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Kirche, Politik

Prophetisches Wächteramt

Der Kirche kann das Wohl der Menschen, Völker und Nationen nicht egal sein – wie das gemäss Bibel auch Gott nicht egal ist.

Glaube gilt bei uns als Privatsache. Staat und Kirche sind mehr oder weniger getrennt. Der Staat sorgt dafür, dass die Verwaltung der Kirchen modernen demokratischen Grundsätzen genügt, und gibt ihnen dafür die öffentliche-rechtliche Anerkennung. Folgt daraus, dass sich die Kirchen unpolitisch verhalten müssen? Geht es uns als Kirchenmitglieder nichts an, was ausserhalb der Kirche geschieht? Ist Glaube wirklich Privatsache?


Ein Blick in die Bibel
In der Bibel kommt das ganze menschliche Leben in den Blick: religiöse Riten und Feste, Gerechtigkeit im Umgang mit den Mitmenschen, Fürsorge für die Armen, wirtschaftliches Handeln. Im 2., 3. und 5. Buch Mose gibt es eine Menge Vorschriften dazu. Die Sozialgesetz­gebung nimmt einen breiten Raum ein. Diese Gebote gibt Gott den Israeliten, die er aus der Knechtschaft in Ägypten befreit hat. Sie dienen dazu, ein Leben als von Gott Befreite zu führen.

Viele dieser Vorschriften und Gebote können heute nicht wörtlich umgesetzt werden. Wir haben eine ganz andere Staats- und Wirtschaftsform als damals. Rechtspflege und Armenfürsorge haben sich weiterentwickelt. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen einfliessen. Aber diese Vorschriften und Gebote sind für uns als Einzelne wie als Kirche ein Impuls, dass der Glaube unser ganzes Leben umfasst. Dazu gehört auch die Politik – erst recht in einer Demokratie, in der sich alle politisch einbringen können.

Grundlinien
Um die biblischen Impulse für unsere Zeit fruchtbar zu machen, müssen wir nach den biblischen Grundaussagen und Schlüsselstellen fragen. Zentrale Aussagen über Gott finden wir bei der Dornbuschszene und im Johannesevangelium. Aus dem Dornbusch sagt Gott zu Mose: «Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihr Schreien über ihre Antreiber habe ich gehört, ich kenne seine Schmerzen. So bin ich herabgestiegen, um es aus der Hand Ägyptens zu erretten …» (Ex 3, 7–8). Jesus sagt zu Nikodemus: «So sehr hat Gott die Welt geliebt …» (Joh 3, 16)

«In der Bibel kommt das ganze menschliche Leben in den Blick: religiöse Riten und Feste, Gerechtigkeit und Umgang mit den Mitmenschen, Fürsorge für die Armen, wirtschaftliches Handeln.»

Jesus hat genau das gelebt: Er sah die Menschen, die litten und seine Hilfe brauchten. Er hörte, wenn jemand um Heilung und Rettung schrie. Er ging auf die Menschen zu, die ausgeschlossen waren, und holte sie in die Gemeinschaft mit Gott hinein. Er teilte mit hungrigen Leuten Brot und Fische und liess alle satt werden. Er verkündete das Reich Gottes, das am Kommen ist, und liess es schon jetzt für die Menschen erfahrbar werden. Er verkörperte die Liebe Gottes zur Welt. Es war eine Gegenkraft der Macht- und Gewaltlosen gegen das Römische Reich, das den «Frieden» mit militärischer Gewalt durchsetzte.

Leonhard Ragaz fasst die Grundlinie der Bibel so zusammen: «die Botschaft vom Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit für die Erde».

Gott solidarisiert sich mit der Welt in ihrem Leiden. Er solidarisiert sich mit denen, die leiden, mit den Armen, den Hungernden, den Ausgeschlossenen, den Hoffnungslosen. Wo Gott Einfluss nimmt, reicht es für alle. Da geht niemand leer aus. Die Welt mit ihrer Ungerechtigkeit und ihrem Unfrieden verändert sich. Ein Leben in Fülle als Geschenk Gottes ist verheissen, Gerechtigkeit und Frieden.

Konkretes Tun

Der Mensch, der im Ebenbild Gottes erschaffen wurde (Gen 1, 27), soll sich Gott als Vorbild nehmen. Deshalb nimmt die Sozialgesetzgebung einen breiten Raum ein. Der Ruf, auch die Armen gerecht zu behandeln und sich nicht durch Unrecht an ihnen zu bereichern, ertönt in den Vorschriften, durchzieht aber auch die Botschaft der Propheten, v. a. bei Jesaja und Amos.

