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Wirtschaft

Arbeitslosigkeit

«Viele sind erstmals selber betroffen»

07.01.2021
Fast 50 Prozent mehr Arbeitslose: Die Coronapandemie hinterlässt im Schweizer Arbeitsmarkt ihre Spuren. René Büchi bekommt das täglich zu spüren. Er berät stellenlose Menschen im Auftrag der Evangelischen Landeskirche Thurgau. Manchmal helfe schon ein offenes Ohr, sagt er.

153‘270 Arbeitslose vermeldeten die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) per Ende November 2020. Das sind rund 47‘000 Personen mehr als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr – ein Anstieg von 44.1 Prozent. Insgesamt liegt die Arbeitslosigkeit in der Schweiz bei 3.3 Prozent. Im Thurgau ist sie mit 2.5 Prozent zwar deutlich unter dem schweizerischen Durchschnitt. Es sei aber auch hier eine zunehmende Verunsicherung spürbar, bestätigt René Büchi. Der 56-Jährige führt seit gut einem Jahr die kantonalkirchliche Beratungsstelle bei Arbeitslosigkeit. Er sei in den letzten Monaten nicht nur von arbeitslosen oder stellensuchenden Menschen kontaktiert worden: «Für die meisten Menschen war es das erste Mal, dass sie mit Kurzarbeit und Lohnkürzungen konfrontiert waren. Das hat Unsicherheit und sogar Existenzängste ausgelöst.»

Auch seelsorglich gefragt
René Büchi sitzt an seinem Schreibtisch an der Bahnhofstrasse 5 in Weinfelden. Im Normalfall finden die Beratungsgespräche hier statt. In letzter Zeit habe sich seine Arbeit aufgrund der Schutzmassnahmen vermehrt auch hinter den Telefonhörer verlagert: «Während einige einen Motivationsschub brauchen, um einen neuen Anlauf zu wagen, benötigen andere konkrete Unterstützung beim Verfassen von Bewerbungen. Es gibt aber auch Menschen, die einfach froh sind, wenn ihnen mal jemand zuhört und sie ihre Sorgen abladen können.» In diesen Fällen sei dann eher seine seelsorgliche Unterstützung gefragt. Gemäss Büchi sind zwei Drittel seiner Klientinnen und Klienten zwischen 40 und 65 Jahre alt. Bei den Geschlechtern sei das Verhältnis nahezu ausgeglichen. Obwohl es sich um ein Angebot der Evangelischen Landeskirche Thurgau handelt, werde es auch von Menschen anderer Konfessionen und Religionen in Anspruch genommen: «Die meisten Leute werden über Mund-zu-Mund- Propaganda oder die RAV auf die Beratungsstelle aufmerksam.»

Plötzlich überfordert
Auffallend sei, dass in der Coronazeit zunehmend Personen zu ihm kämen, die vorher 20 Jahre lang in der gleichen Firma gearbeitet haben und nun plötzlich ohne Job dastehen, sagt René Büchi: «Diese Leute hatten zum Teil Topstellen. Doch weil sie so lange am gleichen Ort gearbeitet haben, sind sie nun komplett überfordert, eine Bewerbung aufzusetzen.» Das zeige, wie wichtig es sei, den Lebenslauf alle paar Jahre zu aktualisieren – auch wenn man vermeintlich über eine sichere Arbeitsstelle verfüge. Besonders schwierig sei die aktuelle Situation für Arbeitssuchende über 55 Jahre: «Für sie ist Corona ein zusätzlicher Tiefschlag.» Der ausgebildete Sozialarbeiter und Sozialdiakon kennt solche Fälle aus dem Effeff. Er war schon auf dem Sozialamt, bei der Kindes- und Erwachsenenbetreuung, im kirchlichen Sozialdienst und in Institutionen für Menschen mit Handicap tätig. Entsprechend habe er neben allem Leid auch viele positive Wendungen erlebt, mit denen er den Menschen ehrlich Mut machen könne: «Meine Ausbildungen und Erfahrungen helfen mir, auch in scheinbar ausweglos scheinenden Situationen Lösungsansätze zu finden und die Menschen in ihren Stärken und Schwächen voranzubringen.»

Cyrill Rüegger, kirchenbote-online


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