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Gesellschaft, Religionen

Recht wird nicht mit Strafen begründet, sondern mit Ethik

22.12.2020
Der Einfluss der Zehn Gebote in Kultur, Gesellschaft und Theologie ist enorm – von Luthers Katechismus bis zur Menschenrechtserklärung. ie sind mehr ethische Überlegungen als ein Strafgesetz. Mittlerweile sind sie x-fach kopiert worden. Doch auch das Original fasziniert bis heute.

Ob er die Zehn Gebote auswendig wisse, wurde der Kabarettist Dieter Hildebrandt einst gefragt. «Fünf weiss ich noch», soll er geantwortet haben: «Du sollst mit deinem Vater und deiner Mutter nicht die Ehe brechen, oder so ähnlich. Du sollst keinen Gott ausser dir haben. Du sollst nicht lügen, wenn es nicht irgendeinen Sinn macht. Du sollst niemanden töten, es sei denn, er muss weg.»

Wortlaut und Zählweise unklar

Dass Hildebrandt beim Aufzählen stolpert, kommt nicht von ungefähr: Die Bibel kennt nämlich zwei verschiedene Versionen der Zehn Gebote, die sich teilweise voneinander unterscheiden: eine im Buch Exodus, eine im Buch Deuteronomium. Zudem kam die Idee, dass es sich beim Text um zehn Gebote handeln sollte, erst später auf. So ist die Nummerierung bis heute von Konfession zu Konfession verschieden: Reformierte (siehe Kasten), Orthodoxe, Lutheraner, Katholiken und Juden – sie alle kennen unterschiedliche Zählweisen.

 

«Bemerkenswert ist, dass die Gebote auf der zweiten Tafel keine Strafen enthalten.»

 

Inhaltlich lassen sich die Zehn Gebote auf zwei Tafeln aufteilen. Die erste umfasst die Gebote eins bis vier, die das Verhältnis zu Gott betreffen. Zur zweiten gehören die Gebote fünf bis zehn, die vom Zusammenleben der Menschen untereinander handeln.

Zuspruch und Anspruch

Lida Panov von der Universität Zürich untersucht im Rahmen des europäischen Forschungsprojektes «How God Became a Lawgiver» biblische Rechtstexte – dazu gehören auch die Zehn Gebote. Viel hänge am ersten Gebot. Das sei das Zentrum der Bundestheologie: «Jahwe hat die Israeliten aus Ägypten geführt, das Volk befreit. Dafür darf das Volk Israel keine anderen Götter haben, es ist an ihn gebunden», führt Panov aus. «Das ergibt eine Formel von Zuspruch und Anspruch.» 

Integration von Flüchtlingen

Was aber sagen die Zehn Gebote über das Zusammenleben aus? «Bemerkenswert ist, dass die Gebote auf der zweiten Tafel, die das Zusammenleben betreffen, keine Strafen erwähnen», sagt Panov. Das sei aussergewöhnlich: «Hier wird Recht nicht mehr mit Recht durchgesetzt, sondern mit Ethik.» Historisch habe das wohl mit der Zerstörung des Königreichs Israel im 8. Jahrhundert v. Chr. zu tun. Darauf gelangten Flüchtlinge nach Juda, was zu Spannungen in der Gesellschaft führte. «Deshalb wurde es notwendig, ein Solidarethos zu formulieren», so Panov.

Wegbereiter für Menschenrechte

Der Einfluss der Zehn Gebote auf die Kultur- und Theologiegeschichte ist enorm. Das beginnt bereits im Neuen Testament: An vielen Stellen wird darauf verwiesen. «Jesus setzte die Zehn Gebote als gültig voraus», sagt Panov. Das sehe man etwa in der Bergpredigt. Auch in Luthers kleinem und grossem Katechismus sind die Zehn Gebote zentral.

Doch die Zehn Gebote entfalten ihre Wirkung auch ausserhalb des Christentums. Die Idee einer allgemeinen, natürlichen Ethik bereitete den Weg für die «Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte» von 1789 und die UNO-Menschenrechtserklärung von 1948.

Auch die Zehnzahl war stilbildend, in allen möglichen Bereichen: Da gibt es die «Zehn Gebote der Erziehung», die «Zehn Gebote des Fitnesstrainings», die «Zehn Gebote der Ernährung». Oder die Zehn Gebote, die Frank und Patrik Riklin im vergangenen Sommer auf dem St. Galler Klosterplatz in Steinplatten meisselten. Diese Gebote entpuppten sich bei näherer Betrachtung als Leitsätze eines Zürcher Start-ups, als dessen Firmenideologie. So wurde die Idee der Zehn Gebote vielfach kopiert, und selten erreichten die Kopien die gedankliche Tiefe des Originals.

Doch bereits im Alten Testament selbst wird der Gedanke des Bundes durch die Zehn Gebote aufgenommen. Und zwar just, nachdem der Tempel – und damit die Tafeln mit den Geboten! – von den Babyloniern zerstört worden war. Da steht im Buch Jeremia: «Ich will meine Gebote in ihr Herz schreiben.»

Text: Stefan Degen | Illustration: Sandra Künzle, St. Gallen – Kirchenbote SG, Januar 2021

 

Die Zehn Gebote im Wortlaut

Präambel: «Ich bin der Herr, dein Gott, der dich herausgeführt hat aus dem Land Ägypten, aus einem Sklavenhaus.»

1) «Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.»

2) «Du sollst dir kein Gottesbild machen noch irgendein Abbild von etwas, was oben im Himmel, was unten auf der Erde oder was im Wasser unter der Erde ist. Du sollst dich nicht niederwerfen vor ihnen und ihnen nicht dienen, denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Vorfahren heimsucht an den Nachkommen bis in die dritte und vierte Generation, bei denen, die mich hassen, der aber Gnade erweist Tausenden, bei denen, die mich lieben und meine Gebote halten.»

3) «Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.»

4) «Denke an den Sabbattag und halte ihn heilig. Sechs Tage sollst du arbeiten und all deine Arbeit tun; der siebte Tag aber ist ein Sabbat für den Herrn, deinen Gott. Da darfst du keinerlei Arbeit tun. (…) Denn in sechs Tagen hat der Herr den Himmel und die Erde gemacht, das Meer und alles, was in ihnen ist, dann aber ruhte er am siebten Tag. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn geheiligt.»

5) «Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst auf dem Boden, den der Herr, dein Gott, dir gibt.»

6) «Du sollst nicht töten.»

7) «Du sollst nicht ehebrechen.»

8) «Du sollst nicht stehlen.»

9) «Du sollst nicht als falscher Zeuge aussagen gegen deinen Nächsten.»

10) «Du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren; du sollst nicht die Frau deines Nächsten begehren oder seinen Knecht oder seine Magd oder sein Rind oder seinen Esel oder irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.»

(Ex 20,2-17, reformierte Einteilung. Eine zweite Version befindet sich in Dtn 5,6-21.)


Von roundabout SG-APP (Rahel Schwarz) erfasst am 14.09 2018 11:50

Danke!

Vielen Dank für die Veröffentlichung des Artikels. Wir freuen uns über jedes interessierte Mädchen, über neue Partnerorganisationen oder Workshop-Anfragen. Freundliche Grüsse Rahel Schwarz kantonale Leiterin roundabout SG-APP

Von Maurer Charlotte erfasst am 06.01 2020 09:13

Erwachseme Taufe

Ein lieber Freund, der sich inzwischen sehr mit Gott verbunden hat, möchte eine Erwachsenen Taufe. Er ist als Kind reformiert getauft. Bitte können Sie uns da helfen?

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