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Leben & Glauben

Vom «Pläuderle» zum Verstehen

Seelsorge ist mehr als ein bisschen Zuhören. In Anlehnung an psychologische Schulen haben sich in der Seelsorgeausbildung verschiedene Richtungen etabliert. Sie sind ein Magnet für weiterbildungsinteressierte Pfarrpersonen.

«Schauen Sie, der Herr Pfarrer ist da! Nun können Sie mit ihm ‹echli pläuderle›.» So oder ähnlich haben viele Seelsorgende über ihre Besuche in Seniorenheimen oder Spitälern reden hören. Diese Szene macht deutlich: Seelsorge ist nicht überall als professionelle Fähigkeit 

anerkannt.

Tatsächlich bestand in der Seelsorgeausbildung Handlungsbedarf. «Das Image der Spitalseelsorge hat sich in den letzten dreissig Jahren völlig verändert», sagt Rita Famos, Leiterin der Abteilung Seelsorge bei der Zürcher Kirche. «Damals wurden tendenziell eher Pfarrpersonen in der Spitalseelsorge untergebracht, die im Gemeindepfarramt müde geworden waren oder Probleme hatten. Heute sind gute Qualifikationen und Referenzen aus dem Gemeindepfarramt plus eine Seelsorge-Weiterbildung Voraussetzung für eine Stelle in der Spezialseelsorge.»

Wahr ist, was ich erfahre
Verantwortlich für diesen Imagewandel sind die Seelsorge-Weiterbildungen, welche die Kirche anbietet. Sie sind gut besucht: Im Jahr 2014 gehört die Hälfte aller Fortbildungen, die Pfarrpersonen besuchten, zum Bereich Seelsorge. Dass es ein solches Angebot gibt, ist das Verdienst der sogenannten «Seelsorgebewegung». Sie beginnt im Nordamerika der 1930er-Jahre mit der «Clinical Pastoral Educa­tion», zu deutsch etwa «Klinische Seelsorgeausbildung». Kernstück der Arbeit und völlig neu war, dass Pfarrpersonen in Gruppensupervisionen Protokolle von Gesprächen analysieren. Die junge Seelsorge­bewegung will zwei Fähigkeiten fördern: Erstens die Gesprächskompetenz der Pfarrpersonen und zweitens ihr eigenes psychologisches und spirituelles Wachstum. Auch heute geht es noch um diese beiden Kompetenzen, der Weg dorthin führt aber über eine Methodenvielfalt.

Richtig Fuss gefasst hat die Seelsorgebewegung in Europa in den Nach-1968er-Jahren mit der sogenannten «empirischen Wende» in der Theologie. Plötzlich ist die Erfahrung wichtig. Oder, wie es der Theologe Michael Klessmann beschreibt: «Der Begriff der Erfahrung hat im 20. Jahrhundert eine enorme Popularität gewonnen. Menschen halten nur das für wahr, was sie erfahren können. Im Hintergrund steht eine Enttäuschung über die Wortlastigkeit des gesamten öffentlichen Lebens, auch der Kirche.» Um näher an die «erfahrene Wirklichkeit» der Menschen heranzukommen, entdeckt die Theologie die Sozial- und Humanwissenschaften von Soziologie bis Psychologie. Für die Seelsorge bedeutet die Hinwendung zur Erfahrung: Weg von abstrakter Theologie und hin zu Erkenntnissen aus psychologischen Schulen von Freud bis zur Kurzzeittherapie.

Halbvoll oder halbleer?
In der Schweiz etablierten sich in den letzten dreissig Jahren drei verschiedene Seelsorgerichtungen. Sie sind verknüpft mit den Gründerfiguren Hans van der Geest, Christoph Morgen­thaler und Verena Meyer. Van der Geest führt in den 1980er-Jahren die an der Gesprächstherapie des amerikanischen Psychologen Carl Rogers orientierte Klinische Seelsorgeausbildung ein und nennt sie «Clinical Pastoral Training» (cpt). Der heute emeritierte Berner Uniprofessor Morgenthaler bezieht in den 1990er-Jahren Erkenntnisse der Systemtherapie in das seelsorgerliche Handeln ein und öffnet so den Blick auf das Umfeld (das «System») von Ratsuchenden. Ende der 1990er-Jahre beginnt die Theologin und Psychologin Verena Meyer in der Lösungsorientierten Seelsorge (LOS) Methoden der Kurzzeittherapie für die Seelsorgepraxis fruchtbar zu machen, wichtiger Bestandteil sind Videoanalysen von Gesprächen.

«Im Jahr 2014 gehört die Hälfte aller Fortbildungen, die Pfarrpersonen besuchten, zum Bereich Seelsorge.»

Verkürzt lassen sich die Richtungen durch die «Glas-Halbvoll-» und «Glas-Halbleer-Blickrichtung» unterscheiden. Die Systemische Seelsorge und LOS konzentrieren sich auf das halbvolle Glas und damit auf das, was bei einem Menschen im Leben funktioniert. Cpt konzentriert sich auf das halbleere Glas und damit auf die Problemgeschichte eines Menschen, weil ein Problem für die Lösung durchgearbeitet werden müsse.

Für Rita Famos ergänzen sich die drei Richtungen, und sie umschreibt diese präziser: «Cpt legt den Fokus eher auf den einzelnen Menschen und versucht durch das Verstehen seiner Problemgeschichte Lösungen zu entwickeln. Die Systemische Seelsorge nimmt das Umfeld des Ratsuchenden mit in die Entwicklungen von Lösungen. Die Suche nach Ressourcen beim Gegenüber und dessen Umfeld steht im Zentrum der systemischen Seelsorge. LOS ist eine stark praxisorientierte Methode, die lösungsorientierte Gesprächsführung mit einem psychoanalytischen Diagnosebaukasten verbindet.»

Lebensdeuter und Hoffnungsanwälte
Nicht beantwortet bei der Richtungsdiskussion ist aber die Frage: Was ist eigentlich Seelsorge? Lassen wir die Exponenten zu Wort kommen.
Hans van der Geest: «Mit Seelsorge ist alles Zuhören, Mitfühlen, Verstehen, Bestärken und Trösten gemeint, das der eine Mensch dem
andern gewährt.» Christoph Morgenthaler: «In der Seelsorge geht es darum, Leben zu deuten, gerade auch im Horizont biblischer Texte und ihrer Wirkungsgeschichte.» Verena Meyer: «Seelsorgende sind Anwälte der Hoffnung, indem sie versuchen, einen Hoffnungshorizont zu öffnen.»

Text: Daniel Klingenberg, St.Gallen | Bild: zVg   – Kirchenbote SG, Oktober 2015


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