Logo
Gesellschaft

Der Umgang mit Maske und Schleier

So manche Fassade kommt da ins Bröckeln

29.01.2021
Corona lässt die Hüllen fallen: Statt fröhlichem Verkleidungstrubel sorgt das Virus für ungeschminkte Tristesse in Schweizer Fasnachtshochburgen. Gleichzeitig sind Masken zwangsläufig vor und in aller Munde – und ausgerechnet jetzt naht die Abstimmung über ein nationales Verhüllungsverbot. Die Geschichte von Maskierung und Verhüllung kennt viele Gesichter. Die menschliche Verwandlungslust ist uralt, während unser Verhältnis zu Maske und Gesichtsschleier aktuell viele politische Fragen und Gräben offenlegt.

«Entschuldigung, ich habe Sie nicht erkannt!» In Winterkleidung und Schutzmaske eingemummte Gestalten mit beschlagener Brille versuchen, ihr ebenfalls gut verpacktes Gegenüber zu erkennen. Sind die Bekannten endlich identifiziert, lässt deren versteckte Mimik offen, wie ernst oder humorvoll ihr radikaler Kommentar zur Coronakrise gemeint ist – Begegnungen im Maskenwinter machen bewusst, wie stark wir im Umgang miteinander auf Gesichter angewiesen sind.

Gesichter lesen
Diese Fixierung scheint ererbt: Schon im Mutterleib wenden wir uns einer gesichtsähnlichen Lichtquelle eher zu als einer beliebigen. Und als Säuglinge reagieren wir sehr früh auf Mimik. Wir lesen ein Leben lang in Gesichtern und ziehen dabei im Nu instinktiv Schlüsse über Empfindungen, Geschlecht, Alter, Gesundheit, Herkunft, Charakter oder Attraktivität der andern.

Als einzigartiges Aushängeschild will das eigene Gesicht gewahrt bleiben: Wir machen gute Miene zum bösen Spiel oder setzen ein vielsagendes Lächeln auf. Wir spritzen Falten weg, übertünchen Augenringe. Manchmal verbergen, manchmal zeigen wir unser «wahres» Gesicht. Es widerspiegelt unsere verschiedenen Rollen – und macht uns gleichzeitig unverkennbar als ein und dieselbe Person (ein Wort, hinter dem prompt etruskische oder griechische Bedeutungen für Maske und Gesicht stehen dürften).

Was aber, wenn das Gegenüber seine vielschichtige wie eindeutige Fassade verdeckt?

Anonymer Vorteil
Durch den Visiereffekt – ich sehe dich, aber du kannst mich nicht erkennen – hat das versteckte Gesicht einen Wissensvorsprung, seine Anonymität kann unberechenbar oder bedrohlich wirken. Dieses Ungleichgewicht kann bei den Unmaskierten Unbehagen auslösen, das Rätselhafte mag aber auch faszinieren und Neugier wecken. Was wir letztlich fühlen und denken, wenn wir Maskierten oder Verhüllten begegnen, hängt enorm von Situation und Anlass, aber auch von unserer Einstellung und Perspektive ab.

Rollenspiele
Der Träger einer schwarzen Skimaske macht auf der Piste einen anderen Eindruck, als wenn er eine Bankfiliale betritt oder nachts durch den Park joggt. Maskierte Clowns an Halloween lösen andere Gefühle aus als an Gemeindeversammlung oder Kinderfest. Touristinnen wie Einheimische freuen sich am 13. Januar über eine Gruppe schöner Silvesterchläuse in Urnäsch; aber falls unter den grossen Hauben Frauen- statt Männerstimmen zu singen beginnen oder ein solcher «Schuppel» an der Basler Fasnacht auftauchen sollte, sind auseinandergehende Reaktionen zu erwarten. In eine Burka gehüllte Personen wiederum fordern unterschiedlich heraus, wenn sie in Afghanistan, auf dem hiesigen Einwohneramt, im reformierten Gottesdienst oder am Maskenball erscheinen.

Verwandlungslust
Neben praktischen Zwecken, z.B. körpelichem Schutz oder Anonymität und Tarnung, haben Masken und Gesichtsverhüllung vor allem eine kulturelle Funktion. Masken, oft als Teil eines Kostüms, finden sich weltweit in unterschiedlichsten Ritualen und Bräuchen sowie im Theater. Gemeinsam ist den Trägerinnen und Trägern, dass sie ihre Persönlichkeit hinter eine andere, von der Maske signalisierte Rolle zurücktreten lassen. Der Theaterforscher Manfred Brauneck stellt einen urmenschlichen Hang zur Maskierung fest: «Was fasziniert, ist offenbar das Spiel mit der Möglichkeit, sich zu verbergen, sich in einen anderen zu verwandeln – ein Spiel, das jeder von Kind auf kennt.»

Maskenkraft
In animistischen Traditionen geht die Verwandlung durch die Maske deutlich weiter. In einer von Geistern und Mächten beseelten Welt werden deren Kräfte in den Masken wirksam: Die Maskenträger (meist Männer) legen ihre Identität ab, erhalten Zugang zur Geisterwelt und werden zu Mittlern zwischen Menschen und Übernatürlichem. Besonders bekannt geworden sind in Europa kunstvolle Holzmasken aus dem westlichen und südlichen Afrika sowie aus Ozeanien; sie beeinflussten sogar Picasso und den Expressionismus. Dargestellt sind oft Ahnen oder Tiere, die bestimmte Tugenden oder Kräfte symbolisieren. Benutzt werden die Masken bei Festen, Fruchtbarkeitsriten, Bestattungszeremonien, Heilungen – oft in Verbindung mit Tanz und Musik.

