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Gesellschaft, Wirtschaft, Religionen

Leben für alle statt auf Kosten anderer

23.02.2016
KIRCHENBOTE SG. In den Religionen wird vor Habgier und Anhäufung von Gütern gewarnt. Dies gilt auch für unseren christlichen Glauben. Schon zu Zeiten der Entstehung der alttestamentlichen Schriften fand nämlich ein reger Welthandel statt.

Das zeigt anschaulich das Buch Ezechiel (Kapitel 27 und 28). Die Handelsgüter und -wege der Welthandelsstadt Tyrus sind ausführlich beschrieben. Im Mittelpunkt hält das Königshaus von Tyrus die Fäden in der Hand. Und wie von multinationalen Unternehmen heute, wird damals von ihnen die Macht missbraucht. Der Prophet kritisiert: «Darum – so spricht Gott der Herr: Weil du im Herzen geglaubt hast, dass du wie Gott bist, darum schicke ich Fremde gegen dich, tyrannische Völker. (…) Durch deinen ausgedehnten Handel warst du erfüllt von Gewalttat, in Sünde bist du gefallen» (Ez 28, 6. 16). Welthandel wird in der Bibel wohl geduldet, aber durch die Propheten in Schranken gewiesen. Machtmissbrauch und Götzendienst (Ez 28, 6), Ausbeutung und Gewalt (Ez 28, 16f; Joel 4, 5), Menschenhandel (Joel 4, 6; Am 1, 9) oder Vorenthaltung des Lohns (Jak 5, 4) werden nachdrücklich verworfen. Wenn heute ein multinationaler Konzern wie zum Beispiel Glencore rund um die Kupferminen im Süden Perus mit seiner Macht auftritt wie Gott und zur Gewalt gegen Kritikerinnen und Kritiker schweigt, sind wir als Gläubige herausgefordert, diesem Konzern die biblischen Schranken zu zeigen. Es gilt, prophetische Zeichen gegen ihn zu setzen.

Gottesdienst statt Götzendienst

Macht missbrauchen oder sich unter Menschen aufführen wie ein Gott, ist kein gottgefälliges Verhalten. Richtig ist genau das Gegenteil: sich mit den Ohnmächtigen solidarisieren. Im Buch Jeremia wird dies in der Drohrede gegen Jojakim auf den Punkt gebracht: «Bist du König geworden, um mit Zedern zu prunken? Hat dein Vater nicht auch gegessen und getrunken, dabei aber für Recht und Gerechtigkeit gesorgt? Und es ging ihm gut. Den Schwachen und Armen verhalf er zum Recht. Heisst nicht das, mich wirklich erkennen?» (Jer 22, 15f).

Als Alternative zu Götzendienst und Machtmissbrauch in der Wirtschaft erscheint in den Prophetenbüchern das Modell des wahren Gottesdienstes. Amos beschreibt es so: «Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach» (Am 5, 23f). Jesus schliesst sich dieser prophetischen Tradition an und identifiziert sich in der Rede vom letzten Gericht mit all jenen, denen dieser wahre Gottesdienst gilt: «Was immer ihr an einem meiner Brüder zu tun versäumt habt – und wäre er noch so gering geachtet gewesen –, das habt ihr mir gegenüber versäumt» (Mt 25, 45). Der biblische Gott, auch in der Person von Jesus, steht eindeutig auf der Seite der Armen und Unterdrückten. Die Gemeinde, die ihm nachfolgen will, ist deshalb auf diesen Weg gerufen.

Fette und magere Schafe

Die Verpflichtung, den Armen und Geringsten zum Recht zu verhelfen, betrifft nicht nur Vorgesetzte, sondern alle. In der Parabel vom guten Hirten befasst sich Ezechiel neben den schlechten Hirtinnen und Hirten des Volkes ­Israel auch mit den Schafen: «Ihr aber, meine Herde – so spricht Gott der Herr –, ich sorge für Recht zwischen Schafen und Schafen, zwischen Widdern und Böcken. War es nicht genug, auf der besten Weide zu weiden? Musstet ihr auch noch euer übriges Weideland mit euren Füssen zertrampeln? War es euch nicht genug, das klare Wasser zu trinken? Musstet ihr den Rest des Wassers mit euren Füssen verschmutzen? (…) Darum – so spricht Gott, der Herr zu euch: Ich selbst sorge für Recht zwischen den fetten und mageren Schafen» (Ez 34, 17–20). Wenn wir multinationale Konzerne einfach gewähren lassen, werden wir zu fetten Schafen. Es genügt uns offenbar nicht, Gold und Metalle für unsere Konsumgüter aus den Böden der Armen herauszuholen oder dort das Futter für unsere Tiere produzieren zu lassen, wir machen zugleich das Land für die dort Bedürftigen unbrauchbar und vergiften ihr Wasser. Prophetisch betrachtet dürfen wir dies nicht gestatten. Wir sind vielmehr verpflichtet, uns konkret für gerechte Verhältnisse zwischen den mageren und fetten Schafen zu engagieren, indem wir den Konzernen Grenzen setzen.

