Logo
Politik

Eine Frage der Ethik

Impfpässe dürfen nicht ausschliessen

22.03.2021
Die Impfdebatte spitzt sich landesweit zu. Die Evangelische Kirche Schweiz empfiehlt die Impfung und lehnt Impfprivilegien ab. Der Ethiker: Fehlende Impfpässe dürften nicht zum Ausschluss führen.

Die Evangelisch-Reformierte Kirche Schweiz EKS schreibt zur Covid-19-Impfung: «Es gibt aus kirchlicher Sicht plausible ethische Gründe, die Impfung zu empfehlen.» Persönliche Impfrisiken seien akzeptabel, «weil damit weitaus grössere Risiken für andere abgewendet werden können». Die EKS beruft sich in ihrem diakonischen und politisch-ethischen Engagement auf das biblische Solidaritätsethos.

Doch wie steht es mit den Impfgegnern und ihrer Freiheit? Frank Mathwig, Beauftragter für Theologie und Ethik, betont, dass die Schweiz keinen Impfzwang kennt. Aberes gibt eine «moralische Solidaritätspflicht» gegenüber Menschen, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen dürfen und deshalb schutzlos der Pandemie ausgesetzt sind. «Ihnen gegenüber haben jene, die sich impfen lassen können, eine besondere Verantwortung.»

Dasselbe gelte für die Kapazität der Spitäler. «Wenn Personen, die eine Impfung verweigern, die begrenzten Intensivbetten aufgrund des schweren Infektion in Anspruch nehmen, riskieren sie unter Umständen dieGesundheit oder das Leben anderer Menschen.»

Testbereitschaft fördern
Inzwischen hat die EU die Einführung eines Corona-Impfpasses beschlossen. Im Juni sollte es soweit sein. Auf dem Ausweis werden Impfungen, aber auch Corona-Erkrankungen und negative Tests vermerkt, so dass man seine Immunität beweisen kann. Die Schweiz wird sich voraussichtlich diesem System anschliessen müssen. Die EKS weist eine kategorische Ungleichbehandlung zurück: «Eine Impfbescheinigung darf weder gefordert werden noch ihr Fehlen ein Ausschlusskriterium sein.» Die EKS empfiehlt, die Testbereitschaft zu fördern und Selbsttests vor Veranstaltungen zwanglos anzubieten.

Lässt sich dieses kirchliche Selbstverständnis auf den Staat übertragen? «Nein», sagt Frank Mathwig, «doch die Forderung dahinter schon». Im Vergleich zu anderen Ländern war der Bundesrat in der zweiten Pandemiewelle bei den Massnahmen sehr zurückhaltend. Es gab keine Ausgangsverbote, Sperrstunden oder nationale Schulschliessungen. «Diese Haltung wird die Impfpolitik bestimmen», sagt der Ethiker und räumt ein: «Privatunternehmen wie Kultur- und Sportbetriebe haben freilich die Möglichkeit, Impfnachweise vertraglich einzufordern, dasselbe gilt für Flugreisen ins Ausland.» Entscheidend sei, dass eine fehlende Impfbescheinigung niemanden vom Zugang zu öffentlichen Orten und Institutionen ausschliessen dürfe. «Auch Menschen ohne Impfbescheinigung müssen zu allen lebensrelevanten Gütern und Orten Zugang haben.»

«Irrtum in der Debatte»
Mathwig bezeichnet die Privilegien-Diskussion als «gefährlichen Irrtum in derDebatte». Die Frage, ob geimpfte Personen Privilegien erhalten sollen, sei falsch gestellt. «Es geht nicht um Privilegien, sondern um die Grundrechte, die während der Pandemie eingeschränkt wurden. Zentral ist vielmehr die Frage, ob Freiheitsbeschränkungen bei geimpften Personen noch verhältnismässig sind. Einschränkungen von Grundrechten müssen dem Schutz aller dienen, zeitlich begrenzt und verhältnismässig sein», sagt der Ethiker. «Wenn von geimpften Personen nachweislich keine Ansteckungsgefahr für Dritte ausgeht, wären die Freiheitsbeschränkungen nicht mehr angemessen.» Die Gesellschaft stehe vor einem langen Prozess: «Sie muss lernen, mit dem Virus umzugehen. Kategorische Antworten gibt es nicht. Das ist die wirklich grosse Herausforderung, bei der auch die Politik noch am Anfang steht.»

Adriana Di Cesare, kirchenbote-online


KIRCHENBOTE E-PAPER

Alle Kirchenboten ab 2002 zum Lesen, Suchen und Herunterladen...

Mitreden!  | Artikel

Der Kirchenbote hat neu einen Blog. Reden Sie mit, schauen Sie herein. Es warten spannende Themen auf Sie. 

 


Wie die Graffiti an der Offenen Kirche St.Gallen entstanden  | Artikel

Am 11. Juni jährt sich zum 5. Mal die Vernissage «Weltoffen» zum Graffiti an der Offenen Kirche. Hier ein «Jubiläums-Video», zusammengeschnitten aus Filmarbeiten von Filmemacher Zeno Georgiou aus dem Jahr 2016. Theodor Pindl, Intendant der Offenen Kirche, spricht zur Entstehung und Bedeutung des markanten Graffiti, das in St. Gallen inzwischen wohl alle kennen, aber bald verschwinden wird – wegen Abbruch der Kirche.


(K)ein Spaziergang – Wirtschaft ist Care  | Artikel

Die siebte schweizerische Frauensynode erscheint im coronakonformen Gewand. Sie diskutiert mit dem Stationenweg »Wirtschaft ist Care - (K)ein Spaziergang» ein enkelinnentaugliches Wirtschaftsverständnis. Der Rundgang kann in Sursee individuell begangen oder bis Oktober 2021 von Gruppen gebucht werden. Die dazugehörige Broschüre dient als Wegleitung zu insgesamt 15 Stationen, an denen Aspekte menschlicher Bedürftigkeit und damit des Wirtschaftens behandelt werden. Sie kann als  pdf-Datei heruntergeladen werden.

Zusammen mit der Comic-Broschüre und dem Erklärfilm zu «Wirtschaft ist Care» stehen nun Grundlagen und Anregungen für die Umsetzung zur Verfügung, damit engagierte Menschen auch an anderen Orten ihren eigenständigen Rundgang einrichten können.


Im Singen bin ich im Jetzt!  | Artikel

Die beiden Jodlerinnen Annelies Huser-Ammann und Doris Bühler-Ammann singen den «Bergjodel» mit Begleitung von Geige, Cello, Hackbrett. Die Kombination mit Aufnahmen aus dem Requiem-Konzert im Grossmünster Zürich zeigen eindrücklich, wie uns der Klang der eigenen Stimme in die Erfahrung zeitloser Präsenz bringen kann. Im Singen sind wir selber Instrument und unser Körper wird zum ungeteilten Resonanzraum. Beim Film handelt es sich um die 20. Folge aus der Reihe «Zauberklang der Dinge» von Peter Roth.