Fasnacht und Brauchtum
Ausgelassenes Maskentreiben existiert auch bei uns, vor allem bei sich oft überlagernden Bräuchen von Fasnacht, Jahreswechsel oder Winteraustreibung. Der Obrigkeit waren früher diese lokalen Traditionen mit heidnisch-anarchischer Prägung ein Dorn im Auge. Gerade im Alpenraum sind besonders archaische, grimmige Fratzen (dahinter wieder oft nur Männer) unterwegs: Die Masken sollen die Träger schützen, während sie lärmend böse Geister das Fürchten lehren und Schabernack treiben. Vor der strengen Fastenzeit konnte zudem im Mittelalter während der Fasnacht die bestehende Ordnung und Moral etwas durchgeschüttelt werden – und hinter Masken verschwinden bis heute Hemmungen und soziale Unterschiede etwas leichter.

Verschleierung
Während Masken oft Grenzüberschreitungen von Rollen und Regeln ermöglichen, sollen traditionelle Gesichtsschleier die Stellung der Trägerinnen und Träger als sittenbewusstes, respektables Mitglied der Gesellschaft zeigen und wahren. Verhüllt sind meist die Frauen, in einigen Ethnien West- und Nordafrikas, etwa bei den Tuareg, sind es allerdings die Männer. Körper und Gesicht werden verborgen und so dem Blick der Öffentlichkeit entzogen – vor allem dem des anderen Geschlechts. Bekannte Beispiele im Islam sind der die Augen frei lassende Niqab und die Burka, ein vor allem in Afghanistan getragener Ganzkörperschleier mit Sichtgitter. 

Diskussions-Stoff
Burka und Niqab werden vom Koran nach allgemeiner theologischer Lehrmeinung nicht vorgeschrieben und sind in verschiedenen Ländern umstritten, teils verboten, auch im Kanton St. Gallen. In Frankreich wurde festgestellt, dass eine Mehrheit der befragten vollverschleierten Frauen nicht verheiratet ist und aus Familien ohne Verhüllungstradition kommt, rund die Hälfte ist zum Islam konvertiert. In der Schweiz geht man von ähnlichen Verhältnissen bei den etwa 30 hier lebenden Niqab-Trägerinnen aus. Sie müssen bei einer Annahme der Initiative für ein nationales Verhüllungsverbots mit Anzeigen rechnen – ausser an der Fasnacht. Eine demaskierende Vorstellung.

Womit aber weder Initianten noch Gegnerinnen gerechnet hatten: Dass die Schweiz 2021 zum Land von Maskenträgern geworden ist. Unser Umgang mit Hygienemasken und Virus brachte so manche Fassade zum Bröckeln, enthüllte manch überraschendes wahres Gesicht – und entlarvte tiefere Gräben in der Gesellschaft, als es die Burka jemals tat.

Philipp Kamm, kirchenbote-online.ch

Maskierte Anfänge  des Theaters
Aus dem ausgelassenen Kult um Dionysos, den griechischen Gott des Weins, ging die von maskierten Männern gespielte griechische Tragödie hervor – das Fundament des abendländischen Theaters. Maskiertes Schauspiel war aber später in Europa nur noch vom 16. bis 18. Jahrhundert populär: Im Stegreif-Theater der Commedia dell’Arte traten die immer gleichen Charaktere auf, unter ihnen der bekannte Harlekin. In Japan hingegen sind sehr alte Theatertraditionen mit Holz- und Schminkmasken nach wie vor lebendig.


KIRCHENBOTE E-PAPER

Alle Kirchenboten ab 2002 zum Lesen, Suchen und Herunterladen...

Zwischen Zebra und Löwe  | Artikel

An der St. Galler Olma kann man sich hinter einer Krippe fotografieren lassen – umgeben von exotischen Tieren. Hinter der ungewöhnlichen Aktion steckt die reformierte Kiche des Kantons St. Gallen.


Was denken Sie dazu? Diskutieren Sie mit!  | Artikel

Der Kirchenbote führt neu einen Blog! Haben Sie zu unseren Themen etwas erlebt, eine Erkenntnis gewonnen? Diskutieren Sie mit!


Zauberklang der Dinge – Niklaus Meienberg  | Artikel

«Eigentlich bin ich mir längst abgestorben, ich tu nur noch so als ob - Atem holen, die leidige Gewohnheit hängt mir zum Hals heraus!» Mit diesem Satz beginnt das Gedicht «Rivers of Babylon» von Niklaus Meienberg. Dieser Text steht im Zentrum der neuen Folge 25 von Zauberklang der Dinge. Schauspieler Peter Rinderknecht singt uns diese Worte. Das Lied «This body is a rose», nach einem Text des Mystikers Dschallalu din Rumi, gesungen von Barbara Balzan, bildet gleichsam einen Kontrapunkt.