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Religionen

Muhammad – Ein Leben zwischen Offenbarung und Feldzügen

In nur zwanzig Jahren hat der Prophet Muhammad kraft seiner Offenbarungen nicht nur die Arabische Halbinsel unter dem einen Gott Allah geeint, sondern mit dem Islam eine Religion in die Welt gebracht. Wer war Muhammad, was ist Islam? – Der Theologe und Autor Frank Jehle versucht, darauf zu antworten.

Politische Macht ist für eine Glaubensgemeinde und ihre Träger immer auch eine Gefahr. Die Aufgabe, über Muhammad zu schreiben, ist heute ausgesprochen heikel. Die Atmosphäre ist vergiftet. Fast jeden Tag erreichen uns Schreckensnachrichten aus der muslimischen Welt – Entführungen, öffentliche Hinrichtungen usw. Die Gefahr ist gross, dass die sachliche Nüchternheit oder die nüchterne Sachlichkeit verloren geht. Vielleicht hilft die Erinnerung an Johannes 8, 7: «Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein […]!»
Wenn wir die Christentumsgeschichte überblicken, nehmen wir wahr, dass die Botschaft Jesu von ihren Anhängern häufig missbraucht und verdunkelt worden ist. Man denke an Ketzerverbrennungen, Hexenprozesse oder an das Segnen von Kanonen. Manche haben noch nicht vergessen, wie erst vor wenigen Jahrzehnten Protestanten und Katholiken in Nordirland grausam gegeneinander kämpften. 
Und etwas anderes, das zur Sachlichkeit beitragen kann: Die muslimische Welt ist gross und mannigfaltig. Es gibt beträchtliche Unterschiede zwischen den Verhältnissen in Marokko, Jordanien, Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan und Indonesien. Oft wird übersehen, dass es vor allem Musliminnen und Muslime sind, die Opfer des Islamismus werden. Millionen von Angehörigen des Islams (auch bei uns in Europa) gehen absolut friedlich ihren Alltagsbeschäftigungen nach und sind froh, wenn man ihnen nichts antut. 


«Politische Macht ist für eine Glaubensgemeinde und ihre Träger immer auch eine Gefahr.»


Den Monotheismus neu offenbart

Der Islam geht auf den Propheten Muhammad zurück, der 570 bis 632 in Arabien lebte. Bemerkenswert ist seine Biografie. Er stammte aus einer vornehmen Familie in Mekka, war aber vergleichsweise arm. Im Dienst der begüterten Kaufmannswitwe Chadidscha kam er auf Geschäftsreisen weit herum. Man darf sich ausmalen, dass er jeweils am Lagerfeuer in der Karawanserei mit ganz verschiedenen Menschen ins Gespräch kam. Er lernte Juden, Christen und Parsen kennen, die ihm viel von ihrer je verschiedenen Religion erzählten. Es kommt nicht von ungefähr, dass Abraham, Mose und Jesus im Koran, der heiligen Schrift des Islams, eine bedeutende Rolle spielen. Nicht nur das Neue Testament, sondern auch der Koran erzählt davon, dass Jesus als Sohn der Jungfrau Maria geboren wurde. Der Koran spricht überhaupt mit Hochachtung von Jesus, auch wenn er in Übereinstimmung mit gewissen christlichen Sekten, die zur Zeit Muhammads im Orient verbreitet waren, nichts davon wissen will, dass Jesus an einem Kreuz gestorben sei. Im Islam stellt man sich vor, Gott habe ihn vor diesem schrecklichen Ereignis in die himmlische Welt entrückt. An seiner Stelle sei ein anderer getötet worden. Am Ende der Zeit werde er vom Himmel her wieder bei uns erscheinen. 



Muhammads Berufung zum Propheten
Doch ich habe vorgegriffen! Im Alter von rund vierzig Jahren wurde Muhammad zum Propheten berufen. Kein vernünftiger Religionswissenschafter bestreitet heute, dass es ein tiefes und echtes Erlebnis war. Das Leben Muhammads wurde völlig auf den Kopf gestellt – ähnlich wie bei den Propheten im Alten Testament. Unterstützt von Chadidscha, mit der er inzwischen verheiratet war und in einer echten Liebesehe lebte (zusammen hatten sie die Tochter Fatima), trat er in Mekka als Bussprediger auf (ähnlich wie Johannes der Täufer im Neuen Testament). Er rief seine Landsleute zur Umkehr auf, warnte sie vor dem Jüngsten Gericht und appellierte an ihre soziale Verantwortung: «Wahrlich, Allah befiehlt nur Gerechtigkeit und das Gute und Freigebigkeit gegen Verwandte, und er verbietet eine jede Schlechtigkeit und Ungerechtigkeit und allen offenbaren Zwang. Er ermahnt euch, damit ihr eingedenk sein mögt.» (Sure 16, 90.) Dieser Abschnitt aus dem Koran ist für Muhammads Wirken typisch. 
Wenn man den Islam mit dem Christentum vergleicht, macht man oft den Fehler, dass man Muhammad neben Jesus stellt. Das ergibt ein schiefes Bild. Jesus ist nach dem Bekenntnis des christlichen Glaubens das Wort Gottes, das Fleisch geworden ist (Johannes 1, 14). Muhammad ist nach der Sicht des Islams aber nicht das Wort Gottes selbst, sondern er verkündigt dieses Wort. Anders als im Neuen Testament ist die «Heilige Nacht» des Islams nicht die Nacht der Geburt des Propheten, sondern die Nacht, in der der Koran vom Himmel auf die Erde herniederstieg: «Siehe, WIR liessen IHN niedersteigen zur Herrlichen Nacht. / Diese herrliche Nacht ist besser als tausend Monde. / Da stiegen die Engel herab und der Geist / auf ihres Herrn Geheiss mit der Ganzheit des Wortes. / Heilbringend war sie bis zum Aufstieg des Morgenrots.» (Sure 97) Anders als Jesus ist Muhammad nicht das Heil selbst, sondern dessen Verkünder. 


