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Gesellschaft

Glauben und Wissenschaft

19.10.2021
Martin Zimmermann, der Organist in der reformierten Kirche in Mitlödi, schreibt über die Unterscheidung von Glauben und Wissenschaft.

«Auf allen Bergen und auf jedem hohen Hügel irren meine Schafe umher, über das ganze Land sind meine Schafe zerstreut.» Ezechiel 34,6

Viele Menschen machen sich Sorgen um unser Zusammenleben in der Pandemie. Eine Spaltung der Gesellschaft sei im Gang. In meinem persönlichen Umfeld sehe ich weniger eine Spaltung. Zahlreiche Freunde und Bekannte fühlen sich keinem Lager zugehörig, sondern finden sich irgendwo zwischen drin. Oder sie bekunden grundsätzlich Mühe, sich in der Meinungsvielfalt zu orientieren. Wie konnte es zu dieser Zerstreuung kommen? 

Die Pandemie hat uns an einem wunden Punkt erwischt. Obwohl Fachleute fleissig geforscht und Hunderte von Studien zu Virus, Infektion und Impfungen veröffentlicht haben, bleiben drängende medizinische Fragen unbeantwortet. Fragen, die auch uns beschäftigen. Klare Antworten, die wir uns sehnlich wünschen, um zu wissen woran wir sind, bleiben aus. Die Wahrheit in markigen Worten – einem Ja oder einem Nein etwa – liefern die Wissenschaften nicht. Dieses Unwissen oder Nicht-Wissen scheint uns zu verunsichern oder gar zu quälen. 

Wo Unwissen herrscht, spriesst der Glaube. Diese Erkenntnis zieht sich wie ein Naturgesetz durch die Menschheitsgeschichte. Und so bietet sich unsere Unwissenheit in der Pandemie als prächtiger Nährboden für Glaubensfragen an: Im Internet und in den sozialen Medien finden sich genügend Beiträge, die uns im persönlichen Glauben über medizinische Fragen bestätigen können. Es sind Stimmen, die Klartext sprechen, Menschen, die in Videosequenzen die medizinische Wahrheit verkünden, eloquenten Predigern auf der Kanzel gleichsam. Sogar Hass gegen Andersdenkende, Beschimpfungen und Bedrohungen bleiben nicht aus – die hässliche und aus christlicher Sicht grundfalsche Seite von Glauben. 

Diese Tendenzen sind gefährlich. Die Medizin ist eine Wissenschaft. Sie versucht auf sachlich-nüchterne Weise, erhobene Daten im Spiegel des vorhandenen Wissens und nach den Gesetzen der Logik zu interpretieren und daraus neue Erkenntnisse – Fakten – zu gewinnen. Diese Fakten sind nie endgültig, sie können aufgrund neuer Erkenntnisse jederzeit Anpassungen erfahren. Darum wird ein seriöser Wissenschafter nie die Wahrheit für sich beanspruchen. 

Glaube und Wissen: Beide haben ihren Sinn im Menschendasein. Ich meine, wir sollten sie in diesen Zeiten klar unterscheiden. Wir müssen akzeptieren und aushalten, dass in der Wissenschaft bisweilen Fragen offenbleiben. Und wir können dankbar erkennen, dass der Glaube für die grossen Fragen und Geheimnisse des Lebens da ist, die keine Wissenschaft je beantworten oder lüften kann.

 

 


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