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Kultur

Schausteller-Pfarrerin Eveline Saoud

Die Chilbi ist wieder los

20.09.2021
Eveline Saouds Gemeinde sind Schaustellerinnen und Schausteller, Zirkus- und Marktleute. Die Corona-Pandemie hat der fahrenden Gemeinde harte Monate beschert. Jetzt geht es wieder langsam los.

Es geht wieder los mit der Chilbi. Nicht nur für die Schausteller, sondern auch für Eveline Saoud. die auf einen grossen «Wellenflieger» auf dem Albisgüetli in Zürich zusteuert. Für viele Artisten, Schausteller und Markthändler waren die letzten Monate ein Albtraum. Fast alle Veranstaltungen waren 2020 gestrichen. Einnahmen brachen weg, Existenzen wurden zerstört. Eveline Saoud erzählt: «Vielen Schaustellern ist diese erzwungene Sesshaftigkeit unglaublich schwergefallen. Manche wurden richtig hibbelig». Jetzt spürt sie verhaltenen Optimismus und Tatendrang auf den Chilbi-Plätzen.

Erst Start, dann Lockdown
Nicht einfach war die Zeit auch für Eveline Saoud. Am Knabenschiessen 2019 wurde sie Chilbi- und Zirkusseelsorgerin, im März 2020 kam der Lockdown. So erlebte sie erst die grossen Herbstchilbis und Weihnachtsmärkte. Als alle im neuen Jahr in den Startlöchern standen, blieb das öffentliche Leben stehen. Die 50-Jährige blieb nicht untätig. «Ich telefonierte sehr viel und besuchte Schausteller auch zu Hause», erzählt sie. Mit kurzen Youtube-Filmen versuchten sie und ihr katholischer Kollege Adrian Bolzern, die Leute zu erreichen. Sobald es wieder Chilbis gab, ging sie auf die Plätze.

Auch in normalen Zeiten ist der Alltag für ihre fahrende Gemeinde hart. Vor allem die Konkurrenz. «Es gibt Schausteller, die sich untereinander nicht leiden können», weiss Saoud. «Ich muss das allerdings nicht kitten. Oft muss ich einfach nur zuhören», beschreibt sie ihre Rolle. Gerade zu Schaustellerinnen sei es ihr sehr wichtig, einen guten Draht zu haben.

Ihre Stelle als Chilbi-Seelsorgerin wird durch einen Verein getragen und umfasst rund 20 Stellenprozente. Die reformierte Kirche der Schweiz stützt das Spezialpfarramt finanziell. «Der loyale und zuverlässige Vereinsvorstand ist mein Rückgrat», sagt sie.

Das richtige Gespür
Eveline Saoud ist am richtigen Ort. Sie hat ein feines Gespür für ihre Gemeinde. «Die Welt der Fahrenden», sagt die Frau mit den grossen Augen, sei ihr schon immer sehr nahe gewesen. Das habe mit ihrer Familie zu tun. «Mein Vater war als junger Mann mit einem Zirkus in Nordafrika unterwegs und arbeitete am Trapez.» Auf der Chilbi war sie immer gern. Sie gab ihre Leidenschaft auch den beiden Kindern weiter.

Gebete, Taufen, Fahnengruss
Immer wieder neu stellt die Tochter eines Moslems und einer Protestantin fest: Das fahrende Volk ist religiös. «Es sind Leute, die sehr exponiert leben und viel unterwegs sind. Deshalb sind für sie Traditionen und Rituale wichtig», sagt sie. Das zeige sich ihr in vielfacher Form: «Bei meinen Gedanken über einen Bibeltext hören diese Leute oft aufmerksamer zu als andere.» Und immer wieder dürfe sie ein Kind taufen oder einen Angehörigen beerdigen. «Es ist stets eindrücklich, wie Schausteller dem Verstorbenen den letzten Fahnengruss erweisen.» Eveline Saoud unterrichtet an der Kantonsschule Freudenberg Religion, Kultur und Ethik. Hier werden wohl einige ihrer Erfahrungen mit dem fahrenden Volk einfliessen.

Sind Chilbi und Zirkus systemrelevant? Von Eveline Saoud kommt ein klares Ja: «Für mich sind beide ein wichtiger Teil unserer Volks-Kultur.» Sie seien lebensnotwendig, weil der Mensch die Traumwelten, in die er im Zirkus und auf Märkten eintauchen könne, brauche. Die Gerüche, Lichter und Bilder aus dieser Welt sind für Saoud Spender von purer Lebensfreude.

Für die reformierte Pfarrerin sind Zirkus, Chilbi und Märkte Orte, an denen sich alle Schichten begegnen: Alte und Junge, Arme und Reiche sowie Schweizer und Ausländer.«Welten treffen hier in befruchtender Weise aufeinander. Das ist Kitt für die Gesellschaft», sagt Eveline Saoud.

Text und Bilder: Vera Rütimann, kirchenbote-online


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