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Wirtschaft

20 Jahre Swissair-Grounding

«Die Menschen zeigten sich grosszügig»

14.10.2021
Vor zwanzig Jahren erschütterte das Swissair-Grounding die Schweiz. Unzählige Passagiere sassen fest. Tausende Angestellte standen vor einer ungewissen Zukunft. Mitten im Geschehen stand der damalige Flughafenpfarrer Walter Meier.

20 Jahre Swissair-Grounding. – Walter Meier kann sich gut an den Oktober 2001 erinnern, an die Bilder der aufgereihten Swissair-Maschinen, die am Boden blieben, die überfüllten Abflughallen mit den gestrandeten Passagieren und an die Swissair-Angestellten, die verzweifelt, wütend und ohnmächtig den Untergang des Schweizer Vorzeigeunternehmens verfolgten.

Manche von ihnen suchten damals das Flughafenpfarramt auf. Der Pfarrer teilte ihre Emotionen, ihre Empörung und Hilflosigkeit, auch ihm seien manchmal die Tränen gekommen, erzählt Walter Meier. Die Leute seien bei ihm in der Flughafenkirche gestanden, zeigten ihm ihr leeres Portemonnaie und sagten, sie wüssten nicht, wie sie ihre Kinder in den nächsten Monaten ernähren können. «Und dies kurz vor Weihnachten.»

Zeit der Unsicherheit
Schlimm getroffen habe es neben dem Flugpersonal auch Angestellte der flugnahen Betriebe. Einige verloren ihre Stelle oder wurden später zu viel tieferem Gehalt angestellt. Vielen fehlte der Lohn am Ende des Monats und die Arbeitslosenversicherung zahlte mit Verzögerung. «Die Mitarbeitenden der Swissair konnten später unter der Swiss weiterfliegen», erzählt der Flughafenpfarrer. Für die anderen ging die Zeit der Unsicherheit weiter. Firmen, wie die Swissport und SR Technics, wechselten von einem Besitzer zum nächsten. Die Wirkung des Groundings hielt noch jahrelang an.

Walter Meier begleitete die Angestellten in dieser Zeit über Monate. Um in der Not unbürokratisch zu helfen, gründete das Flughafenpfarramt einen Hilfsfonds. «Die Menschen zeigten sich grosszügig», sagt Meier. Als er in Küsnacht ZH einen Vortrag hielt, schrieb er am Schluss mit Kreide die Angaben des Postkontos an die Tafel. Daraufhin überwies jemand 10'000 Franken.

Einzigartiges Unternehmen
«Die Swissair war eine einzigartige Institution, die von den Leuten geliebt wurde», erinnert sich Walter Meier. «Man war stolz, dort arbeiten zu dürfen. Im Telefonbuch schrieb mancher als Beruf ‘Swissair-Angestellter’.»

Auch Meiers Leben war stark mit dem Flughafen und dem Fliegen verbunden. Als Theologiestudent jobbte er für die Swissair als Steward auf den Flügen. Für Meier wurde das Fliegen zum faszinierenden Erlebnis. Seine erste Pfarrstelle lag in Bülach, unweit des Flughafens Zürich.

1997 baute Meier gemeinsam mit dem katholischen Kollegen Claudio Cimaschi die ökumenische Flughafenseelsorge auf. Nach dem Anschlag von Luxor und den Abstürzen von Halifax, Nassenwil, Bassersdorf und Überlingen betreuten sie mit einem Careteam die Angehörigen der Opfer und organisierten die Abdankungsfeiern. Vor fünf Jahren ging der Flughafenpfarrer in Pension.

Heute engagiert sich Walter Meier bei den Anlässen der Swissair-Pensionierten und Swissair-Oldies. Er hilft beim Apéro und zapft den Hopfentrank im «Bierstübli». Die Stimmung ist gut, man schwelgt in den Erinnerungen an die schönen Zeiten. Manchmal kommt der eine oder andere auf den Pfarrer zu und sagt: «Du hast hoffentlich nicht vergessen, dass du mir versprochen hast, meine Beerdigung zu halten.»

Ur- und Gottvertrauen
Hat das Grounding Meiers Vertrauen in die Wirtschaft erschüttert? Insbesondere die Politiker und Politikerinnen hätten ihn damals enttäuscht, meint der Flughafenpfarrer. Er sei ein kritischer Mensch und habe mehr Vertrauen ins Leben als in Personen. «Das Gott- oder Urvertrauen hat mir in all den schwierigen Situationen geholfen, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.» Meier steht auf und zeigt auf den ausladenden Unterländer-Rokoko-Schrank, den ihm seine Grossmutter hinterlassen hat. «Mein Hüter und Hirte ist Gott der Herr und darum fürchte ich nicht, dass mir etwas gewere», lautet der Spruch, der den Kranz des Kastens ziert.

Als Flughafenpfarrer hatte Meier Kontakt zur Teppichetage des Swissair-Konzerns. Die Manager zeigten sich offen für die Anliegen der Flughafenseelsorge, auch wenn etwa Philippe Bruggisser, Präsident der Konzernleitung, Meiers Einladung zum Kaffee aus Zeitnot jeweils ausschlug. Gram ist Meier dem Swissair-Management nicht. «Nach dem Nein zum EWR-Beitritt wurde es für die Schweizer Luftfahrt schwierig», sagt er. Mit der Hunter-Strategie und dem Verbund mit anderen Fluggesellschaften ergriff man die Flucht nach vorne. Vergebens, es folgte das Grounding und die Entlassung der Konzernleitung. Just nach Bruggissers Abtritt traf ihn Walter Meier im Flughafen. Diesmal hatte der Swissair-Chef Zeit für eine Tasse Kaffee.

Tilmann Zuber, kirchenbote-online.ch


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