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Religionen

Was der Buddhismus mir bringt  

01.01.2016
Der St. Galler Künstler Stefan Rohner las wohl ein ein Buch von Hugo Enomiya Labsale über das Christentum und den Buddhismus. Vielmehr angetan hat es ihm jedoch ein Buch von Eckhart Tolle. Für Eveline Felder ist indes die Kontemplation wichtig.

Marcel Steiner, Pfarrer, Portugal

Vom Theologen Sören Kierkegaard stammt das Wort: Wenn ich Arzt wäre und man fragte mich, «was rätst du?» Ich würde sagen: «Schaffe Stille!» Stille und den guten Umgang damit, das hatte ich zunächst in Taizé kennen und schätzen gelernt. Die jeweils etwa zehn Minuten der Stille nach der Lesung des Evangeliums waren das Herz der Gebete und des Tages. Jahre später, parallel mit dem Beginn des Pfarramtes, kam ich in Berührung mit der Zenmeditation, dem stillen Sitzen, wie es in der zenbuddhistischen Tradition und Übung angeleitet wird. Das war der Beginn eines über 20-jährigen Weges unter der Führung und Begleitung des Jesuiten und Zenmeisters Niklaus Brantschen. Die Übung wurde so zentral in meinem Leben, dass ich den Weg des Zenlehrers eingeschlagen habe und seit nunmehr 15 Jahren Kurse gebe im Lassalle-Haus (www.lassalle-haus.org) und nun auch – beginnend am 12. Juli, nach 6 jähriger Aufbauarbeit – in einem kleinen Zentrum in der Algarve in Portugal (www.casadasaguascalmas.com). Der Weg des Zen ist ein grosses Geschenk des Ostens an den Westen und ich möchte dazu beitragen, dass noch viele Menschen diesen Weg entdecken dürfen.

Dzampai Bösch, Craniosacraltherapeutin, Degersheim

Der Buddhismus ist mir von der Seele her sehr nahe. Als mein Bruder von einer geplanten Umwanderung des heiligen Berges Kailash in Tibet erzählt hat, ging ich in die Buchhandlung und suchte Literatur dazu. Ich fand ein Buch über den Berg und war tief berührt. Meinem Bruder sagte ich, dass eigentlich ich diesen Berg zu besuchen hätte. Er meinte, ich soll doch mitkommen – und für mich war die Sache in wenigen Minuten entschieden. Diese Umrundung des Kailash war für mich das Tiefste, was mir je in meinem Leben begegnet ist, es war wie ein Heimkommen. Ich begegnete da auch meinen Schatten, lernte von den Einheimischen, was das buddhistische Mitgefühl bedeutet und wurde inspiriert, die Essenz, die allen Religionen zu Grunde liegt, fortan mit noch grösserer Leidenschaft zu suchen. Nach wie vor bin ich im Christentum beheimatet. Zum Buddhismus aber habe ich ein vertrauteres Verhältnis, da ich hier Anregungen erhalte, mich selber auf den Weg zu machen. Ich werde ermächtigt, Verantwortung für mein Leben zu übernehmen und die Essenz in jedem Lebewesen zu entdecken, den Kern, wo alle Menschen heil und ganz sind.
Ich bezeichne mich nicht als Buddhistin, denn in dieser Religion gibt es tiefe Lehren und Praktiken, denen ich nicht gerecht werde. Ich lese mal da und dort ein Buch, gehe zu Veranstaltungen mit dem Dalai Lama und meditiere, wie ich es in Kursen und von Personen gelernt habe. Mein Ziel ist es, dass schliesslich mein ganzes Leben zur Meditation wird, dass ich in allem präsent bin, bei mir selber ankomme. Das Finden, (oftmals nur ein leises Erahnen) dieser Essenz ist auch in meiner Arbeit Weg und Ziel. 

Stefan Rohner, Künstler, St.Gallen

Ich habe vor Jahren ein Buch von Hugo Enomiya Lassalle gelesen, in dem Buddhismus und Christentum ins Gespräch kommen. Aber es hat mich nicht weiter geprägt. Vor einem halben Jahr lernte ich durch meinen Sohn die Schriften von Eckhart Tolle kennen. Seine Hörbücher haben es mir nun angetan: eine angenehme Stimme, die mich beruhigt. Ich komme auf dem Boden, zu mir, zum Bewusstsein. Tolle liefert nicht ein Rezept oder eine Lehre, es geht darum, in sich den Weg zu finden, ihn zu gehen und zu entdecken, was immer schon da ist.
Das heisst, in der Gegenwart statt in der Vergangenheit oder der Zukunft zu leben. Und aus dieser Präsenz dann anzunehmen, was ist, sich nicht aufzulehnen gegen die innere und äussere Lebenssituation. Was mich ärgert, plagt oder auch überstellig macht – ich kann mich von aus­sen darin beobachten und wie aus der Distanz diese Lebensäusserungen zulassen und verstehen. So muss man sich im Alltag weniger wehren und aufregen und kann sein Leben aus der Ruhe planen. Es geht um ein Erwachen, wie es auch das Christentum kennt. Tolle zitiert Jesus und Buddha. Diese Meister sind für ihn wie wunderbare Blüten der Evolution, und er träumt von einem Blütenmeer von Leuten, die erwachen. 

Eveline Felder, Fachfrau Gesundheit, St.Gallen

Es war vor etwa 18 Jahren, ich war glücklich, und doch suchte ich etwas, das ich aber nicht genau benennen konnte. Da las ich vom «Sitzen in der Stille», einem Angebot über Mittag in der Offenen Kirche St.Leonhard, das der damalige Leiter der kirchlichen Erwachsenenbildung, Werner Frei, initiiert hatte. Ich ging hin, habe Neues erfahren und wusste: das ist es! … und ist es bis heute. Ich hörte oft, dass Leute über andere Religionen zur eigenen finden. Jetzt bin ich selber eine von diesen Personen. Meine christlichen Wurzeln habe ich früher kaum beachtet, jetzt sehr wohl.
Nach den ersten Erfahrungen mit der Meditation begann ich auch Literatur über Zen zu lesen und wurde als Zenschülerin jahrelang in der Koan-Schulung begleitet. In dieser Zeit hörte ich von der Kontemplationsschule Via integralis (gegründet von Pia Gyger und Niklaus Brantschen, eine Integration von Zazen und christlicher Mystik) und liess mich zur Kontemplationslehrerin ausbilden. Inzwischen begleite ich Werner Frei bei seinen Kontemplationskursen Via integralis in der St.Galler Kirche Riethüsli. Auch lass ich mich ausbilden zur Lehrerin der Stufe II, um Interessierte mit Koans oder Schlüsselworten begleiten zu können.
So lernte ich vom Buddhismus, wie ich selber etwas tun kann, um meinen geistlichen Bedürfnissen nachzugehen und ins Er-leben dessen zu kommen, das uns trägt. Ich bin mit diesem andern Bewusstsein auch im Alltag gelassener, in schwierigen Situationen kann ich bedachter und oft auch mutiger handeln. 

Kirchenbote SG, Juli/August 2015


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