Im neu erschienenen Buch «Schaffhauser Weihnachtsgeschichten» küsst Maria ihren Josef und «Zwei Komma Acht Volt» entscheiden über Tod und Leben.

«Einander Geschichten zu erzählen, ist viel besser als Netflix schauen», sagt der Autor und Kabarettist Ralph Schlatter zu Beginn seiner Lesung an der Buchvernissage der «Schaffhauser Weihnachtsgeschichten» in der Kirche St. Johann in Schaffhausen. In seiner Weihnachtsgeschichte stirbt der Vater an einer Unterversorgung von «läppischen Zwei Komma Acht Volt» im Herzschrittmacher. Dann stösst der Sohn auf ein Bild, das den Vater mit einer fremden Frau zeigt. «Ich sitze hier und meine Augen kommen nicht von diesem vergilbten Bild los, und draussen schneit es, und mein Vater wird ein fremder Mensch, ein Mensch mit einem Leben, von dem ich keine Ahnung hatte», liest Ralph Schlatter, und das Publikum hört gebannt zu. «Weihnachten bedeutet nicht immer ein Happy End. Ich verstehe darunter überlieferte Traditionen, mit denen man frei umgehen kann», sagt der Autor zu seiner Geschichte.

Geschichten im Dialekt
Ralph Schlatter ist einer von 27 Autorinnen und Autoren, die mit einer Erzählung im noch druckfrischen Buch vertreten sind. Allen gemeinsam ist der Schaffhauser Bezug. «Das war ausschlaggebend bei der Auswahl der Schreibenden», erzählt der Herausgeber Richard Kölliker und fährt fort: «Ich wollte Profis und Amateure einbeziehen und sowohl zeitgenössische als auch bekannte Namen aus der Vergangenheit wie Ruth Blum oder Albert Bächtold im Buch haben.»

Die Geschichten von Albert Bächtold, Hans Ritzmann und Otto Uehlinger sind in Schaffhauser Mundart gehalten. An der Vernissage liest die Tochter von Hans Ritzmann, Marianne Leu-Uehlinger, zwei Erzählungen im Klettgauer Dialekt: Die Weihnachtsgeschichte nach dem Lukas-Evangelium «Lueged, ich verchünd Eui ä grossi Freud» aus der Feder ihres Vaters und «S Wiehnachtsgschänk» von Otto Uehlinger. Darin schildert der Autor, wie der vierzehnjährige Erwin aus dem «Chläggi» zum ersten Mal allein in die Stadt reist, um Weihnachtsgeschenke für die Familie «z chrömle». Die Autorin Katharina Hasler Pflugshaupt liest, wie «Herr Bühler» mit seiner Aufgabe, ein Adventsfenster zu gestalten, an seine nur allzu menschlichen Grenzen stösst. Zwischen den Lesungen sorgt Andreas Jud an der Orgel für eindrückliche Nachklänge. So tauchen die 50 Menschen in der Kirche für eine Stunde in ein intensives Erleben von Wort und Musik ein.

Die Idee zum Buchprojekt ist vor mehr als zwei Jahren entstanden: «Angefangen hat es mit einem Anruf von Bigna Hauser, Lektorin beim Theologischen Verlag Zürich, am 1. März 2018, ob ich Zeit und Lust hätte, ein Buch mit Schaffhauser Weihnachtsgeschichten herauszubringen», erzählt Richard Kölliker und betont: «Es war Vorfrühling, meine Lust hielt sich in Grenzen.» Dann aber habe das Projekt begonnen, ihn literarisch und inhaltlich zu faszinieren: «Meine Bedingung war, dass ich etwas Besonderes herausbringen kann, denn Schaffhausen ist ja auch ein besonderer Kanton.» Das Besondere besteht im Mix aus modernen und traditionellen Geschichten, aber auch von Sachbeiträgen: «Das Buch enthält ein Schaffhauser Weihnachts-ABC von A wie Advent bis zu Z wie Zimtstern mit vielen lokalen Bezügen», so der Herausgeber. Auch farbige Illustrationen sind darin zu finden. Sie stammen aus der Feder von Kooni, einer in Hamburg lebenden Künstlerin aus Schaffhausen.

Krippe aus Peru gab Titel
Besonders ist auch der Buchtitel «Wo Maria den Josef küsst». Er stammt aus der «Krippenwelt» in Stein am Rhein. Dort sind in einem Altstadthaus über 600 Krippen aus aller Welt ausgestellt. Darunter eine Darstellung aus den Anden, Peru: «Josef legt seinen rechten Arm um Maria, und da geschieht es, dass Maria ihren Josef küsst», beschreibt Richard Kölliker die Krippenszene. «Noch nie habe ich eine Maria gesehen, die ihren Josef küsst», hat eine Dame aus einer Besuchergruppe gesagt, als ich grade dort war», erzählt der Theologe weiter. «So ist es schliesslich zum Buchtitel gekommen.»

Adriana Di Cesare

Die reformierte Kirche und die Stadt Schaffhausen haben das Buchprojekt unterstützt. Erhältlich ist es beim TVZ-Verlag und in der Fass-Bücherei in Schaffhausen für 22 Franken.


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