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Politik

«Menschen lösen sich nicht auf»

Nur ein Teil der in der Schweiz ankommenden Flüchtlinge kann bleiben. Bei negativem Asyl­entscheid gehen einige freiwillig, andere tauchen unter oder gelangen je nach Situation in ein Ausschaffungsgefängnis — oft auch nur Zwischenstation einer langen Odyssee.

So fühlt er sich also an, dieser Ort zwischen Inland und Ausland: Kühl – obwohl beheizt, dunkel – obschon beleuchtet, einsam – obwohl hier Menschen leben. Auch der kleine Spazierhof ist von Mauern umschlossen. Darüber ein massives Stahlgitter, wie ein Käfig. Schwer auszuhalten, obwohl alles korrekt ist.

Jussa* lebt hier, vorübergehend, unterwegs seit sieben Jahren. Mit 18 hat er sein Zuhause verloren. Immer zog er weiter. Er erinnert sich stockend. Aus einem Dorf im Norden Nigerias stammt er, Provinz Bauchi, wo seit 2001 die Scharia in Kraft ist. Einer Pfingstkirche gehörte er an, feierte enthusiastische Gottesdienste. Bis der Terror von Boko Haram kam. Es gab Tote. Auch in seiner Familie. «Wie konnte ich dort noch leben?»

Illegaler Höllentrip
Er machte sich auf den Weg nach Norden, erreichte Agadez im Niger, das legendäre Nadel­öhr für schwarzafrikanische Migranten auf dem Weg nach Europa. Hier schlug er sich ein Jahr lang als Lastenträger auf Märkten durch. Dann hatte er die 300 Franken beisammen für die fast 2000 Kilometer lange Passage durch die Wüste.

Es war ein Höllentrip auf dem offenen Pritschenwagen. Nur wer sich sichert, kann hoffen, nicht runterzufallen. Nur wer genügend Wasser dabei hat, darf hoffen, nicht zu verdursten. Nach vier Tagen in der Sahara war die Tortur vorbei und Sabha hinter der libyschen Grenze erreicht. Nach zwei Jahren in Tripolis brachten die Wirren des libyschen Bürgerkrieges erneut Chaos. Er sagt nichts zur Überfahrt durchs Mittelmeer. «Aber ich habe überlebt.»

Endlosschlaufe durch Europa
In Italien wurde er als Asylbewerber registriert. Mehr nicht. Er hielt sich als Tagelöhner über Wasser, lebte in einem Haus ohne Heizung. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus, ging nach Mailand, schliesslich nach Chiasso. Ein DublinFall. Juristisch ist der Fall klar: Wer in einem sicheren Land registriert ist, dessen Asylantrag muss dort entschieden werden. Europaweit werden Migranten darum in Erstaufnahme-Länder zurückgeschickt, im Glauben, dort laufe ein Asylverfahren. Humanrights-Watch kritisiert, dass so Tausende in einer Endlosschleife herumzirkulieren.
Auch Jussa reiste schon freiwillig zurück nach Italien, fand aber keine Dienststelle, die sein Asylgesuch ernsthaft behandelt hätte, so ging er wieder nach Norden. Das ist illegal. Natürlich. Übermorgen gehts jetzt offiziell retour nach Mailand. Der Flug ist gebucht. Was dort auf ihn wartet, steht in den Sternen. «Das Problem ist, dass sich Menschen nicht in Luft auflösen», sagt er. Jussa trägt ein Kreuz am Halsband. Auf dem Tisch liegt seine Bibel. «Sorge dich nur um den heutigen Tag», zitiert er die Bergpredigt. Was morgen sei, wisse nur Gott.

Diepoldsau statt Mali
Neben Jussa warten auch Mahmud aus Afghanistan an diesem nüchternen Transitort, eine junge Eriträerin und Osman aus Algerien. Und noch vier weitere. Jeder hat seine eigene Geschichte voll von Träumen und Traumata, manchmal auch Straftaten. Mahmud kann sich im Gespräch kaum kontrollieren, wirkt angetrieben, übererregt, aggressiv, wie die Kehrseite der tödlichen Langeweile hier, der Untätigkeit, des Fatalismus in diesen endlosen Wochen vor dem Flug ohne sinnvolles Ziel.
Denn zurück ins Heimatland gehts keineswegs für alle. Ridan aus Mali möchte eigentlich in die Heimat zurück, weil er die Odyssee satt hat. Doch es gibt kein Rücknahmeabkommen. Für viele afrikanische Länder rechnet sich die Rücknahme nicht, weil Migranten trotz allem mehr Geld in die Heimat überweisen, als an Entwicklungshilfe kommt. So wird Ridan nächstens nach Diepoldsau verbracht, wo er einst einreiste, zur Rücküberstellung an die Behörden von Österreich.

«Kinder Gottes»
Bei Jussa findet sich ein Spruch an der Wand. «God, please help me.» Bei Ridan liegt ein Koran auf dem Bett, bei Osman ein Gebetsbuch. Einige Bewohner bleiben stumm. Sie schauen den Besucher mit weiten Augen an, sagen kein Wort. In einer Zelle sitzt ein Iraner am Tisch und liest in der Bibel. Sein libanesischer Mitbewohner hat sich im Bett verkrochen. Plötzlich richtet er sich auf und sagt: «Wir sind doch alle Kinder Gottes.» Dann dreht er sich wieder weg.
 
Ein Satz wie ein Donnerschlag. Blitzt in ihm etwas auf von der Hilflosigkeit des Abendlandes? Wirft er ein Schlaglicht hier drinnen auf die Melange aus Ruhe und Verzweiflung und dort draussen auf den langsam aufsteigenden Eindruck, die abendländische Idylle sei nur ein Trugbild gewesen, das man gerne mit der Realität verwechselt hat? Jussa sitzt derweil versunken in seinem Stuhl. Er betet. 


* Namen, Orte und Geschichten sind anonymisiert.

Text und Bild: Reinhold Meier  – Kirchenbote SG, Dezember 2015


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Sonntag, 23. Juni 2019, 17 Uhr, Lukaskirche, Luzern