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Spiritualität

Gehen, hören, schauen und staunen

Zwischen 30 und 50 Personen sind vom März bis September 2015 in fünf Etappen von Konstanz nach Einsiedeln gepilgert. Unterwegs wurde auch der Reformation vor 500 Jahren gedacht. Ein Rückblick.

Die Gruppe wanderte in den Frühling und den Sommer hinein. Es ging durch grünende Wälder, vorbei an blühenden Bäumen, durch Schluchten und Tobel, über Hügel und Berge. 

Vom Hörnli tat sich der Blick in die Weite auf: schneebedeckte Churfirsten, Säntis, Glarner und Innerschweizer Berge und das Mittelland. Ob Wald ZH sah man bei strahlendem Wetter von den Churfirsten bis zu den Berner Alpen und auf den Zürichsee.
Höhepunkt war der Gang über den Pilgersteg von Rapperswil. Es war eine Freude, in dieser herrlichen Landschaft unterwegs zu sein.

Die Hälfte des Weges ging die Gruppe schweigend, um ganz offen zu sein für alle Sinneseindrücke. In Kapellen und Kirchen am Wege kehrten die Pilger und Pilgerinnen ein, sangen miteinander und hörten kurze Lesungen aus der Bibel und von Hus, Luther und Zwingli – «Konstanz–Einsiedeln. Von Hus zu Zwingli» war das Thema der Pilgerwanderung.

Freude den Sinnen!
Ein Pilger hat seine Erfahrungen so zusammengefasst: «Ich gehe. Ich gehe aus mir heraus – ich gehe in mich hinein. Alle meine Sinne
öffnen sich. Ich bin ganz bei mir und doch bei allem, was mich umgibt. Ich spüre mich selber wie noch selten und ahne etwas vom tiefen
Geheimnis des Lebens. Ich gehe, und mein Atem geht. ‹Was will er mir sagen?›, fragte der Dichterpfarrer Kurt Marti und antwortet:
«Vielleicht: Schau! Hör! Riech! Schmeck! Greif! Lebe! Vielleicht: Gott atmet in dir mehr als du selbst. Und auch: In allen Menschen, Tieren, Pflanzen atmet Er wie in dir. Und so: Freude den Sinnen! Lust den Geschöpfen! Friede den Seelen!» 

«Den Reformatoren war aber klar, dass der Weg eine tiefe biblische Bedeutung und Dimension hat.» 


«Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr, suche den Frieden», hat Benedikt von Nursia gesagt. Und der Philosoph und protestantische Theologe Sören Kierkegaard schrieb: «Wenn ich Arzt wäre, würde ich den Menschen raten: ‹Schafft Schweigen, schafft Stille›». Gehen, schweigen und hören, schauen und staunen – so könnte man das ökumenische Pilgern von heute umschreiben.

Wenn die Reformatoren gegen das Pilgern waren, dann darum, weil sie das Pilgern als fromme Leistung zur Erlangung der Seligkeit entschieden ablehnten. Ihnen war aber klar, dass der Weg eine tiefe biblische Bedeutung und Dimension hat. Es fing an mit Abraham, den Gott auf einen neuen Weg rief. Israel zog aus der Sklaverei in das gelobte Land. Jesus rief die Jünger in seine Nachfolge, auf einen Weg. Die ersten Christen wurden denn auch «Menschen des Weges» genannt.

«Man muss wie Pilger wandeln»
Wenn die Reformierten Pilgern als Werkgerechtigkeit ablehnten, sind sie doch immer einen verinnerlichten Pilgerweg gegangen.
«The pilgrims progress» des Reformierten Buyan ist das im englischen Sprachbereich am meisten bekannte Buch.
Ulrich Bräker, «der arme Mann im Toggenburg», verstand sein ganzes Leben als Pilgerschaft. Der reformierte Mystiker Gerhard Tersteegen schrieb: «Man muss wie Pilger wandeln, frei, bloss und wahrlich leer; viel sammeln, halten, handeln, macht unsern Gang nur schwer. Wir reisen abgeschieden mit wenigem zufrieden, wir brauchen‘s nur zur Not». Der grosse niederländische Maler Vincent van Gogh, reformierter Pfarrerssohn, der selbst auch Theologie studiert hatte, schrieb seinem Bruder: «Lass uns ruhig weitergehen, jeder auf seinem Weg, auf das Licht zu, sursum corda, als Menschen, die wissen, dass wir sind, was andere sind, und dass andere sind, was wir sind, und dass es gut ist, einander zu lieben mit der Liebe von der besten Art, die alles glaubt und alles hofft und alles duldet und nimmer aufhört.»

Wer die Erfahrung des  ökumenischen Pilgerns auch machen möchte, ist eingeladen im nächsten Jahr auf die Strecke Einsiedeln, Schwyz, Füeli-Ranft, Brünig , Brienz, Spiez, Amsoldingen mitzukommen. Auskunft gibt: Walter Hehli,
Tel. 071 988 12 14, whehli@thurweb.ch ■

Text: Walter Hehli, Wattwil | Bild: zVg – Kirchenbote SG, November 2015

Pilgern – lange eine Sache der Katholiken

Pilgern war lange fast ausschliesslich eine Sache der Katholiken. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts haben auch viele Protestanten die Schönheiten des Pilgerns entdeckt. Heute begeben sich neben Christinnen und Christen auch Scharen von konfessionslosen Menschen auf den alten Pilgerweg – den Jakobsweg nach Santiago und Finisterre. Was fasziniert und motiviert sie? Es ist wohl das Ausziehen aus dem Alltäglichen in etwas Neues und Unbekanntes. Wer mit offenen Sinnen sich auf Pilgerschaft begibt, dem wird etwas vom Geheimnis des Lebens und der Welt aufgehen.


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Noten, Demo zum üben und den Flyer finden Sie unter der Agenda.