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Kirche, Religionen

Zur interreligiösen Dialog- und Aktionswoche (IDA) 2015 im Kanton St. Gallen

10 Jahre St.Galler Erklärung  Signal mit Wirkung

01.01.2016
Die «St. Galler Erklärung für das Zusammenleben der Religionen und des interreligiösen Dialogs» ist das Herzstück der IDA. Zu ihrer Veröffentlichung vor zehn Jahren hat sich Kirchenrat Heinz Fäh, Pfarrer in Rapperswil-Jona, Gedanken gemacht.

Als am 10. September 2005 im Rahmen der Interreligiösen Dialog- und Aktionswoche (IDA) auf dem Klosterplatz die «St.Galler Erklärung für das Zusammenleben der Religionen und den interreligiösen Dialog» veröffentlicht wurde, lag 9/11 der westlichen Welt schwer in den Knochen. Der 2001 verübte Terroranschlag in New York hatte die offene Gesellschaft ins Mark getroffen. Ein anhaltendes Gefühl der Verunsicherung schürte auf allen Ebenen Abwehrmechanismen. Zugleich wuchs der Anteil der Muslime in Europa und auch in der Schweiz stetig an. Dadurch stellte sich die Frage, wie sich die Mehrheitsgesellschaft gegenüber den muslimischen Mitbürgern verhalten würde.

 

Eine Reaktion auf 9/11
In diesem von Angst und Misstrauen vergifteten Klima setzte die St.Galler Erklärung ein positives Zeichen. Erstunterzeichnende waren Regierungsrätin Kathrin Hilber, Bischof Ivo Fürer, Kirchenratspräsident Dölf Weder, Stadtrat Hubert Schlegel und Hisham Maizar, der kürzlich verstorbene Präsident des Dachverbandes Islamischer Gemeinschaften Ostschweiz und FL (DIGO). In einem kurzen und intensiven Prozess war der Text erarbeitet worden.

 «Die Erklärung ist ein Schritt auf dem Weg des gegenseitigen Verständnisses, und dieser Weg ist demjenigen der Macht und der Rechthaberei auf jeden Fall vorzuziehen», meinte damals Bischof Ivo. Damit war die Richtung gewiesen. Es geht um die Förderung eines Prozesses, dessen Ziel es ist, den anderen zu verstehen. Das geht bedeutend tiefer als die blosse Deklaration von Toleranz. Es fordert den Schritt auf den anderen zu. Seither wurden an verschiedenen Orten unseres Kantons Begegnungsveranstaltungen, Diskus­sionsforen und gemeinsame Feiern durchgeführt. Zudem befasste sich eine vom Departement des Inneren geleitete Fachgruppe, in der die grossen Religionsgemeinschaften vertreten waren, mit Fragen des praktischen Zusammenlebens. Die Fachgruppe wurde kürzlich aufgelöst und soll in anderer Form weitergeführt werden.

Die enge Verknüpfung von staatlichen Organen und Religionsgemeinschaften ist schweizweit einzigartig. Dadurch wurden freundschaftliche und vertrauensvolle Beziehungen gefördert, die bei der Bewältigung von religiös motivierten Konflikten von grosser Hilfe sein können.

 


St.Galler Erklärung heute
Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist der Geist der St.Galler Erklärung durch den wachsenden Extremismus ganz neu herausgefordert. So stellen die Ereignisse um «Charlie Hebdo» die Frage, wie frei die Debattenkultur in Sachen Religion sein kann, wenn staatliche Freiheitsgarantien durch die Macht der latenten Bedrohung aus­gehebelt werden. Im Jubiläumsjahr der St.Galler Erklärung wurde auch des Völkermords an den Armeniern gedacht, welcher vor 100 Jahren zur fast völligen Ausrottung der Christen in der heutigen Türkei führte. Dieser Völkermord wird von offi­­zieller türkischer Seite bis heute bestritten, obwohl die historischen Fakten längst auf dem Tisch liegen. Als Fortsetzung jener Ereignisse sehen sich heute die letzten christlichen Gemeinschaften in Syrien und dem Irak akut in ihrer Existenz bedroht. Auch junge Menschen aus der Ostschweiz haben sich dem Vernichtungskrieg des IS angeschlossen. Der Umgang mit den Rückkehrern stellt sowohl rechtsstaatliche als auch religiöse Fragen.

 

«Die enge Verknüpfung von staatlichen Organen und Religionsgemeinschaften ist schweizweit einzigartig.»

 

Ein reifer Dialog muss auch solch schmerzhafte Themen aufgreifen können, ohne dass die freundschaftlichen Beziehungen auf dem Spiel stünden. Wenn gegenseitiges Verständnis wächst, können verhärtete Fronten überwunden und praktische Probleme sinnvoll gelöst werden.

Fortschritte auf dem Weg
Es ist ein denkwürdiger Wink des Schicksals, dass Dr. Hisham Maizar, Präsident des Schweizerischen Rats der Religionen und Mitinitiant der St.Galler Erklärung, der erste erwachsene Muslim ist, der auf dem neu entstandenen islamischen Grabfeld auf dem St.Galler Friedhof Feldli bei­gesetzt wurde. Sein beharrlicher Einsatz um die Anerkennung der Muslime, die nicht nur in der Schweiz leben, sondern dieses Land als Heimat betrachten und hier ihre Religion ausüben möchten, hat Früchte getragen. Auch in anderen Bereichen, wie bei der Frage um den Zugang von religiösen Begleitpersonen in Spitälern und Gefängnissen, ist Bewegung in die Diskussion gekommen.

Wie weiter?
Die IDA Woche hat die bunte Palette von Religionsgemeinschaften im Kanton St.Gallen öffentlich sichtbar gemacht. Auf institutioneller Ebene hat sich der interreligiöse Dialog jedoch stark auf die Einbindung islamischer Gemeinschaften in staatliche Strukturen fokussiert. Durch den Runden Tisch der Religionen hatten zwar auch die anderen Gemeinschaften einen Vertreter am Tisch.
Als Partei ausgeschlossen waren bisher die wachsenden christlich-orthodoxen Kirchen sowie die Freikirchen, deren Anteil an der Bevölkerung zusammen fast gleich gross ist wie der Anteil der Muslime. Es wird sich in Zukunft weisen, ob es weiterhin geladene und ungeladene Gäste am Konferenztisch gibt.
Doch auch die Kirchen sind in der Pflicht. Sie sollen die Agenda des Dialogs nicht dem Staat überlassen, sondern ihn inhaltlich und praktisch mit allen Partnern guten Willens führen. 

 

Text: Heinz Fäh, Rapperswil | Foto: Augustin Saleem  – Kirchenbote SG, Oktober 2015


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