Logo
Gesellschaft

«Alles kann man ersetzen, aber das Leben nicht»

FLAWIL SG. Angesichts der Umwälzungen auf der ganzen Welt sind wir Menschen oft von Beklemmung, Hilflosigkeit und Angst besetzt. Die Autorinnen porträtieren eine Familie aus Syrien.

In einer Gesprächsgruppe im b‘Treff Flawil treffen wir seit vier Jahren Frauen aus verschiedenen Kulturen. Dadurch hatten wir das Glück, zu erfahren, dass plötzlich eine Verbundenheit entsteht, die vieles leichter macht, wenn wir Menschen, Geschichten und Gesichter vor uns haben. Deshalb haben wir beschlossen, Ihnen Familie B. vorzustellen, die seit ca. einem Jahr bei uns in Flawil lebt.


Herr O. (54), seine Frau S. (44) und ihr Sohn A. (20) sind im März 2014 aus dem kurdischen Teil von Syrien in die Schweiz geflohen.
Wir sitzen zusammen in der Stube der Familie, die uns zu einem köstlichen kurdischen Nachtessen eingeladen hat. Mit dabei ist eine Übersetzerin. Denn obwohl alle drei intensiv Deutsch lernen, wäre es ihnen noch nicht möglich, uns ihre Geschichte zu vermitteln.

Wir möchten Euch bitten, uns zu erzählen, wie Ihr gelebt habt in Syrien.
Herr O.: Wirtschaftlich ist es uns sehr gut gegangen, wir hatten alles, was wir zum Leben brauchten. Aber unsere Rechte waren eingeschränkt, weil wir Kurden waren.
Wir durften unsere Sprache nicht sprechen, keinen Ausweis oder Reisepass haben, kein Grundstück erwerben. Wir konnten uns ausbilden, fanden aber nachher fast keine Anstellung. Das war so, seit ich denken konnte; trotzdem lebten wir mit Christen, Muslimen und Arabern in Frieden. Eigentlich habe ich Mathematik studiert. Ich habe als Abteilungsleiter einer Transportfirma gearbeitet und war Chef von neun Mitarbeitern.
Frau S.: Ich hatte ein eigenes, schönes Coiffeurgeschäft mit 13 Angestellten. Das Geschäft befand sich auf drei Stockwerken in einem Haus im Zentrum.
Sohn A.: Ich hatte das Gymnasium abgeschlossen und die Zulassung zum Studium der Zahnmedizin in Damaskus erhalten. Aber dann begann der Krieg und ich konnte nicht anfangen.

Woran habt ihr gemerkt, dass sich die Situation verschlimmert?

Zu Beginn war das kurdische Gebiet nicht so sehr vom Krieg betroffen wie der südliche Teil von Syrien. Aber als die ISIS sich dem kurdischen Gebiet näherte, zog sich die Regierung Assad aus der Region zurück und liess die Kurden ohne Hilfe allein gegen die ISIS kämpfen. Da begann sich die Situation zu verschlimmern.


Warum habt ihr euch entschieden, das Land zu verlassen?

Herr O.: Wir hätten eigentlich schon früher die Gelegenheit gehabt, das Land zu verlassen, denn meine Schwester wohnt schon lange in der Schweiz. Aber wir haben nie daran gedacht, wegzugehen. Das kam nicht in Frage.
Ich habe ein Amt als Minister erhalten. Als ich das fünf Tage ausgeübt hatte, kamen Drohungen gegen mein Leben von der ISIS. Die Sicherheit meiner Familie war nicht mehr gewährleistet.
Sohn A.: Wir haben uns kaum aus dem Hause getraut. Wir hatten immer Angst, wenn einer von uns draussen war. Wir waren nicht sicher, ob er wieder zurückkommt. In dieser Zeit hat die ISIS angefangen, Leute zu entführen und zu töten. Die Kurden haben sich schnell organisiert und viele junge Frauen und Männer haben sich der Kurdischen Organisation YPG (Volksverteidigungseinheit) angeschlossen. Da begann die ISIS, viele dieser Jugendlichen zu ermorden.
Einer davon war mein 19 Jahre alter Cousin.
Herr O.: Der Sohn meines Bruders.
Sohn A.: Er war ein Jahr älter als ich und wurde an Bayram, dem Tag des Friedens, getötet.
(Frau S., die immer stiller wurde, zieht sich von Trauer überwältigt in die Küche zurück.)
Herr O.: In diesem
Moment wussten wir, dass wir fliehen mussten. Alles kann man ersetzen, aber das Leben nicht. Für ein Leben gibt es keinen Ersatz.

Wie seid ihr geflohen?
Sohn A.: Wir sind zuerst in die Türkei geflohen. An der Grenze wurden wir von der türkischen Grenzwacht beschossen. Wir haben die Geschosse gesehen, die neben uns vorbeiflogen. Wir hatten grosse Angst.
Herr O.: Aber dann hatten wir Glück und konnten dank meiner Schwester mit dem Flugzeug in die Schweiz reisen.

