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Gesellschaft

In der Sterbebegleitung tätig: Andrea Gabriela Durisch Bohne

Der Tod ist etwas Heiliges

01.01.2016
Andrea Gabriela Durisch Bohne ist langjährige Pflegefachfrau, OP-Schwester, Craniotherapeutin mit eigener Praxis – und seit sieben Jahren in der Sterbebegleitung tätig. Die Stille im Sterbeprozess erlebt sie als etwas Heiliges.

Wenn Andrea Gabriela Durisch Bohne zu einem Sterbebegleitungseinsatz gerufen wird, legt sie sich daheim in der Stube erst eine gute Stunde hin. «Ich schliesse die Augen und suche meinen Ruhepunkt.»

Seit 2008 ist die 54-Jährige in der Sterbebegleitung tätig. Die Einsätze erfolgen in Altersheimen, im Spital und privat. Durisch Bohne hat eine langjährige Karriere als Pflegefachfrau und OP-Schwester hinter sich. Heute arbeitet sie als selbständige Craniotherapeutin, auch mit schwerkranken und trauernden Menschen, was sie zur Sterbebegleitung brachte. Im Wohnort Flawil wirkt sie auch in der Hospizgruppe mit.

«Die Krankenpflege ist meist erledigt, wenn ich komme. Darin liegt der Grund für diese Arbeit. In der Pflege ist es kaum möglich, länger bei einem Sterbenden zu sitzen. Das vermisste ich.» Durisch Bohne verbrachte in den letzten Jahren monatlich etwa eine Nacht an einem Sterbebett. «Die Einsätze sind nicht planbar. Manchmal ist man mehrmals in kurzer Zeit im Einsatz, dann wochenlang nicht.» Ein Einsatz dauert bis zu acht Stunden.

Im Allgemeinen kennt sie Name, Familiensituation, Alter, Krankheit und den aktuellen Zustand des Patienten. In Privathäusern steht sie erst mit den Angehörigen in Kontakt. Sie klärt ab, ob und wann sie sie wecken soll und was der Kranke wünschen könnte.

Sterben ist ein Kraftakt
«Offene Aufmerksamkeit, Mitgefühl und achtsame Wertschätzung ist das Wichtigste bei dieser Arbeit», sagt Durisch Bohne. Wenn der oder die Kranke sprechen kann, fragt sie, was er oder sie braucht. «Oft muss ich spüren, wo und wie mein Dasein nötig ist – nah am Bett, weiter weg oder gar gut erreichbar vor dem Zimmer. Auch der Körperkontakt wird abgeklärt, still oder mit Worten. Manchmal hält man dem Sterbenen einfach stundenlang die Hand.»

«Generell brauchen Sterbende viel inneren und äusseren Raum», sagt die Fachfrau. Dann geht es darum, mit dem Patienten herauszufinden, wie er mehr Ruhe finden kann. Manchmal geht es um körperliche Erleichterung. Magenkrämpfe löste Durisch Bohne einmal mit einer leichten Massage, bis die Frau zur Ruhe kam und schlafen konnte. Die haptische Arbeit ist für die Therapeutin wichtig. «Nicht alle haben das gleiche Angebot. Die verschiedenen Möglichkeiten der Sterbebegleiter sind wertvoll.»

Die Kräfte ziehen sich zurück
Mal liest man dem Kranken etwas vor. Oder redet mit ihm, singt ein Lied. Auch Humor ist wichtig. «Die letzte Lebensphase soll davon gezeichnet sein, was das Leben für diese Person ausmacht.» Und mitunter ist dem Patienten keine Lage wohl – nicht im Bett, nicht beim Gehen, nicht auf der Toilette. «Sterben», sagt Durisch Bohne, «erfordert sehr viel Kraft. Beim Sterben ziehen sich die Lebenskräfte endgültig zurück. Man leidet an Schmerzen und Müdigkeit, Essen und Atmen fallen schwer. Dazu muss man mit sich ins Reine gelangen, das Leben abschliessen und akzeptieren, dass der Lebensausgang immer näher rückt.»

