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Kirche

«Unsere Kirche hat gesellschaftlich an Bedeutung gewonnen»

27.04.2021
Lilian Bachmann, seit drei Monaten Synodalratspräsidentin, spricht über den Wandel der Kirche in Zeiten von Corona, in welche Richtung sich die Kirche verändern sollte und welche Wünsche der Menschen an die Kirche sie anlässlich der E-Grossgruppenkonferenz herausgefiltert hat.

Ihre Wahl zur Synodalratspräsidentin war mit 23 zu 24 Stimmen sehr knapp. Wie wollen Sie die Gräben schliessen?
Meine Wahl war die demokratische Entscheidung des Parlaments. Mit den Mitgliedern der Synode sowie den Kirch- und Teilkirchgemeinden stehen wir nach wie vor in einem ständigen Dialog. Unsere Türen sind offen für Anliegen und unsererseits suchen wir proaktiv den Austausch.

Spüren Sie Vorbehalte?
Es gibt Platz für unterschiedliche Meinungen. Dies hat beispielsweise auch die E-Grossgruppenkonferenz gezeigt, an welcher viele Synodale teilgenommen haben. Das Reden und einander Zuhören fördert das Zusammenspiel und den Austausch, gegenseitige Toleranz und Verständnis, um gemeinsam Lösungen zu suchen.

Es ist nicht jedermanns Sache, Position zu beziehen und zu politisieren. Wie sieht es bei Ihnen aus?
Ich politisiere bereits während den fünf Jahren als Synodalrätin im Departement Recht, der Interimszeit im Präsidium und den ersten 100 Tagen im Amt als Synodalratspräsidentin. Dies bringt ein Amt in der Exekutive mit sich. Daran muss man Freude haben und das habe ich.

Werden Sie der Luzerner Landeskirche auf nationaler Ebene eine Stimme verleihen?
In dieser Hinsicht wurde viel Vorarbeit geleistet, durch meine Vorgängerin Ursula Stämmer und deren Vorgänger David A. Weiss. Diese setze ich fort. Die Luzerner Landeskirche ist sehr präsent in der Evangelisch-Reformierten Kirche Schweiz (EKS) und unsere Stimme wird gehört, unter anderem in der Corona- Taskforce EKS, Verfassungsreform, Ehe für alle.

Sie haben erstmals in der Schweiz eine digitale Grossgruppenkonferenz abgehalten. Mit welchem Ergebnis?
Die E-Grossgruppenkonferenz war ein grosser Erfolg. Allein schon aufgrund der Anzahl und der Diversität an Menschen, die sich daran beteiligt haben. Über die Funktion der Kirche diskutierten altersdurchmischt über 190 Vertreterinnen und Vertreter aus Kirche, Politik, Kultur, Verwaltung, Bildung, Wirtschaft, Sport und anderen Konfessionen. Es wurde geschätzt, dass wir auf die Menschen zugehen und den Dialog suchen

Was sind die Ergebnisse der Konferenz? In welche Richtung soll sich die reformierte Kirche entwickeln?
In der soziometrischen Umfrage zu Beginn der Konferenz kam zum Ausdruck, was den Teilnehmenden wichtig ist: 18 Prozent Zukunft der Kirche, 16 Prozent Gemeinschaft, 15 Prozent Solidarität, 13 Prozent Seelsorge, 12 Prozent Ethik, 11 Prozent Rituale, 10 Prozent Spiritualität und 5 Prozent weitere Themen. Nach den Diskussionen in den Kleingruppen priorisierten die Teilnehmenden gewisse Themen wie beispielsweise der gesellschaftspolitische Auftrag, den Umgang mit Veränderung, die Diversität, die Seelsorge, der Spagat zwischen Tradition und Moderne oder die Kommunikation. Es ist ein Wunsch vieler, dass man sich in der Kirche vernetzen kann, dass andere auf einen zugehen und den Dialog suchen.

Die Kirche sollte also aktiver auf Menschen zugehen?
Unsere Seelsorgenden und die kirchlichen Mitarbeitenden machen das tagtäglich sehr engagiert. Wir sollten allerdings sichtbarer machen, was sie bereits alles leisten und so der Kirche nach aussen auch bei «kirchenentfernteren» Menschen ein Gesicht geben. Unsere Werte der Solidarität, der Chancengleichheit, der Gemeinschaft oder den Schutz der Schwächsten leben wir – wir sollten aber auch entsprechend kommunizieren: Gutes tun und auch darüber sprechen. Während der Corona-Zeit wurde die Kirche vermehrt gesucht und sie ist da für die Menschen.

Die Landeskirche soll also mehr Marketing betreiben?
Die Reformierte Kirche macht schon lange Marketing, was allerdings bekannt ist unter dem Begriff der Mission. Hier haben wir alle einen Auftrag und müssen aufzeigen, was wir leisten und dass wir da sind für die Menschen. Eine Delegation in die «Marketingabteilung» ist also nur bedingt möglich. Das macht da Sinn, wo Synergien genutzt werden können, beispielsweise in der Öffentlichkeitsarbeit zu Themenschwerpunkten oder im Online-Bereich.