 «Weit mehr als in irgendeiner anderen Religion ist der Islam die Schöpfung eines Einzelnen.»  

Muhammad als Heerführer

In den ersten Jahren seines Wirkens gelang es Muhammad nur, einen kleinen Kreis von Getreuen um sich zu scharen. Im Jahr 622 (dem Beginn der islamischen Zeitrechnung) wanderte er angefeindet und enttäuscht über das geringe Echo, das er in seiner Vaterstadt gefunden hatte, nach der 440 Kilometer entfernten Oase Jathrib aus, dem heutigen Medina (d. h. einfach «die Stadt»). Und hier kam es zum grossen Durchbruch. Muhammad hatte Erfolg, und sieben Jahre später gelang es ihm, auch Mekka zu erobern, das sich zum Zentrum seiner Bewegung entwickelte. 632 starb Muhammad unerwartet in Medina. Er und seine Gefährten hatten inzwischen fast die ganze Arabische Halbinsel ihrer Herrschaft unterworfen. 
Manche haben darüber diskutiert, ob Muhammads Biografie nicht widersprüchlich ist – zuerst der tiefe religiöse Ernst und dann eine Grossmachtpolitik, bei der Kriege geführt werden; zuerst Aufrufe zur Toleranz und dann Gewaltanwendung gegenüber Andersgläubigen, vor allem gegenüber Juden. Vielleicht ist es hilfreich, nach Vergleichbarem in der Geschichte des Christentums zu suchen. Eine der engsten Parallelen – jedenfalls bei uns in der Schweiz – dürfte die Erinnerung an Zwingli sein: Ursprünglich betrieb er entschieden eine Friedenspolitik und bekämpfte die Reisläuferei. Als seine Anliegen einer Kirchenreformation auf Grenzen stiessen (besonders die Innerschweiz wollte sich nicht anschliessen), entwarf er Kriegspläne und starb 1531 in der Schlacht bei Kappel. 
Der Zürcher Professor für Altes Testament und allgemeine Religionsgeschichte Hans Wildberger (1910–1986) sprach in diesem Zusammenhang von einem «rätselhaften und faszinierenden» Problem: In Mekka sei Muhammad «der unerbittliche Warner im Blick auf das Endgericht» gewesen, in Medina «der anpassungsfähige politische Führer und der weitblickende Organisator der Gemeinde». «Dort der Bussprediger, der unter seiner Erfolglosigkeit leidet, hier das Oberhaupt einer religiös-politischen Gemeinschaft, dem Erfolg auf Erfolg in den Schoss fiel. Dort ein Mann, der so von seiner Sendung erfüllt ist, dass man ihn als Schwärmer betrachtet, hier ein Politiker und ‹Lehrer der Kirche› zugleich, der geschickt heikle Fragen des Alltags meistert und weltklug und in weitem Rahmen planend seine Entscheidungen fällt.
Liegt hier nicht ein harter Bruch in der Persönlichkeit Muhammads vor? Hat er gar – das meinen manche tatsächlich – seine religiöse Sendung verraten? Vieles erklärt die neue Situation. Es sind zwei Dinge: In Opposition gegen eine Gemeinschaft stehen. Oder selbst die Verantwortung für ihr Gedeihen tragen müssen. Es ist auch heute zweierlei: Religiöse oder auch politisch-soziale Programme aufstellen, oder sie in der harten Wirklichkeit des Alltags durchsetzen müssen. Ohne Flexibilität und ohne Kompromisse geht es nicht, und es ist ungerecht, allzu rasch von Verrat zu reden.» Kompromisse und Konzessionen seien wohl nötig geworden. Aber – so immer noch Wildberger –, ob das alles erkläre? «Vielleicht doch nicht: Politische Macht ist für eine Glaubensgemeinde und ihre Träger immer auch eine Gefahr.»

Islam – Schöpfung eines Einzelnen

Es sind dies Sätze aus einer der letzten Vorlesungen Wildbergers im Jahr 1978. Weiter sagte er damals: «Die vielen Reformen rechtlicher und sozialer Art, die Muhammad durchsetzte, bedeuteten für Arabien einen  grossen und wichtigen Fortschritt. Eine Erziehungsarbeit hat ihren Anfang genommen, die das Antlitz eines grossen Teils der Menschheit bis zum heutigen Tag prägt. Weit mehr als in irgendeiner andern Religion ist der Islam die Schöpfung eines Einzelnen, der ungeheure Impulse zu vermitteln vermochte – umso erstaunlicher, als das alles in zwanzig Jahren erreicht worden ist. – Letztlich ist dieses Geheimnis des Werdens und Aufstiegs nicht zu lüften. Man darf vermuten, dass die Zeit erfüllt war.»
Und Wildberger schloss seine Ausführungen mit den Worten: «Wir sind nicht hier, um Polemik zu betreiben, sondern um zu erkennen: Der Islam ist eine lebendige geistige Macht, angesichts derer wir gut daran tun, uns fragen zu lassen, was wir denn an Besserem, Lebendigerem, zu bieten haben.»

Frank Jehle


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