Mitgeschöpflichkeit und Mitverantwortung

Ein wichtiger Grundwert für die ethische Beurteilung wirtschaftlicher Aktivitäten ist die Menschenwürde. Menschenwürde ist unveräusserlich und steht jeder und jedem Einzelnen zu. Für die theologische Ethik ist sie besonders in der Gottebenbildlichkeit des Menschen (Gen 1, 26f) begründet. Es gibt zugleich eine unveräusserliche Würde der Mitgeschöpfe, welche in der Bundestheologie, im Bund Gottes mit allen lebenden Wesen (Gen 9, 9–11), verankert ist. In der Schöpfungstheologie wird deshalb von einer Mitgeschöpflichkeit des Menschen gesprochen, welche den Menschen als Geschöpf unter anderen begrenzt. Die Betonung der Mitgeschöpflichkeit als einendes Band zwischen allen Kreaturen verbietet die Überheblichkeit des Menschen. Aus dieser Mitgeschöpflichkeit geht eine dreifache Verantwortung aller Menschen hervor: Verantwortung jeder und jedes Einzelnen für die Schöpfung, Verantwortung vor Gott als Schöpfungskraft, die uns die Welt anvertraut hat, und Verantwortung jeder und jedes Einzelnen vor den anderen Menschen, da die Natur die Lebensgrundlage aller Menschen ist.

«Dieses Konzept des ‹gut leben› setzen indigene Traditionen in den Anden an die Stelle von ‹besser leben›.»  

 

Die Verantwortung vor Gott, für die Schöpfung und vor anderen Menschen übersteigt aber unsere je eigene Verantwortung. Es handelt sich auch um eine Verantwortung von Institutionen, Organisationen und Unternehmen. Zugleich ist jede und jeder Einzelne von uns mitverant- wortlich für multinationale Konzerne. Als Mitverantwortliche vor Gott, für die Schöpfung und vor anderen Menschen sind wir alle dazu verpflichtet, die Verantwortung dieser Konzerne nicht ihnen selber zu überlassen. Besser ist, sie mittels Kriterien wie zum Beispiel einer verbindlichen Sorgfaltspflicht oder einer Rechenschaftsablage einzufordern. Das gilt vor allem bei Konzernen mit einer starken Machtpo- sition. Achtsamkeit und Sorge stärken Sorgfalt heisst auf Portugiesisch «cuidado». Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff umschreibt diesen mehrdeutigen Begriff mit Achtsamkeit und Sorge. Im Blick auf die Gefährdung unserer Mutter Erde schlägt er eine Ethik der Achtsamkeit und Sorge vor. «Die Ethik der Achtsamkeit schützt, fördert, heilt und beugt vor. Ihrer Natur nach ist sie nicht aggressiv, und wenn sie in die Wirklichkeit eingreift, dann so, dass sie die guten oder schlechten Folgen dieses Tuns in Betracht zieht.» Sorge ist ein bedeutendes Wesensmerkmal unseres Mensch-Seins, ohne diese Fähigkeit wären wir gar nicht menschlich. «Die Sorge nimmt sich vorweg der zukünftigen Schädigungen an und heilt die vergangenen.» Vorsorge und Heilung sind zwei Verhaltensweisen, die den grossen Konzernen beim Rennen um Profit noch weitgehend fremd sind. Umso wichtiger ist es, dass wir sie dazu verpflichten.

Gutes statt besseres Leben

Zur Ethik der Achtsamkeit und Sorge gehören die Tugenden der Selbstbeschränkung und des rechten Masses. Davon hängen die Zukunft des Lebens und der Menschheit ab. Selbstbeschränkung und rechtes Mass sind auch Ausdrucksformen des «buen vivir». Dieses Konzept des «gut leben» setzen indigene Traditionen in den Anden an die Stelle von «besser leben». «Gut leben» fügt die Menschen ein in eine irdische Gemeinschaft, die auch Luft, Wasser, Böden, Berge, Bäume, Tiere usw. umfasst. «Gut leben» heisst, im Leben einen Weg des Gleichgewichts zu suchen und in tiefer Gemeinschaft mit der Mutter Erde, mit den Energien des Universums und mit Gott zu leben. Mit den gängigen Praktiken der multinationalen Konzerne dagegen leben wir besser, auf Kosten von anderen. Nur wenn es uns gelingt, diese in Schranken zu weisen, erreichen wir, dass wir gut leben für alle, anstatt dass wir besser leben auf Kosten anderer.

Text: Jules Rampini-Stadelmann, Bergbauer und Theologe, Luthern | Bild: Brot für alle / Fastenopfer, Kirchenbote SG, Februar 2016

 

Zur Person

Jules Rampini

Theologe, Entwicklungsarbeiter, Bio-Bergbauer

Erst studierte Jules Rampini in Freiburg katholische Theologie, dann arbeitete er im Sozialbereich einer reformierten Kirchgemeinde in Bern. Seine Weltoffenheit wurde auch durch die Diskussionen mit seinem Onkel Al Imfeld geprägt. Neun Jahre Sozialeinsatz für die Bethlehem Mission Immensee in Peru u.a. mit Strassenkindern in Lima und Jaén folgten. Geprägt haben ihn die Einfachheit, dass sich auch mit weniger gut leben lässt, und die Bindung an «Mutter Erde – Pachamama».  Seit 2002 bewirtschaften Rampini und die Familie mit drei Kindern den elterlichen Hof im Napfgebiet auf 800 Metern. Daneben ist Rampini im Teilpensum Pastoralassistent in Luthern und Ufhusen. 


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