Im vergangenen Jahr ist ein digitaler Schub durch die Kirchenlandschaft gegangen. Viele Kirchgemeinden haben Veranstaltungenins Web verlegt. Wird man das in Zukunft beibehalten?
Corona hat uns dazu gezwungen, alternative und damit auch digitale Wege zu suchen und die sind wir auch innert kurzer Zeit gegangen. Sowohl im kirchlichen Leben als auch in der kirchlichen Behördentätigkeit. Es sind viele Prozesse neu hinzugekommen und die Art der Kommunikation hat sich verändert.

Wie wird Corona die Reformierte Kirche langfristig verändern?
Corona hat die Kirche bereits verändert. Begonnen hat dieser Prozess im März 2020, als die Gottesdienste verboten wurden und auch Besuche in Spitälern, Alterszentren, Gefängnissen und anderswo eingeschränkt wurden. Seither hat sich vieles verändert. Es gibt digitale Gottesdienste, Fernsehgottesdienste, Streaming und Zoom-Gottesdienste, digitalen Unterricht, Videokonferenzen, in den Alterszentren ist das Telefon wieder aktuell geworden. Was sich auch zeigt insbesondere in den Gesundheitsinstitutionen, dass die Seelsorge an Bedeutung gewonnen hat.

Was hat sich inhaltlich verändert?
Unsere kirchlichen Werte haben sich akzentuiert und gesellschaftlich an Bedeutung gewonnen. So beispielsweise die Solidarität. Diese leben wir Reformierten seit Jahrhunderten. Vor 15 Monaten hätten wir uns nicht vorstellen können, dass Solidarität der Begriff des Jahres sein könnte. Nächstenliebe und Seelsorge wurden wichtig, denn viele Menschen sind einsam und befinden sich in existenziellen Schwierigkeiten. Hier haben wir auch Angebote wie die Sozialberatung, sind in Hilfswerken vertreten oder finanzieren diese mit.

Immer weniger Menschen besuchen die Kirche. Haben Sie ein Rezept dagegen?
Auch hier müssen wir den Dialog führen und Gemeinschaft leben, uns verbinden, uns vernetzen und da sein, wo die Menschen die Kirche brauchen. Durch Corona haben wir gesehen, wie zerbrechlich das Zusammenleben und wie nahe der Tod ist. Dadurch rückte die Kirche in den Fokus der Menschen.

Was ist die grösste Schwäche der Reformierten Kirche?
Manchmal sind wir vielleicht etwas zu zurückhaltend und bescheiden. An der E-Grossgruppenkonferenz wurde uns mehrfach zurückgemeldet, dass die Kirche ruhig proaktiv, mutiger, selbstbewusster und auch frecher auftreten dürfe.

Was ist die grösste Stärke der Reformierten Kirche?
«Semper reformanda», dass sich die reformierte Kirche immer wieder erneuert, aktualisiert und dadurch auch sicherstellt, dass sie bei den Menschen, nah an den aktuellen gesellschaftspolitischen Themen und damit zeitgemäss ist. Dies alles im Bewusstsein der eigenen Tradition, die man nicht aufgibt, sondern aktualisiert. Aktuell beispielsweise überarbeiten wir unsere 25-jährige Kirchenordnung und prüfen, was es heute noch braucht, was nicht mehr und was ergänzt werden soll.

Welche Beziehung haben Sie ganz persönlich zu Kirche?
Ich bin reformiert aufgewachsen und besuchte als Kind sehr gerne die Sonntagsschule im Maihof Luzern. Weiter habe ich mich an unterschiedlichen reformierten Projekten engagiert und wurde auch deshalb für eine Kandidatur in den Synodalrat angefragt. Meine drei Kinder, 16- und 13-jährig (Zwillinge), wachsen reformiert auf.

Hatten Sie auch mal gezweifelt, und sich dann bewusst für die reformierte Kirche entschieden?
Die Konfirmation war für mich ein Schritt, mich bewusst für die reformierte Kirche zu entscheiden. Damals hatte ich aktiv Ja dazu gesagt. Daran gezweifelt habe ich seither nie.

Glauben Sie an Jesus und das Leben nach dem Tod?
Das ist eine grosse und komplexe Frage, auf die man nicht einfach mit einem Ja oder Nein antworten kann. Wir diskutieren innerhalb der Kirche sehr breit und vielschichtig darüber.

Was ist Ihr Wunsch für die reformierte Kirche in Zukunft?
Meine Traumkirche ist eine Kirche, die Halt gibt, die verbindet. Eine Kirche, die dort ist, wo die Menschen sind und die Menschen – und zwar alle Menschen – sie brauchen. Eine Kirche, die nicht am Menschen vorbei, sondern zusammen mit den Menschen Gemeinschaft lebt.

Carmen Schirm-Gasser

Lilian Bachmann (49) ist promovierte Juristin (Dr. iur.) und Rechtsanwältin. Seit Ende November 2020 ist sie Präsidentin des Synodalrats, dessen Mitglied sie seit 2016 ist. Am Kantonsgericht Luzern amtet Bachmann als Ersatzrichterin und ist als selbstständige Rechtsanwältin tätig. Sie ist verheiratet, Mutter von drei Kindern und lebt mit ihrer Familie in der Stadt Luzern.


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