Konkretes Handeln wird von Nehemia berichtet. Nehemia gehörte zu einer judäischen Familie, deren Vorfahren von den Babyloniern verschleppt wurden. Unter der Herrschaft der Perser ging Nehemia nach Jerusalem und organisierte dort den Wiederaufbau der beschädigten Mauer. Viele Einheimische mussten ihr Land und ihre Häuser verpfänden, um die Abgaben an den persischen König zu bezahlen und um Getreide zu kaufen in einer Zeit von Hungersnot. Ihre Existenz war bedroht. Nehemia hörte auf ihre Hilferufe, kritisierte den Wucher, der betrieben wurde, und organisierte einen Schulden­erlass. Er selber verzichtete ebenfalls auf die Rückforderung geliehener Gelder. Nehemia handelte politisch aus dem Glauben heraus (Neh 5).

«Das politische Handeln beginnt in den Predigten, die aufgrund der biblischen Botschaft die heutige Zeit in den Blick nehmen.»

Zwingli ging noch einen Schritt weiter. Er führte im Jahr 1525 mit dem Mushafen, der täglichen warmen Mahlzeit für die Armen, die Almosenordnung ein. Damit wurde auch die Stadt dazu verpflichtet, dem Elend entgegenzuwirken. Die Pflicht zur Versorgung der Armen und Kranken lastete nicht mehr nur auf den Schultern der Kirche. Der Grundstein für das heutige staatliche
Sozialwesen war dadurch gelegt.

Für Dietrich Bonhoeffer lebt der christliche Glaube aus einem Tun, das den bedrohten Nächsten schützt und rettet. Deshalb setzte er sich gegen das Naziregime und für die Rettung der bedrohten und verfolgten Juden ein. Die Bekennende Kirche, die aus Angst vor politischer Einmischung und deren Folgen sich fast nur noch mit liturgischen Erneuerungen beschäftigte, rüttelte er mit folgenden Worten auf: «Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.» Bonhoeffer war auch bereit, zusammen mit Leuten gegen Hitler vorzugehen, die nicht kirchlich oder religiös motiviert waren, aber dasselbe Ethos wie er hatten. 

Heutige Herausforderungen
Nach wie vor aktuell sind soziale Fragen. Seit der ersten Generation der Christen ist das diakonische Handeln für die Bedürftigen ein zentrales Anliegen der Kirche. Sie nimmt damit das Wort Jesu ernst: «Was ihr einem dieser meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan.» (Mt 25, 40)

Heute hat die Kirche noch mehr Möglichkeiten, ihr prophetisches Wächteramt wahrzunehmen. Als kirchliche Behörde und als Kirchenmitglieder müssen wir politisch aktiv werden, wo es Not tut. Wir müssen hinsehen und hinhören. Wo werden Menschen ausgegrenzt, weil sie Ausländer, Flüchtlinge, Kranke, Behinderte, Sozialhilfeabhängige, Alleinerziehende, Ausgesteuerte sind? Welche Minderheiten werden pauschal verurteilt und damit an den Rand gedrängt? Wo führen Gesetze zu neuen Ungerechtigkeiten und verschärfen die Ausgrenzung? Wie sieht Gerechtigkeit, auch in finanziellen Fragen wie z. B. Steuern oder soziale Unterstützung, konkret aus? Der Befreiungstheologe Urs Eigenmann schlägt dazu eine Reich-Gottes-Verträglichkeitsprüfung für gesellschaftliche Verhältnisse vor. 

Konkrete Abstimmungsempfehlungen sind auf der Kanzel fehl am Platz
Das politische Handeln beginnt in den Predigten, die aufgrund der biblischen Botschaft die heutige Zeit in den Blick nehmen. Das braucht eine sorgfältige Bibelauslegung mit guten Kenntnissen der damaligen Zeit sowie eine vertiefte Wahrnehmung, was gesellschaftlich und politisch läuft. Aber konkrete Abstimmungs- und Wahlempfehlungen sind auf der Kanzel fehl am Platz. Wenn überhaupt, gehören sie in eine Gesprächsrunde, in denen sich alle Anwesenden äussern können. Bei vielen Fragen ist die biblische Sicht nicht immer so klar. Hier gilt es, die Argumente gegeneinander abzuwägen.
Zum politischen Handeln gehören auch die Kontakte von kirchlichen mit politischen Behörden. So kann schon früh die Sicht aus dem Glauben eingebracht werden. Öffentliche Verlautbarungen der Kirche zum Schutz der Benachteiligten sind eine wichtige Stimme im Chor der Meinungen.

Besondere Herausforderungen stellt die Globalisierung dar. Die Macht verschiebt sich von der Politik zu internationalen Konzernen.
Wie soll die Kirche darauf reagieren? Die Kirche muss sich auch politisch engagieren, weil Gott die Welt liebt.

 Text: lic. theol. und Dr. sc. nat. ETH Eva B. Keller, Uetliburg | Bilder: Lika Nüssli  – Kirchenbote SG, Januar 2016


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Samstag, 23. Februar 2019, 20 Uhr, in der evang. Kirche in Teufen
Sonntag, 10. März 2019, 17 Uhr, Kirche St. Maria Neudorf, St. Gallen
Samstag,15. Juni 2019, 20 Uhr, Grossmünster, Zürich
Sonntag, 23. Juni 2019, 17 Uhr, Lukaskirche, Luzern