Wie geht es euch in der Schweiz?
Herr O.: Wir sind sehr, sehr dankbar, hier sein zu dürfen. Das Leben gefällt uns gut. Wir haben viel Neues gesehen, gehört und gelernt.
Die schöne Natur, die Sauberkeit, die Zuverlässigkeit, das Funktionieren des Staates beeindrucken uns. Die Schweiz war für uns schon immer ein Vorbild für Toleranz und Demokratie. Aber wir haben auch Schwierigkeiten.
Als Kurden in Syrien wurden wir als Fremde betrachtet, durften keinen Reisepass haben, nicht einmal eine SIMcard. Wir hatten gehofft, dass wir nicht nochmals das Gleiche in der Schweiz erleben müssen. Aber zurzeit, als «Vorläufig Aufgenommene», finden wir uns wieder als Fremde, ohne Reisepass, ohne eigene SIMcard.
Aber was uns viel mehr schmerzt, ist, dass unsere weitere Familie so weit weg ist und wir ihnen nicht beistehen können. Wir vermissen alle unsere Angehörigen und wollen, sobald wir können, wieder in unsere Heimat zurückkehren.

Was können wir für Euch tun?
Herr O.: Ich wünsche mir sehr, dass ich als jener Mensch wahrgenommen werde, der ich bin und mir meine fehlenden Sprachkenntnisse und meine Herkunftsgeschichte nicht als Defizite ausgelegt werden, die mich zum Menschen zweiter Klasse degradieren.
Wir sind dankbar, dass wir hier in Sicherheit leben können und fühlen uns gut betreut von der Gemeinde. Wir sind nicht gekommen, um Spass zu haben oder aus Reiselust. Wir wollen arbeiten und teilnehmen an dieser Demokratie. Als Flüchtlinge wollen wir der Schweiz niemals schaden. Wenn es in unserm Land keinen Krieg mehr gibt, gehen wir gerne zurück.
Frau S.: Ich möchte so gerne meinen Beruf als Coiffeuse, in dem ich 26 Jahre tätig war, wieder ausüben. Ich hoffe, dass ich eine Chance bekomme, zu arbeiten. Dann wäre ich glücklich.
Sohn A.: Ich möchte gut Deutsch lernen. Ich bin jetzt in B2 und möchte bis C1. Alles andere muss später kommen. Ich möchte gerne eine Lehre als Informatiker beginnen, sobald ich das Sprachniveau erreicht habe.

Deine Botschaft für die Schweiz?

Sohn A.: Im Moment verbringe ich fast alle meine Zeit im Deutschunterricht mit Menschen aus verschiedenen Ländern, inklusive der Schweiz. Ich sehe keinen grossen Unterschied zwischen den Menschen … ausser der Sprache. Es erinnert mich an frühere Zeiten, als ich ein Kind war und Kurden, Araber, Muslime und Christen friedlich miteinander in unserer Stadt gelebt haben.

Wir danken der Familie für die Bereitschaft, ­ihre Geschichte mit uns zu teilen und wünschen ihnen, dass sie viele Kontakte knüpfen können und sich hier angenommen fühlen. 

Text: Cornelia Büchel, Maria Hudnut und Magdalena Hanslin, Flawil l Bild: Rolf Meier, Busswil TG – Kirchenbote SG, Dezember 2015


KIRCHENBOTE E-PAPER

Alle Kirchenboten ab 2002 zum Lesen, Suchen und Herunterladen...

Kurs «Nahe sein…»  | Artikel

Die Begegnung mit schwer kranken und sterbenden Menschen erfordert Respekt, Offenheit und Einfühlungsvermögen. Der Grundkurs möchte entdecken helfen, wie wir für Menschen am Ende ihres Lebens dasein können. Der Kurs bietet Gelegenheit, sich mit der eigenen Sterblichkeit, mit dem Tod und dem Abschied auseinanderzusetzen. Die ökumenische Fachstelle «Begleitung in der letzten Lebensphase» (kurz BILL) bietet am 16. und 23. November in Wattwil einen Kurs an. Weitere Hinweise entnehmen Sie bitte dem Flyer.


Den Kirchenboten geprägt  | Artikel

Er hat 24 Jahre den St. Galler Kirchenboten gestaltet: Mit der Pensionierung per Ende Juni verlässt Andreas Schwendener mit Kürzel as die Redaktionsstube.


St. Galler Singtag 2019  | Artikel

«Suche Frieden» ist eines der diesjährigen Singtaglieder sein, die  am 27. Oktober mit allen Interessierten in der St.Galler Lokremise geteilt werden. Weil dann aber das Jahr schon zu weit fortgeschritten ist, um noch ein Lied zur Jahreslosung zu lancieren, hat die Spurgruppe «Suche Frieden» bereits jetzt aufgenommen – diesmal sogar mit Video: Saxofonist ist Peter Lenzin, und er wird uns dieses Jahr auch mit seinem Spiel beim Singtag beehren!

Noten, Demo zum üben und den Flyer finden Sie unter der Agenda.


Warum Religionsunterricht?  | Artikel

Dieser Clip informiert über das Schulfach «Religionsunterricht», welches im Kanton St. Gallen von den evangelisch-reformierten Kirchgemeinden angeboten wird.