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Leben & Glauben

Im Übergang begleitet

DEGERSHEIM SG. Suzanne Niederer aus Degersheim hat in diesem Sommer ihre 101-jährige Mutter Lisa Niederer (5. Juli 1914–20. August 2015) in den Tod begleitet. Nahe an den Erfahrungen am Sterbebett und darüber hinaus hat sie sich täglich Notizen gemacht. Aus dieser schreibenden Verarbeitung des Abschieds ist ein Trauertext entstanden. Der Kirchenbote veröffentlich diesen als Ermunterung, auch zu seinen ganz persönlichen Wahrnehmungen und Deutungen des Sterbens zu stehen, dafür Worte zu finden und darüber zu reden.

Montag, 17. August 

Mutter bewegt sich im ewigen Licht auf der Schwelle, dem Ewigen zugewandt. Wohlbehü­tet lebte sie hier bis zuletzt ihre Autonomie.
Beim Empfang warten Engel. Menschen nehmen sich Zeit, Abschied zunehmen. Sie tun ihr ein letztes Mal Gutes. Ihr letztes Weh wird abgestreift. Sie hat ihr Dasein integriert und mit der Erde verknüpft.

Dienstag, 18. August
Mutter hat in ihrer langen Epoche auch gelitten. Ihr Kreis hat sich jetzt geschlossen, aber sie hat auch Angst. Bis zuletzt lebte sie unter uns – lange noch geistig fit und über alles auf dem Laufenden. Jetzt ist sie auf Erden an den letzten Stufen und der Platz in der Weite des Himmels ist für sie bereit.

Mittwoch, 19. August
Unendliche Trauer, dass ein Leben zu Ende geht. Da sind auch die im Leben verpassten Umarmungen. Da ist echtes Leben ohne Theorie, auch Botschaften, die sich anwenden lassen. Einiges gilt es zu verwerfen. Not, die du nicht übersehen kannst. Echtheit und Treue zu dir. Dann kann dich der andere Mensch finden.

Auf dem Weg nach Hause: Oft verhindert die Angst das Lieben. Versuche, von nichts abhängig zu sein. Lass dir von Unsicherheiten nicht deine Ziele zerstören. Knüpfe die Liebe nicht an Bedingungen. Streife die Angst vor der Angst ab. Atme in die Freiheit. Umarme deine Liebe und schenke dich der Welt.


Donnerstag, 20. August — Todestag
Trauer. Der Kampf will nicht enden. Jeder gibt sein Bestes. Der Körper schwindet dahin. Stille in der Zeit. Die Seele lässt sich nicht verbiegen. Mutter konnte streng sein. Sie war beliebt, blitzgescheit und schlagfertig. An allem interessiert, hat sie die Freiheit geliebt. Nun ruht sie in Gott und er schliesst ihren Kreis noch ganz.

Freitag, 21. August
Mutters Atem reichte noch aus, um von allen ihr lieb gewordenen Menschen Abschied zu nehmen. Alle teilten noch Nähe und Distanz mit ihr. Stille und Trauer. Das Schweigen ist für sie. Das alte Leben gilt nicht mehr. Uns bleibt sie erhalten und in der Erinnerung. In Frieden, mit allem versöhnt lebt sie nun in einem anderen Reich.

Im göttlichen Milieu bist du in einer anderen Zeit. So kann alles, was dich am Leben hindert, abfallen. Du wirst gewandelt und die Seele wird ganz leicht.

Mutter ist im Himmel. Sie ruht in Frieden und ihr innerer Frieden bleibt uns erhalten. Es ist nichts, was nicht so wie es ist, richtig ist.
Ihr Dasein hat viel Heilung bewirkt. Sie ist mit allem, was ihr lieb ist, verbunden. Sie wird uns nie vergessen und ist auf ewig in Gott zu Hause.

2. Tag nach Mutters Tod
Ich bin jetzt bei ihr in einem aalglatten, recht dünnen Kanal. Ich kann ihr noch alle Liebe geben, die sie braucht. Sie ist wie ein Strahl geworden. Eine ganz schwache Angst hat sie noch. Am Ende vom Tunnel wird sie von Papa angelacht. Sie ist traurig, Sie wandert noch etwa einen Tag.

3. Tag nach Mutters Tod
Mutter ist im Kanal eingeklemmt. Licht löst sie in meinen Händen auf. Wie am vorletzten Tag von ihrem Sterben, rufe ich ihr ständig zu, sie soll gehen. Mutter, wenn du gehst, verschwindet mein Husten und meine Verstopfung. Mutti, du gehst uns nicht verloren. Ich lebe in dir weiter, Du hast mir so viel geholfen.

Lieber Gott,
nimm sie ganz an Deinen Tisch.
Vergiss meine Mutter nicht.

Sie bekommt die Umrisse von einem Vogel.
Sie hat Startschwierigkeiten. Sie verliert Flaum.
Jetzt schafft sie es beinahe. Sie ist fast dort.
Die Freiheit des Himmels öffnet sich ihr.
Papa weiss, dass sie es ist.

Wenn du in Gott bist, ist kein Weg zu lang.
Er wandelt dich zum innern Menschen.

7. Tag nach Mutters Tod: Beerdigung
Trauer in der Zeit. Am Tische Gottes Frieden. Der Tod wandelt das Leben. In Gott kannst du gewandelt werden. Mit ihm kannst du schauen. Du atmest seinen Wind in dich hinein. Gott lebt sich in dir. Öffne ihm Tür und Tor und du musst nicht mehr müssen. Er tut es für dich.

Wässrige Augen, Stille in der Trauer. Jedes Gefühl in Gott zu Hause. Echtes Leben. Trost in den Erinnerungen und unter Freunden. Frieden und Kraft in der Zeit. Über jedes Tun hinaus.

Trost in der Sprache der Engel. Ein Engel in der Trauer. Ein Engel für den nächsten Schritt. Ein Engel für die Verletzlichkeit. Engel mit auf dem Weg. In jede neue Zeit. 

Text: Suzanne Niederer | Bild: Ferdinand Hodler – Kirchenbote SG, November 2015


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