Verdichtung ins Innere
Beim Tod trete plötzlich eine Stille ein. «Sie besitzt eine Tiefe, die ich nur als heilig beschreiben kann.» Es sei «eine Verdichtung des Äusseren in das Innere». Das sind Augenblicke in denen der Lichtaspekt unseres Wesens ganz stark erfassbar wird», sagt sie. Nur selten – wenn sie jemanden privat kannte – wohnt sie der Beerdigung bei. «Ein schöner Abschluss ist für mich, wenn die Angehörigen Zufriedenheit bekunden.» 

cranio-rhythmus.ch; palliative-ostschweiz.ch

 

Text: Michael Walther, Flawil | Foto: z.Vg – Kirchenbote SG, November 2015

«Sterbehilfe würde ich nicht machen»

Der Tod gilt als Tabuzone. Wie erleben Sie das?
Das ist sicher so. Manche Leute finden meine Arbeit schlimm. Andererseits wurde durch die Palliativbewegung das Bewusstsein für die Sterbebegleitung wacher. Es gibt mehr Bücher und Unterstützungsangebote für Angehörige Sterbender und Verstorbener. Als Beispiel dafür mag auch das Trauercafé unserer Hospizgruppe gelten, das ich selber leite. Teilweise scheint die Gesellschaft aus der Tabuzone Sterben und Tod herauszutreten.

Wird die Bedeutung der Sterbebegleitung und der Hospizgruppen zunehmen?
Das glaube ich. Heute können es sich arbeitstätige Angehörige schlicht nicht leisten, längere Zeit Tag und Nacht beim Sterbenden zu weilen. Dazu erlebe ich einen Wertewandel, dass dem Leben auch dann ein hoher Stellenwert zugemessen wird, wenn es zu Ende geht und in der Leistungsgesellschaft kein «wirtschaftlicher Wert» mehr sichtbar ist. Das war nicht immer und in allen Gesellschaften der Fall. Doch der grundsätzlich auf Gegenseitigkeit und Kontakt ausgelegte Mensch braucht das Du – in schweren Zeiten umso mehr.

Sterbebegleitung – kann das jede und jeder?
Nein. Freiwillige Hospizgruppen fordern vermehrt den Besuch von Schulungsangeboten ein. Ich glaube, dass ich für diese Arbeit durch meine Berufserfahrung ressourciert bin. Als Fussballtrainer würde ich mich kaum eignen. Empathie ist eine Voraussetzung. Es geht jedoch um Mitgefühl und offene, wertfreie Aufmerksamkeit gegenüber dem Sterbenden und seinem Leben – keinesfalls um Mitleid als Motivation. Meistens haben Sterbebegleiter biografisch Erfahrung mit Tod und Verlust. Es ist wichtig, sich mit diesen Themen mit Kopf, Hand und Herz auseinandergesetzt zu haben.

Wie gehen Sie selber mit der Belastung um?
Wichtig ist die Unterstützung der Familie. Die Tochter fragt jeweils: «Mama, wie war die Nacht?» Aufgrund der Berufserfahrung fällt mir die Arbeit aber relativ leicht. Ich mache es gern. Sonst würde ich es nicht tun.

Ist Sterbehilfe eine Konkurrenz zur Sterbebegleitung?
Von Konkurrenz würde ich nicht reden. Sterbehilfe ist ein völlig anderes Konzept als Sterbe­begleitung. Es handelt sich um zwei ganz verschiedene Haltungen. In der Sterbehilfe wird die Entscheidung, das Lebensende selbst zu bestimmen, oft mit mangelndem Lebenswert begründet. In der Sterbebegleitung wird die Wertigkeit des Lebens nicht auf die Waagschale gelegt. Dem Leben und seinem Ausgang wird der eigene Lauf belassen, und zwar mit der Haltung, dass dieses Leben bis zum Ende lebenswert ist. Das zeichnet die Sterbebegleitung aus. Sterbehilfe würde ich nicht machen. 


Von roundabout SG-APP (Rahel Schwarz) erfasst am 14.09 2018 11:50

Danke!

Vielen Dank für die Veröffentlichung des Artikels. Wir freuen uns über jedes interessierte Mädchen, über neue Partnerorganisationen oder Workshop-Anfragen. Freundliche Grüsse Rahel Schwarz kantonale Leiterin roundabout SG-APP

Von Maurer Charlotte erfasst am 06.01 2020 09:13

Erwachseme Taufe

Ein lieber Freund, der sich inzwischen sehr mit Gott verbunden hat, möchte eine Erwachsenen Taufe. Er ist als Kind reformiert getauft. Bitte können Sie uns da helfen?

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